• Auf der Suche nach Eisbergen und Walen

    Jul 21–22, 2024 in Canada ⋅ ⛅ 22 °C

    Nach einer entspannten Nacht wachen wir heute am Sonntag in dieser zauberhaften Seenlandschaft auf. Ich schnappe mir Bella und drehe eine Runde, wobei ich etwa einen Kilometer in eine Richtung laufe, dann wende und bis zum Anfang der Zufahrtsstraße zurückgehe, um dann wieder zu Freddie und Christian zurückzukehren. Nachdem Christian gestern erzählt hat, dass er auf seiner Abendrunde von Mücken geplagt wurde, sobald er auf der angrenzenden Insel angekommen war und kein Wind mehr ging, habe ich beschlossen, bis zu den ersten Mücken zu laufen und dann umzukehren. Auch so habe ich am Ende der „Runde“ zweieinhalb Kilometer zurückgelegt, ein paar Kanufahrer beobachten können und Bella konnte gleich beide Wegseiten markieren und so für sich erobern 😉.

    Zurück bei Freddie testet Christian gerade verhalten die Wassertemperatur des Sees; ein kleiner Teil von ihm möchte heute Morgen eine Runde schwimmen gehen. Nach dem Wassertest entscheidet er sich jedoch dagegen. Wir trinken gemeinsam Kaffee und genießen das warme und sonnige Wetter. Es ist wirklich faszinierend, wie diese Provinz Kanadas die Vielfältigkeit von Schottland, Irland und Schweden zu vereinen scheint.

    Am späten Morgen machen wir uns auf den Weg und schlagen die nordöstliche Richtung ein. Auf Neufundland gibt es den Trans Canada Highway, der die Insel auf einer recht vorgegebenen Route durchqueren lässt. Viele Seitenstraßen oder querende Straßen gibt es nicht, und so halten wir uns auf dem Highway. Unser schlauer Reiseführer hat uns ein paar Orte raussuchen lassen, die uns interessieren. Den Gros-Morne-Nationalpark haben wir gestern im wahrsten Sinne des Wortes vorerst links liegen lassen und heben ihn uns optional für die Rückfahrt auf. Unser heutiges Ziel ist Twillingate, genauer gesagt Crow Head. Hierhin werden wir gut vier Stunden unterwegs sein, es geht ganz an die Nordküste Neufundlands.

    Die kleine Gemeinde hat hauptsächlich unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil sie sich selbst das „Iceberg Capital of the World“ nennt. Jedes Jahr schippern an der nördlichen Küste Neufundlands einige riesige Eisberge vorbei, die vom Gletscher in Baffin Island in Grönland abbrechen und dann gen Süden treiben. Aus dem letzten Jahr gibt es auf FindPenguin fantastische Bilder, die Ende Juli diese weiß-blauen Giganten in der Bucht von Crow Head aufgenommen haben. Während der Fahrt recherchiere ich ein wenig, wie wahrscheinlich es für uns ist, welche zu sehen. Verrückt, was es alles gibt. Von Webseiten wie dem „Iceberg-Finder“ bis hin zu von der Regierung angelegten Satellitenkarten, die in Breiten- und Längengradrastern die Menge der aktuellen Eisberge in der Labradorsee beobachten und täglich aktualisieren, gibt es viele Möglichkeiten. Leider sieht es aktuell eher so aus, als seien nur vereinzelte Eisberge unterwegs. Allerdings lassen uns aktuelle Beiträge auf Instagram und FindPenguin trotzdem innerlich vor Vorfreude jubeln. Der Stellplatz ist ein verlassener Campingplatz, der nicht mehr betrieben wird, und wenn er hält, was die Bilder versprechen, können wir uns auf weites Meer und eine zerklüftete Küstenlandschaft freuen.

    Zwischendurch tanken wir und probieren die Fast-Food-Kette Mary Brown aus, an der wir hier in Neufundland schon öfter vorbeigefahren sind. Am Tresen sieht uns die Mitarbeiterin scheinbar an, dass wir überfordert sind, und empfiehlt uns eine gemischte Box mit Hähnchenteilen (es handelt sich um ein Äquivalent zu KFC) und Kartoffelspalten. Wir entscheiden uns dafür und mampfen kurze Zeit später im Auto vor uns hin. Ich bin immer wieder fasziniert, dass es komplette Mahlzeiten gibt, die aus einem durchgängigen Farbton bestehen: panierte Hähnchenteile mit gleichfarbigen Kartoffeln und dazu eine braune Bratensoße. Es schmeckt gut, allerdings haben wir schnell genug von dem Mix und haken die Kette als „Okay, aber muss nicht nochmal besucht werden“ ab.

    Kurze Zeit später queren wir Twillingate und sind ganz verzaubert von diesem kleinen, bunten Fischerörtchen. Christian sorgt sich kurz, dass wir beim auserkorenen Ziel keinen Stellplatz mehr finden, ich bin da aber guter Dinge. Und tatsächlich, als wir auf den Platz rollen, ist die Aussicht fantastisch und wir parken erstmal auf dem erstbesten Plätzchen, das wir finden. Christian dreht eine kleine Runde mit Bella. Kurze Zeit später bekomme ich ein Video von ihm geschickt, auf dem ein Wal gerade vor der Küste umherschwimmt. Was?! Nicht lange danach kommt er mit Bella schalkhaft grinsend zu Freddie zurück. „Also da oben ist ein richtig schöner Platz, aber ich weiß nicht, ob wir gut da hochkommen.“ Naja, wenn nicht, dann rollen wir halt wieder hier runter zu den hübschen, kleinen, verlassenen, bunten Hütten und stellen uns in die Reihe der anderen Camper. Ein klein wenig unsicher bin ich schon, denn Christian betont, dass er ein bisschen aufgeregt ist und einen Puls von 180 hat, kurz bevor er Freddies Motor anschmeißt. Na, das kann ja was werden. Keine fünf Minuten später sind wir angekommen. Unser Freddie hat uns mal wieder überrascht, und wir stehen staunend vor dieser fantastischen Aussicht. Wow, selbst ohne Eisberge ist das hier ein Platz zum Bleiben.

    Die nächsten Stunden sitzen wir mit Kamera, Teleobjektiv und Spektiv vor Freddie und beobachten mehrere Wale, die auf ihrem Weg durchs Wasser an der Küste vorbeischwimmen. Das ist so besonders; ich bin vollkommen erfüllt von diesem Ort, und das jetzt schon, nachdem wir erst ein paar Stunden hier sind. Christian geht abends eine Runde mit Bella, während ich uns einen kleinen Sandwich-Snack vorbereite. Auf mehr haben wir keinen Appetit, uns hängt das Essen ein bisschen quer im Magen. Als Christian wiederkommt, ist er vollkommen überwältigt und berichtet, dass dies wohl eine der schönsten Wanderungen seines Lebens war, auch wenn sie „nur“ 2,5 km lang war. Ich bin jetzt schon gespannt auf meine Morgenrunde und nehme mir vor, mit Bella auf Christians Spuren zu wandeln. Wir sitzen bis nach Sonnenuntergang draußen und genießen den Wind, das Wellenrauschen und die so herrlich angenehmen Temperaturen und gönnen uns dazu ein Weinchen und ein Bierchen. Später schauen wir noch zwei Folgen Dexter und lesen dann zum Einschlafen noch etwas. Ich mag gar nicht daran denken, dass unsere Entdeckerlust in ein paar Wochen vorerst ein Ende finden muss.
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