• Herzensheimatgefühle

    17–18 Jul 2024, Kanada ⋅ ☁️ 17 °C

    Wir sind gegen Mittag aufgewacht. Ankunft an diesem Ort war erst um halb fünf Uhr morgens, und nach dem nassen Gassigang dauerte es bis 5 Uhr, bis wir endlich die Augen schließen konnten. Daher ist es verständlich, dass wir erst um halb zwölf wieder aufwachen. Der Blick nach draußen zeigt immer noch eine mystisch neblige Landschaft um uns herum und erinnert mich wie gestern Abend schon an Schottland. Christian geht eine Runde mit Bella und ich bereite Freddie vor. Die Kaffee- und Tee-Zubereitung lassen wir heute Morgen ausfallen, da wir noch Tee vom gestrigen Tag haben und den Kaffee unterwegs besorgen möchten.

    Auf der Fähre haben wir ein gut aufgearbeitetes Reiseführer-Büchlein über Neufundland ergattert. Die Insel ist darin von Westen über Nordosten und so weiter aufgeteilt, und verschiedene Routen, Highlights und Sehenswürdigkeiten sind anschaulich beschrieben. Neufundland ist flächenmäßig sogar noch etwa 20.000 km² größer als Irland. In unserer Uninformiertheit wundert uns das zu Beginn ein wenig, sieht die Insel doch im Vergleich zum Festland eher pupsklein aus. Aber wir vergessen schnell, dass wir die letzten Wochen bzw. Monaten das zweitgrößte Land der Welt durchquert haben. Die Vielfalt, die Neufundland zu bieten hat, lässt uns darüber nachdenken, ob wir nicht die nächsten Wochen komplett hier verbringen und unseren Flug so umbuchen sollen, dass wir möglicherweise von Halifax aus zurückreisen können. Wir lassen diese Idee etwas reifen und entscheiden in den nächsten Tagen. Selbst wenn wir diesen Plan umsetzen, werden wir bei Weitem nicht alles von diesem auf den ersten Blick wirklich wunderschönen Fleckchen Erde erkunden können. Es gibt so viel zu sehen, angefangen im Nordwesten der Insel, wo man einen Blick auf den Erdmantel werfen kann, der sich hier an die Erdoberfläche gedreht hat, bis hin zum Highlight im Norden, wo man beizeiten Eisberge aus Grönland vorbeiziehen sehen kann. Vielleicht bekommen wir ja auch noch Wale zu Gesicht.

    Es versprechen auf jeden Fall noch aufregende Wochen zu werden, und wir sind schon jetzt gespannt darauf. Während wir entlang der Westküste fahren, suchen wir nach einem geeigneten Stellplatz. Christian findet recht schnell eine Möglichkeit an den Klippen des Boutte du Cap Parks an der Westküste. Auf dem Weg dorthin passieren wir das Städtchen Stephenville, wo wir für einen Kaffee im "The Wild Strawberry Crêperie & Café" anhalten. Hier gibt es eine Granola-Bowl mit Erdbeeren, Bananen und Blaubeeren für jeden von uns, die wir zusammen mit dem Kaffee in einer kleinen Bücherecke in gemütlichen Sesseln genießen. Wir hatten gehofft, noch Crêpes zu bekommen, die in den Bewertungen des Cafés hoch gelobt wurden, aber leider waren wir um 15:30 Uhr zu spät dran. Die Bowl ist jedoch köstlich, genauso wie der Kaffee, und frisch gestärkt machen wir uns auf die letzten Kilometer zum ausgewählten Stellplatz.

    Die Strecke des heutigen Tages lässt in uns auf jeden Fall schockverliebte Gefühle unserer Herzensheimatländer der letzten Jahre aufkommen. An einer Ecke fühlen wir uns an die sanften, mystischen Weiten Schottlands erinnert, während hinter der nächsten Kurve raue Klippen und wildes Meer wie in Irland auf uns warten. Wir fühlen uns sofort wohl und sind mehr als zufrieden damit, dass unsere Entscheidungen der letzten Tage uns genau hierher geführt haben. Ich würde sagen, wir haben alles richtig gemacht. Am Kap angekommen, sind wir begeistert von der Weitläufigkeit der Anlage. Hier gibt es einige Stellplätze mit Picknickbänken und atemberaubenden Ausblicken. Zusätzlich gibt es Mülleimer, Toiletten, einen Spielplatz an der Einfahrt und eine kleine Hütte, in der Einheimische im Juli und August täglich Brot verkaufen. Und das alles ist umsonst nutzbar. Was will man mehr?! Wir steigen aus Freddie aus und drehen zuerst eine kleine Gassirunde mit Bella, um den Platz zu erkunden. Danach steht für mich besonders das Tippen von Berichten an, denn der Bericht, der heute Abend online gehen soll, existiert noch nicht.

    Als wir aus Freddie aussteigen, fällt uns ein älterer Herr auf, der mit seinem Pyrenäenhund am Rande der Klippen steht und uns freundlich anlächelt. Wir kommen ins Gespräch mit Jerry, der vor drei Jahren mit seiner Frau von Ontario nach Neufundland gezogen ist und hier super glücklich in der kleinen Gemeinde am Kap in einem Haus mit Meerblick lebt. Wir unterhalten uns ausgiebig und gehen dann nach der Verabschiedung mit Bella die Klippen hoch, wo laut Jerry der atemberaubendste Platz sein soll. Oben angekommen, können wir ihm nur zustimmen und beschließen, Freddie abzuholen und uns hier häuslich einzurichten. Als wir zu Freddie zurückkehren, fährt plötzlich ein Jeep vor, und eine ältere Frau in schicker Kleidung steht an den Klippen und schaut intensiv aufs Meer hinaus. Als sie sich umdreht, richtet sie ihren Blick auf Freddies Kennzeichen und fragt uns, woher wir kommen. Sie erzählt uns, dass sie oft hierherkommt, um nach Walen und Seehunden Ausschau zu halten, die hier häufig vorbeiziehen. Die Frau stellt sich als Mercedes vor und fragt, wie lange wir hier bleiben werden. Morgen plant sie eine große Geburtstagsfeier mit ihrem Mann zu Hause und lädt uns ein, auch vorbeizukommen. Wir haben, wie so oft, noch nicht entschieden, wie lange wir bleiben wollen, und als wir das erwähnen, fragt sie, ob wir dann nicht Lust hätten, später auf einen Tee vorbeizukommen. Sie wohnt im orangefarbenen Haus mit der orangefarbenen Garage davor. Als ich frage, ob wir an der Straße nach rechts oder links abbiegen müssen, überlegt sie kurz und schlägt dann vor, dass wir einfach jetzt mitfahren könnten. Es sei sowieso schon 18 Uhr, und so könne sie uns einfach mitnehmen. Christian und ich tauschen Blicke aus und sind uns einig, dass nichts dagegenspricht. Ich bringe schnell noch Bellas Kotbeutel weg, und dann steigen wir ins Auto. Christian murmelt noch: "Was haben uns unsere Eltern beigebracht, steige nie zu Fremden ins Auto?!" Ich muss grinsen. Das toppt ja fast die Freundlichkeit des Fischers in Florida.

    Mercedes blubbert während der 5minütigen Fahrt lustig vor sich hin, dass ihr Mann sowas mittlerweile gewöhnt sei, sie würde häufiger Leute einladen, aber fände es auch einfach zu spannend, Geschichten von anderen zu hören. Er ergebe sich meist schnell in sein Schicksal und würde am Ende die Konversation auch immer genießen. Kurz vor ihrem Haus sehen wir am Straßenrand Jerry mit seinem Hund spazieren. Mercedes ruft laut, winkt und hupt eine Runde – Jerry ist ihr Mann, und Christian und ich grinsen breit. Mit heruntergelassenen Fenstern halten wir neben Jerry, und mir entfährt ein "I don’t know how this happened", worauf Jerrys erste Reaktion gegenüber seiner Frau ein resigniertes "Again?! Our house is a mess!" ist. Mercedes lacht und meint, dass es ihr egal sei, wie das Haus aussähe, und dass es uns bestimmt auch nicht stören würde. Sie verabschiedet sich mit einem fröhlichen "See you home, pal" aus dem Fenster, und dann rollen wir die letzten Meter weiter.

    Wir kommen an einem knallorangefarbenen Haus an, das auf einem Grundstück direkt an den Klippen bunt herausragt. Es ist ein richtiger Farbtupfer. Schon auf dem Weg hierher ist uns aufgefallen, dass in der kleinen Siedlung bunte Häuschen in allen erdenklichen Farben stehen. Wir treten ein, und das Haus ist wirklich wunderschön chaotisch. Auf der Küchenanrichte, die man vom Eingang aus sehen kann, liegen kein Geschirr oder etwa Lebensmittel, sondern Mercedes' aktuelle Steinsammlung, aus der sie kleine Steinmännchen gebastelt hat. Das Haus ist ein Traum. Alles ist offen, und mitten im Erdgeschoss führt eine Treppe in die Mitte des oberen Stockwerks. Mercedes führt uns herum. Um die zentrale Treppe herum befinden sich eine Wohnzone, die offene Küche und ein Essbereich mit atemberaubender Aussicht durch die Fensterfront zum Meer. In einer weiteren Nische steht ein riesiger Fernsehsessel, und neben diesem befindet sich der Zugang zur großen Veranda mit Meerblick. Im oberen Stockwerk ist eine Sichtwand ähnlich wie ein Paravent eingezogen, hinter der direkt vor der Fensterfront das Bett mit Blick auf das Meer steht. Von hier aus gelangt man in ein Badezimmer mit freistehender Badewanne, die ebenfalls einen Blick über die Klippen bietet. Es gibt noch ein Badezimmer, und das ist das gesamte Obergeschoss. Wir sind begeistert vom Design des Hauses, das Mercedes und Jerry alleine ausgetüftelt haben. Während des Baus gab es einen Brand, und sie mussten mitten im Bau von vorne beginnen. Das gesamte Haus ist voller Erinnerungen und Souvenirs von ihren Reisen. Es hängen viele Fotoerinnerungen im Haus, und es strahlt nur so vor Charme und Charakter. Auch dieses Haus kommt sofort auf unsere imaginäre Liste.

    Wir bekommen beide eine Tasse schwarzen Tee und ein Stück Geburtstagskuchen und machen es uns im Essbereich gemütlich. Mittlerweile ist auch Jerry dazugekommen und gesellt sich zu uns. Wir vier verquatschen uns wahnsinnig, die beiden erzählen von ihrer Lebensgeschichte, wir von unserer Reise und wir kommen von Hölzcken auf Stöcksken. Nach guten zwei Stunden eisen wir uns voller Dankbarkeit los und laufen zum Platz zurück. Solche Begegnungen sind einfach zauberhaft besonders und wir sind mehr als dankbar für die Offenheit, Neugier und Nettigkeit mancher Menschen, die wir auf der Reise treffen durften.

    Zurück bei Freddie können wir momentan nur knapp zwei Meter weit sehen, da dichter Nebel aufgezogen ist. Glücklicherweise ist der Platz auf den Klippen immer noch frei. Also richten wir Freddie mit bester Aussicht (sobald sich der Nebel verzieht) aus und verarbeiten diesen zauberhaften Tag. Ich bereite schnell eine Bowl mit Reis, Gemüse und Erdnusssauce zu und beschließe, dass ich nach dem Essen bestimmt keinen Blogbeitrag mehr schreiben werde. Das ist glaube ich das erste Mal, dass wir trotz gutem Empfang nichts posten werden, aber manchmal kommt das Leben eben dazwischen, nicht wahr?! Nach dem Essen kuscheln wir uns also ein, schauen zwei Folgen Dexter und schlafen dann unter dem sanften Schaukeln durch den kräftigen Wind ein.
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