• Pumper-Kühe

    28.–29. jun. 2024, Canada ⋅ ☀️ 18 °C

    Herrlich erholt und ohne Tierbesuche werden wir am Donnerstagmorgen wach. Wie gut, dass wir gestern Abend gespült und geduscht haben, so bleibt bis zur Check-out-Zeit um 11 Uhr noch genug Zeit, um den Kaffee in aller Ruhe zu schlürfen. Bella beobachtet uns und die Umgebung sehr genau. Aus allen Ecken sind die meckernden Geräusche von Erdhörnchen zu hören, die sich vermutlich nur darüber beklagen, dass wir sie nicht füttern.

    Mit gefülltem Wassertank rollen wir vom Stellplatz in Richtung des großen Parkplatzes am Astotin Lake und nutzen die dortige Dumpingstation. Über Nacht ist der chemische Tankreiniger zum Einsatz gekommen. Nach über vier Monaten auf der Reise haben sich im Tank einige Ablagerungen gebildet, denen der Reiniger aber in der angegebenen Zeit nicht Herr geworden ist. Den Vorgang werden wir nochmals wiederholen müssen. Notfalls wird der Tank nach unserer Rückkehr einmal ausgebaut und von Hand gereinigt.

    Direkt von der Entleerungsstation geht es weiter zum Parkplatz mit dem Einstieg zu unserer Wanderung. Wir sind mal wieder vom Glück geküsst, als wir auf dem Weg dorthin zwei Waldbisons am Straßenrand beobachten können. Die Tiere sehen wirklich aus wie Kühe auf Steroiden, fressen aber in aller Seelenruhe das Gras am Rand und schauen nur zwischenzeitlich mit dem sehr flauschig wirkenden Gesicht in unsere Richtung. Der Broschüre des Parks haben wir entnommen, dass es nur die Zeitspanne eines Menschenlebens gebraucht hat, um die Bisons in Nordamerika fast vollkommen auszurotten – im Park leben heute mehr Tiere als um das Jahr 1890 herum in Nordamerika. Beeindruckt erreichen wir wenige Minuten später den Parkplatz und machen uns direkt abmarschbereit. Der Himmel ist wolkig genug, sodass wir beide, gebräunt wie wir mittlerweile sind, auf die Sonnencreme verzichten.

    Bella freut sich sichtlich und kommt bereits nach den ersten Metern nicht vom Schnüffeln los und markiert fast jeden Bisonfladen, den wir passieren. Nach dem zweiten Dutzend der Markierungen scheint sie ihre Aufgabe als Sisyphusarbeit zu erkennen und konzentriert sich mehr und mehr auf das Schnappen nach Fliegen. Ebenfalls eine Sisyphusarbeit, bei der sie aber Unterstützung von mir und Hanna bekommt. Der breite Weg, der scheinbar auch regelmäßig von Rangern befahren wird, ist links und rechts von Birkenhainen gesäumt. Uns fehlen zwar jetzt schon die hohen Nadelbäume, an die wir uns in den letzten Wochen gewöhnt haben, aber wir fühlen uns beide auch ohne zusätzliche optische Reize in Form von Bergen sehr wohl.

    Mit der Zeit ändert sich das Wohlfühlen jedoch deutlich. Im Nationalpark gibt es mehr als ein Dutzend benannter Seen und weder Hanna noch mich sollte es überraschen, dass wir neben Fliegen auf den Bisonfladen auch auf Mücken und Bremsen treffen. Während sich die Anzahl letzterer noch im Rahmen hält, geben wir es bald auf, die Anzahl von Mücken zu zählen. Auch das Zählen derjenigen, die wir erschlagen, und derer, die uns stechen, ist aussichtslos.

    Hätten wir uns im Vorhinein darüber mal Gedanken gemacht und eine der vorhandenen Lotions verwendet, so hätten wir heute beim Schreiben nicht mehrere Dutzend Mückenstiche an sämtlichen Stellen des Körpers. Hanna hat es aufgrund einer langen Hose und eines langen Oberteils etwas einfacher mit der Mückenabwehr, bei mir ist in kurzer Hose und Unterhemd dann alle Hoffnung verloren. Wir bewegen uns den mittleren Abschnitt fast dauerhaft auf Körperteile schlagend und hüpfen entlang des Weges. Immerhin sind wir danach gut genug trainiert, um bei den Deutschen Meisterschaften im Schuhplatteln außer Konkurrenz mitzumachen.

    Zufrieden kommen wir nach knapp zwei Stunden wieder an Freddie an und Hanna bereitet für die Fahrt noch Käsebrote vor, pellt Eier und kombiniert noch ein paar Gemüsesticks dazu. Wir versuchen frühstückend nochmal unser Glück entlang der kurzen Bison-Safari-Straße, folgen jedoch wenig später der Hauptstraße des Parks in Richtung Norden. Mittlerweile ist es 15 Uhr und der nächste Stopp auf der Fahrt in Richtung Osten, der Prince Albert Nationalpark, ist ohnehin noch zu weit entfernt, als dass er heute gut erreicht werden kann.

    Hanna hat drei mögliche Plätze für die Nacht herausgesucht und wir entscheiden uns für den mittleren von diesen. Mit eingeschaltetem Tempomat geht es mit entspannten 95 km/h kontinuierlich in Richtung Osten. Der Highway ist in gutem Zustand und fast ausnahmslos zweispurig, sodass das Lenkrad heute fast vollkommen überflüssig ist. Trotzdem macht das Fahren Spaß. Auch wenn wir die Berge sehr vermissen, hat die Rundumsicht in diesem gigantischen Flachland ihren Charme.

    Ohne es geplant oder auf dem Schirm gehabt zu haben, verlassen wir dann heute auch schon Alberta. Mit dem Besuch in Jasper und Banff war es in dieser Provinz doch ein recht kurzes Gastspiel für uns. Mit Blick auf die verbleibenden Tage steht British Columbia auch als „Sieger“ des längsten Aufenthalts in einem Bundesstaat bzw. in einer Provinz fest. Die Szenerie in Saskatchewan ändert sich kaum, dennoch merken wir, dass es hier nochmal dünner besiedelt ist. Auf einer Fläche fast doppelt so groß wie Deutschland leben nur 1,1 Millionen Einwohner. Etwas weniger als die Hälfte verteilt sich auf die beiden größten Städte, Saskatoon und Regina.

    Auf dem Weg schauen wir uns nochmal den Stellplatz in der Satellitenansicht auf Google Maps an und kommen überein, dass es hier nur Platz für ein einziges Fahrzeug gibt und das in unmittelbarer Nähe zu einem Wohnhaus. So dünn wie Saskatchewan besiedelt ist, müssen und wollen wir uns nicht direkt neben das einzige Haus im Umkreis stellen und finden nach etwas Suche noch einen Stellplatz an einem Fähranleger. Dort kommen wir gegen 20 Uhr an.

    Hanna kümmert sich unmittelbar um das Vorbereiten des Essens und ich – motiviert durch eine Migränetablette – spaziere mit Bella los, stehe aber keine fünf Minuten später wieder bei Freddie. Der Fluss führt weniger Wasser als in den letzten Tagen und nachdem Bella in getrockneter Ufernähe nicht eingesunken ist, bin ich dorthin gefolgt. Das fünffache Gewicht nur auf zwei Gliedmaßen verteilt sorgt dann aber dafür, dass ich nach dem dritten Schritt in der schlammähnlichen Masse bis fast zum Knie versinke. Es gelingt mir zwar ohne große Mühe, mich aus der Pampe zu befreien, aber meine versunkenen Vans rette ich erst in einem zweiten Anlauf. Meine Füße, ebenso matschig wie die Schuhe von außen und innen, ziehe ich trotzdem an. Hanna braucht ein paar Augenblicke, um den Schaden zu erkennen, und amüsiert sich köstlich. Heute bin es mal ich, der von der Muse der Tollpatschigkeit geküsst wird. Mit der Bürste bewaffnet schaffe ich es dann, im Fluss die Schuhe und meine Beine gut vom Schlamm zu befreien. Immerhin haben wir so ein Stichwort, mit dem wir uns direkt an diesen Platz erinnern können.

    Danach geht es erneut mit Bella los. Diesmal folge ich der Schotterpiste und schaffe es ohne weitere Zwischenfälle zurück zu Hanna und Freddie. Durch das kleine Malheur ausgebremst hat Hanna das Fertigstellen des Essens hinausgezögert und wenige Minuten später ist eine köstliche Brokkoli-Carbonara fertig.

    Mit bestem Blick auf den Sonnenuntergang (und geschützt hinter dem Mückennetz) mache ich den Abwasch, während Hanna eine Foto-Session einlegt und mal wieder ein paar tolle Erinnerungen einfängt. Müde von all den Eindrücken lassen wir den Tag in Begleitung unseres Lieblings-Serienmörders ausklingen.
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