• Roadtrip, die Erste!

    27.–28. jun. 2024, Canada ⋅ ☁️ 16 °C

    Wir wachen beide gegen 6 Uhr auf und blicken aus dem Heckfenster. Hinter dem anderen Ufer des La Biche Rivers und der bewaldeten Anhöhe erheben sich die weit entfernten Bergketten der Rocky Mountains. Jetzt verstehen wir, was mit dem "zauberhaften Ausblick" gemeint war. Wir staunen kurz und schlummern dann noch ein paar Stündchen. Als wir endgültig aufwachen, ist der Ausblick auf die Rockies wieder verschwunden. Der Moment am frühen Morgen wird das letzte Mal auf dieser Reise gewesen sein, dass wir einen Blick auf diese majestätischen Gipfel werfen dürfen.

    Wir pellen uns aus dem Bett und vollführen unsere alltägliche Choreografie, an deren Ende wir mit Tee und Kaffee belohnt werden. Vor ein paar Wochen sind wir dazu übergegangen, gleich morgens neben Kaffee auch Tee für den Tag vorzubereiten. Eine Kanne und zwei Thermobecher für die Fahrt helfen uns dabei, mehr zu trinken. Christian geht mit Bella spazieren und ich mache Freddie tagesfein, bevor wir uns auf den Weg machen.

    Unser Ziel heute ist der Elk Island Nationalpark. Christian hat dort für den Abend bereits einen Platz gebucht. Vorher steht noch ein Stopp in Edmonton an, um einem Amazon Locker einen Besuch abzustatten. Hinter den Rockies und entlang der heutigen Strecke bietet Alberta seichte grüne Hügel, weitläufige Graslandschaften, Wälder sowie Flüsse und Seen en masse. Nach einiger Zeit beginnt es ordentlich zu regnen, und Christian navigiert unser Heim auf Rädern sicher durch das feuchte Nass über den Highway. Wir kommen am Nachmittag in Edmonton an und holen die ersten Pakete aus dem Locker. Ein Päckchen fehlt noch, daher warten wir im Regen in Freddie und hoffen, dass es noch zugestellt wird. Wir frühstücken Müsli, Christian arbeitet am Laptop, ich lese und mache ein Nachmittagsnickerchen. Als um 17 Uhr immer noch kein Amazon-Fahrzeug in Sicht ist, rollen wir noch zum Starbucks und dann wieder auf den Highway. Wir haben noch etwa eine Stunde Fahrt vor uns und machen es uns im Fahrerhäuschen bequem.

    Den ganzen Tag begleitet uns ein wenig „British Columbia Wehmut“. Dort war es unglaublich leicht, wunderschöne Stellplätze zu finden. Das Angebot an Recreation Areas war beeindruckend und selten mussten wir Gebühren zahlen. Die Plätze waren zudem sehr sauber. Das Müllproblem war außerhalb von Vancouver Island deutlich besser und die Natur wurde respektvoller behandelt. Außerhalb der Saison hatten wir oft das Glück, sehr einsam die schönste Natur genießen zu können. Immer wenn man eine Staatsgrenze überquert, muss man sich ein wenig einfühlen, wie das „Wildcampen“ gehandhabt wird, ob es geduldet ist und wie man am besten Plätze (auch Campingplätze) findet.

    Für mich fühlt es sich ein wenig nach Heimweg an, was wahrscheinlich daran liegt, dass wir über die vor uns liegenden Staaten Kanadas bisher nicht viel wissen. Heute verbringen wir noch in Alberta. Bis zum 17. Juli (für die Red Hot Chili Peppers in Toronto) werden wir durch Saskatchewan und Manitoba reisen, bevor wir in Ontario ankommen. Dann warten noch Quebec, New Brunswick und Nova Scotia auf uns. So viel Land, so wenige klare Ziele und noch weniger Zeit für all das. Ich hoffe, wir verfallen nicht in Hektik, wobei wir die nächsten knapp drei Wochen gut Zeit haben, die insgesamt noch immer 3500 km in nette Roadtrips aufzuteilen. Mal sehen, was noch alles auf uns wartet.

    Am frühen Abend erreichen wir den Elk Island National Park. Diesen haben wir als Ziel gewählt, weil hier mehrere Bisonherden neben Elchen, Schwarzbären, Bibern und vielen Vogelarten frei leben. Gern wären wir bis nach Alaska gefahren, um dort Bisonherden in der Prärie zu sehen, aber dafür reichen unsere sechs Monate bei weitem nicht aus. Dann eben so. Wir fahren auf dem Weg zum Campground, der nördlich im Park gelegen ist, noch die „Bison Loop“, auf der sich allerdings keiner der schwarzen Riesen zeigt. Kurz danach sehen wir jedoch ein Bison neben der Straße grasen. Wir sind fasziniert, wie unförmig und riesig diese flauschig aussehenden Kühe mit Buckel sind, die mich an den Glöckner von Notre Dame erinnern. Der Park ist außerdem bekannt für riesige Biberdämme, die wie Pyramiden aus den Seen ragen, die wir passieren.

    Der Campground ist nett angelegt und wir sind zufrieden mit unserer Nische. Als erstes schnappen wir uns Bella und gehen ein kleines Ründchen spazieren. Seit wir in Kanada sind, sind wir jedes Mal aufs Neue glücklich, dass Bella in Nationalparks auf die meisten Wanderwege mit darf. Hier ist lediglich ein kurzes Stück eines Trails für Hunde gesperrt, und das aus Sicherheitsgründen, weil in diesem Teil die meisten Bisons leben. Damit können wir sehr gut leben. Auf dem Weg entdecken wir in neuen Sanitärgebäuden super ausgestattete und große Duschen, die schon aus der Ferne unsere Namen wispern. Hui, da freuen wir uns drauf.

    Aber erstmal heißt es, Abendessen vorbereiten, weil es mal wieder recht schnell recht spät geworden ist. Heute Abend gibt es Burger. Wir haben zwar keine Buns gekauft, da in der kleinsten Packung acht Burgerbrötchen drin waren (jep, willkommen in Amerika), aber wir nutzen einfach Sandwichtoastscheiben. Die Burger sind köstlich und ich muss an meine Kindheit denken. Wir haben an Karneval, immer Rosenmontags, bei meiner Oma den Karnevalszug gesehen und Kamelle gesammelt (sie hat sofort an der Strecke gewohnt). Vor dem Zug haben wir gemeinsam mit der Familie verkleidet Burger gemacht, auf dem Fernseher lief eine Übertragung anderer Karnevalszüge. Auch bei Oma gab es immer Toastscheiben statt Burgerbuns. Eine so schöne Erinnerung. Ich habe Karneval lange gehasst, aber das Burgeressen um das ganze Schischi herum war immer ein Lichtblick.

    Mit vollen Mägen macht Christian sich auf und geht spülen, während ich alles für meine Duschsause packe. Heiße Duschen sind echt nichts Selbstverständliches, das sind Dinge, die man ganz schön zu schätzen lernt. Wir können uns super und ohne Probleme in Freddie sauber und gut duftend halten, aber unter so einer warmen Brause zu stehen, ist schon herrlich. Ich freue mich auf jeden Fall darauf, mal wieder ohne Flip-Flops duschen zu gehen. Das Einzige, was wirklich unter der Reise leidet, sind meine Haare. Ich habe mir schon mehrmals überlegt, ob ich mir die Haare nicht einfach abrasieren soll… Christian hofft glaube ich immer noch ein wenig darauf, dass er bei mir vor der Rückreise den Rasierer mit 10 mm auf meinem Kopf ansetzen darf.

    Nach der Dusche komme ich zurück zu Freddie und gebe mir mit Christian die Klinke in die Hand. Als auch er wieder in Freddie ist, leiten wir den gemütlichen Serienabend ein und lassen den Tag ausklingen.
    Læs mere