• Auf nach Mückenhausen

    4.–5. jul. 2024, Canada ⋅ ☀️ 23 °C

    Wir wachen zeitig auf und ich hopse mit Bella aus Freddie und drehe eine Morgenrunde, während Christian sich um Kaffee- und Teekochen kümmert und Freddie tagesfein macht. Außerdem meldet er uns bei der Rezeption an und zahlt unsere offenen Stellplatzkosten. Die frische Morgenluft tut gut und Bella und ich genießen es, recht mückenfrei durch die Gegend zu stapfen. Der See, an dem wir stehen, ist laut Infotafel durch einen Meteoritenkrater entstanden und mit über 100 Metern Tiefe der tiefste See Manitobas. Demnach ist er ein beliebtes Ausflugsziel für Scuba-Diver. Warnschilder beschwören Angler, hier keine Fische zu fangen, da das Einzige, was sie angeln würden, vermutlich wütende Taucher wären. Auf einem der versteckteren Campingnischen grast in aller Seelenruhe ein Wapiti. In Deutschland werde ich die Vielfalt an Tieren, die nicht durch Menschen vertrieben wurden, ganz schön vermissen.

    Zurück an Freddie wartet ein köstlicher Kaffee auf mich, den Christian und ich sogar unter freiem Himmel genießen. Er erzählt, dass die netten Menschen an der Rezeption ganz neugierig nach unserer Reise gefragt haben. Auf seine Frage hin, ob es üblich ist, dass noch so viele Plätze wie gestern Abend frei sind, antworteten die Mitarbeiter, dass um diese Jahreszeit in der Regel alles bis auf das letzte Plätzchen ausgebucht ist. Dieses Jahr hagelt es allerdings Stornierungen und die Camper bleiben aus, da das Jahr auch für an Mücken gewöhnte Kanadier eine Herausforderung darstellt. In uns regt sich so langsam eine kleine Sorge, wie wir die Mückensituation die nächsten 40 Tage überstehen werden. Hier geht es aktuell wie gesagt, wir hoffen einfach darauf, dass wir noch einige Plätzchen finden werden, die nicht so heimgesucht werden wie der Bärenplatz von vorgestern. Denn unsere rosige Vorstellung, auf den Seen Ontarios (hier ist man laut Emilies Aussagen nie weiter als 40 km vom nächsten See entfernt) das Stand Up Paddle endlich auspacken zu können, die wunderschöne Natur wandernd zu entdecken und lange Abende am Lagerfeuer zu verbringen, passt nicht ganz mit der Mückenerfahrung der letzten Tage zusammen. Auch wenn man sich im Internet schlau macht, kommt man schnell eher resigniert zu der Erkenntnis, dass es das ganze Frühjahr über in Kanada eher mild war und viel geregnet hat – ein Sommer mit einer untypisch hohen Mückendichte ist wohl also zu erwarten gewesen. Mal schauen, was wir aus der Situation machen. In Schweden und Schottland haben wir es geliebt, Urlaub zu machen, und auch diese Länder sind bekannt dafür, mückenreich zu sein. Das waren sie auch, als wir dort waren. Allerdings haben die Plagegeister hier nach dem Morgen bis in die frühen Abendstunden immer eine Pause eingelegt. Vielleicht wird das hier ja auch so sein. Wir sind gespannt und leise hoffnungsvoll.

    Bis zum Quetico Provincial Park in Ontario sind es noch 443 Kilometer. Wenn man sich unsere Fahrtstrecken der letzten Tage anschaut, ist das ja fast ein Klacks. Wir gehen also davon aus, dass wir heute dort ankommen werden und im Provincial Park selbst übernachten können. Um elf Uhr sind wir auf der Straße und rollen in Richtung Ontario los. Gegen frühen Nachmittag rollen wir auf einen Rastplatz, der direkt an einem See gelegen ist und genießen ein Müsli, das Christian morgens, während meiner Gassirunde, noch vorbereitet hat. Bei der Aussicht schmeckt es sofort noch besser. Und hier sind keine Mücken in Sicht, sodass wir die Natur bei offener Schiebetür genießen können. Na, geht doch.

    Heute knallt die Sonne ordentlich, vom Himmel strahlt ein knalliges Blau und die Temperaturen im Fahrerhaus klettern schnell auf 30°C. Hinten ist es ein bisschen kühler, sodass Bella bequem auf dem Bett herumdösen kann. Am Nachmittag passieren wir Dryden, eine etwas größere Stadt, wo Christian noch in den Walmart hopst, damit unsere Obst- und Joghurtvorräte wieder aufgefüllt werden. Ich bleibe bei weit aufgerissenen Fenstern bei Bella im Auto, sodass es nicht zu heiß wird.

    Nach dem Einkauf rollen wir sofort gegenüber auf den Parkplatz eines Tim Hortons. Von der „Gebäck- und Fast Food Kette“ hat mir Christian schon öfter vorgeschwärmt und damals in Schottland sind wir bereits in den Genuss gekommen. Hier in Kanada gibt es in jedem kleinen Örtchen einen Tim Hortons und einen A&W Burgerladen. Beides haben wir bisher, wahrscheinlich unterbewusst mehr aus Selbstschutz, noch nicht besucht. Aber der Kaffeedurst meldet sich, kurze Zeit später sitzen wir, unsere kleinen inneren Kinder sehr befriedigt, wieder in Freddie. Neben zwei Eiskaffees gibt es für jeden von uns eine riesige glasierte Apfeltasche und eine 10er-Packung TimBits. Schmeckt wie eine Mischung aus Krapfen und Donut und ist so süß, dass ein Zuckerschock garantiert ist. Oh oh, mal schauen, ob wir mit diesem Besuch den Fett- und Süßstein ins Rollen gebracht haben … und uns damit auf lange Sicht auch.

    Wir fahren weiter, halten kurz vor dem Provincial Park nochmal an einem Liquor Store und kaufen uns ein paar Bierchen. Am Campingplatz angekommen kümmert Christian sich um die Anmeldung, kommt mit Flyern, einer Platzerlaubnis für die nächsten zwei Nächte und Feuerholz wieder und wir rollen zum Platz. Hier angekommen merken wir als erstes, dass dieser so windschief ist, dass selbst unsere Keile nicht ausreichen, um Freddie in Waage zu bringen. Aber zwei Nächte in eine Richtung schief zu liegen, wird wohl schon passen. Während wir uns nach fünf Versuchen für das kleinste Übel des schief Stehens entscheiden, wissen wir, dass wir nicht allein sind. Die Mückenplage hat auch diesen Platz ordentlich im Griff und obwohl ich mich vor dem Unterlegen der Keile ordentlich eingecremt habe, haben mir bestimmt zehn Viecher durch Hose und Shirt in Po und andere eigentlich gut verdeckte Körperteile gestochen.

    Christian wagt sich mit Bella nach draußen, während ich uns Wraps zaubere. Christian und Bella kommen richtig geknickt und resigniert wieder und auch meine Stimmung ist getrübt, weil Frau Schwarzmalerin sich die nächsten Tage in Freddie und nicht die Natur erkundend sieht. Das Essen ist lecker und den Rest des Abends wird die Laune mit Hilfe von Dexter wieder ein bisschen besser. Morgen ist ein neuer und hoffentlich mückenärmerer Tag.
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