Der etwas andere Wecker
3.–4. jul. 2024, Canada ⋅ ☁️ 18 °C
Auch wenn ich die Nacht gut geschlafen habe, bin ich bereits in den frühen Morgenstunden ein paar Mal wach geworden. Die geänderte Zeitzone und der Verzicht auf die Thermomatten sorgen dafür, dass es viel früher Tageslicht in Freddie gibt als gewohnt. Gegen 6 Uhr drehe ich mich ein weiteres Mal herum, werde aber eine gute halbe Stunde später von ein paar Geräuschen wach. Hanna daddelt bereits seit ein paar Minuten am Handy und erklärt auf meine verschlafene Frage, dass es nur Bella sei.
Es dauert ein paar Augenblicke, bis wir feststellen, dass die Geräusche aus der Ecke vom rechten Hinterreifen kommen. Bella hat heute Nacht mal wieder unter dem Tisch geschlafen, was uns das leicht wahrnehmbare Schnarchen auch bestätigt. Während Hanna sich trotzdem noch einmal vergewissert, dass Bella nicht neben dem Bett liegt, sehe ich bereits die Quelle der Geräusche. Ein Schwarzbär steht an der Schiebetür und als ich das Zurückschnappen des Türgriffes höre, erkläre ich das Offensichtliche: „Das ist nicht Bella, das ist ein Bär“. Welch ein Glück, dass ich fast ausnahmslos jeden Abend Freddie abschließe, ansonsten wäre die Schiebetür wahrscheinlich jetzt offen.
Wir fangen beide an laut zu reden, damit der Bär merkt, dass sich in der schwarzen Blechbüchse Menschen befinden. Anfangs ist der Effekt minimal, und der Bär beißt zuerst in den rechten und dann in den linken Außenspiegel. Wir werden lauter, und das sorgt dann dafür, dass der Bär von Freddie ablässt. Bella hat in der ganzen Zeit keinen Mucks von sich gegeben, den Bären auch nicht sehen können, und rollt sich nochmal etwas kleiner auf dem Kissen zusammen und zittert ein wenig. Verständlich, wenn wir beide wie zwei Halbwahnsinnige anfangen, am frühen Morgen in Freddie herumzubrüllen.
Der Bär hat sich auf den Weg in Richtung der beiden roten Mülltonnen gemacht, die sich hinter Freddie befinden, und wird genauestens von Hanna beobachtet. Abgesehen von der Lautstärke, sind wir beide entspannt und ich ziehe mir für den Fall der Fälle schon mal eine Hose an und angle das Bärenspray von vorne nach hinten.
Für uns beide ist die Situation schon geklärt, aber nachdem die bärensicheren Mülltonnen dem Bären standhalten, sind wir für das hungrige und stark von Mücken geplagte Jungtier wieder von größtem Interesse. Zielsicher probiert der Bär erneut einen Außenspiegel und ich klettere schnell in die Fahrerkabine und mache lautstark auf uns aufmerksam. Der Bär schaut mich auch mehrfach an, scheint mich aber offensichtlich nicht ernst zu nehmen.
Mittlerweile ist er aus dem Stand(!) auf die Motorhaube gesprungen und versucht, über die Windschutzscheibe nach oben zu klettern. Ich schaue dem Treiben für ein paar Augenblicke zu und höre, wie die Radioantenne von Freddie abbricht, diese nach unten fällt und parallel dazu das Quietschen der abrutschenden Tatzen auf der Windschutzscheibe. Während der Bär einen weiteren Versuch unternimmt, schnappe ich mir den Autoschlüssel, um gegebenenfalls loszufahren. Als der Bär bei einem weiteren Kletterversuch wieder abrutscht, diesmal leicht seitlich, drehe ich den Schlüssel schon mal auf die Vorstufe. Dies sorgt dann unmittelbar dafür, dass sich die Scheibenwischer in Bewegung setzen – bei der Ankunft gestern hat es leicht geregnet und ich habe diese gestern Abend nicht ausgeschaltet. Während ich nur überrascht bin, ist der Bär richtig erschrocken. Er wird halb von der Scheibe gewischt, halb springt er von Freddie herunter. Ich starte zusätzlich Freddie, sehe den Bär direkt neben Freddie und fahre sicherheitshalber noch ein paar Meter nach vorne. Der Bär schüttelt sich, hat sichtlich genug und verkrümelt sich in die Büsche.
Das soeben Geschehene wird von uns beiden erstmal lachend verarbeitet und besprochen. Ein kleiner Teil von mir hatte immer den Wunsch, einmal einen Bären zu beobachten, wie er in unserer Nähe an einem Stellplatz entlangspaziert – allerdings ohne die „Dramatik“ der letzten Viertelstunde. Nicht nur aufgrund der Mücken verzichten wir auf die morgendliche Runde mit Bella an diesem Platz, machen uns und Freddie abfahrbereit und fahren gegen kurz nach sieben vom Stellplatz.
Gegen neun erreichen wir eine Raststätte und machen dort eine längere Pause. Während es für die beiden Damen ins Grüne geht, kümmere ich mich um den Kaffee, den wir dann gemeinsam genießen. Da wir heute noch ein gutes Stück fahren wollen, entscheiden wir uns auch für Frühstück und zaubern gemeinsam noch Frühstückswraps, die wir dann, wenig überraschend, hungrig verputzen. Zwei Stündchen später machen wir uns wieder auf den Weg und haben uns drei mögliche Ziele ausgesucht. Das am weitesten entfernte, der Quetico Provincial Park, wurde uns von Emilie empfohlen, ist aber noch knapp 1000 Kilometer entfernt. Davor ist ein möglicher Stopp für die Nacht der Rushing River Provincial Park in 600 Kilometern Entfernung, der ebenso wie der andere Park bereits in Ontario liegt. In nur 450 Kilometer Entfernung befindet sich ein Campground am West Hawk Lake.
Wir halten uns alle drei Optionen knapp vier Stunden lang offen, bis wir in Winnipeg an einem Starbucks halten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich die Kombination aus Autowaschstraße und Hundewäsche, die wir mit dem Kaffee bewaffnet anfahren. Auf der Internetseite wird für die Filialen auch mit Waschmaschinen geworben, für eine solche Filiale müssen wir dann aber noch ein kleines Stück fahren. Nachdem dort die Waschmaschinen beladen sind, wird Freddie ordentlich gesäubert. Gerade in den letzten zwei Tagen haben sich unendlich viele Insekten auf der Motorhaube und im Kühlergrill verabschiedet, sodass ich allein dort fünf Minuten benötige, bis fast sämtliche Spuren entfernt sind. Hanna kümmert sich unterdessen um das Umladen der Wäsche in den Trockner und nach ein paar weiteren Minuten parken wir Freddie auf dem Hof und schaffen etwas Ordnung. Da die Übernachtung im Rushing River Provincial Park fast dreimal so viel kostet wie am Campground am West Hawk Lake, entscheiden wir uns für die Übernachtung dort – dort werden wir dann auch noch duschen können.
Zuvor entscheiden wir uns aber spontan noch für den ersten Besuch bei einer Fast-Food-Kette in Kanada – abgesehen von Starbucks waren wir ausschließlich in lokalen Restaurants unterwegs. Die Wahl fällt auf Popeyes Louisiana Kitchen, das den Fokus auf Geflügelprodukte und Spezialitäten der Cajun-Küche legt. So gibt es dann für uns ein Dutzend Hähnchensticks und dazu Cajun-Pommes. Da beides Fingerfood ist, lässt es sich auch gut während der Fahrt verputzen. Die letzten drei Hähnchensticks sind dann doch zu viel für uns, und wir planen diese für eine zeitnahe Wrap-Mahlzeit ein.
Wir kommen gegen 19:30 Uhr am Campground an und suchen uns einen der vielen freien Plätze aus. Das Bezahlen und Registrieren erfolgt erst am nächsten Morgen. Im Vergleich zur gestrigen Mückenwolke ist es hier auf dem Platz gut aushaltbar. Die Runde mit Bella drehe ich dann aber zum Großteil außerhalb des Campingplatzes und dort zeigt sich dann doch direkt wieder ein anderes Bild. Wir vermuten, dass hier auf dem Platz zwischenzeitlich auch Insektizide versprüht werden, wie wir es „damals“ schon in Oregon gesehen haben.
Immer noch gesättigt vom Fast Food machen wir es uns frisch geduscht auf dem frisch gewaschenen Bett im frisch gewaschenen Freddie gemütlich. Was für ein wilder Tag: Bärenbesuch, fast 650 Kilometer gefahren und richtig viel erledigt. Kein Wunder, dass wir beide ziemlich müde sind!Læs mere










Rejsende
.Na das ist schon ein anderes Kaliber als ein Gummibãrchen ;-)
Rejsende
Was für mich !!
Abenteuer pur [Petra]
Rejsende
Iihh