• Aufbruch wider Willen

    Jul 23–24, 2024 in Canada ⋅ ☀️ 20 °C

    Wir werden recht zeitig, um kurz nach acht, wach und genießen, wie die letzten Morgen schon, diese atemberaubende Aussicht. Christian und ich überlegen, ob wir noch eine Nacht bleiben oder weiterfahren wollen. Ich bin total hin- und hergerissen und kann mich nur schlecht entscheiden. Als Nächstes wollen wir zum Cap Bonavista, wo eine riesige Puffinkolonie (Papageientaucher) zu bestaunen sein soll. Die Frage ist nur, ob wir uns schon heute dorthin aufmachen oder nicht. Das Argument, dass man ja wieder hierher zurückkehren könnte, lässt uns einen kleinen Spalt in einer Tür offen, die ein Teil von uns noch nicht schließen will. Und ja, auf dem Rückweg könnten wir hier definitiv nochmal einen Stopp einlegen. Die nächsten zwei Tage soll das Wetter noch schön sein, danach ist erst einmal Regen angesagt. Wichtig wäre außerdem, mal wieder Wäsche zu waschen, und auch das Einkaufen von Toilettenpapier ist seit gestern unumgänglich. Die nächstgelegenen Eisberge sind auch noch 300 Seemeilen entfernt und werden die nächsten Tage also nicht hier vorbeitreiben. So viele tiefgründige Gedanken sofort nach dem Aufstehen. Aber leider stehen die Anzeichen mehr auf Weiterfahrt, als dass es vernünftig wäre, noch hier zu bleiben. Die Entscheidung steht also und lässt uns ein wenig trübsinnig sein. Die Aussicht, in den Ort zu fahren, um Wäsche zu waschen, dann einzukaufen und danach noch gut 350 km zu fahren, lässt mich in latenten Stress ausbrechen. Oh weia, wie soll ich mich bitteschön wieder in den Lehreralltag einfinden, in dem man nach Studien während einer (wenn auch bereits gut vorbereiteten) Unterrichtsstunde im Durchschnitt 200 spontane Entscheidungen für einen Haufen kleiner Wichtel trifft 😂. Nicht zu vergessen, dass man nie nur eine Unterrichtsstunde pro Tag hat. Naja, vertrauen wir mal darauf, dass die Fähigkeit ganz schnell wieder an die Oberfläche kommt, wenn es dann so weit ist.

    Ich mache mich also mit Bella bereit zum Morgengassigang und gehe heute mal in Richtung der gegenüberliegenden Klippen. Auch dieser Weg ist zauberhaft, überall säumen sommerliche Blüten das zum Teil kniehohe Gras, eine leichte Meeresbrise weht Bella und mir um die Nase und die Aussichten von den Klippen aus sind auch von hier aus wahnsinnig toll. Auf der gegenüberliegenden Seite scheint Freddie auf Spielzeugautogröße geschrumpft zu sein und ich winke Christian rüber, der gerade aus Freddie hüpft.

    Nachdem wir wieder an unserem Blechheimchen angekommen sind, hat Christian das Bett bereits abgezogen und die Wäsche vorbereitet. Außerdem duftet uns Kaffee entgegen. Wir genießen noch das Käffchen mit Aussicht auf ein paar Wale und Christian räumt währenddessen wie ein kleines Eichhörnchen mit einem genauen Plan im Kopf alles zusammen und bereitet unsere Abfahrt vor. Ich bin immer wieder fasziniert, wie er ohne den Faden zu verlieren häufig 23 Dinge gleichzeitig anfängt und parallel abwuselt und dabei schneller ist als ein Grauhörnchen, das Nüsse sammelt. Das Tollste daran ist, dass er das gerne macht und ich mich ohne schlechtes Gewissen auf eine Sache nach der anderen konzentrieren „darf“.

    Gegen kurz vor elf machen wir uns also auf und lassen diesen wunderschönen Ort hinter uns, um als Erstes zum nahegelegenen Campingplatz zu düsen. Hier kann man, auch ohne einen Platz zu haben, Waschmaschine, Trockner und Duschen nutzen. Für insgesamt 18$ ist das ein gutes Angebot, wir haben bisher zum Teil allein für die Wäsche mancherorts schon mehr bezahlt. Um 13:30 Uhr machen wir uns mit frisch gefalteter und trockener Wäsche und frisch geduscht nach einem kleinen Müsli auf zum nächsten Stopp. Abwasser dumpen und Frischwasser auffüllen an der örtlichen Hockeyhalle, auch den Müll werden wir hier los. Nächster Stopp, einkaufen – hier besorge ich für stolze 30$ Toilettenpapier, Kleenex und 3 Paprika. Christian hängt sich derweil in die Hotline mit American Express und bucht tatsächlich unsere Rückflüge nochmal neu. Der neue Plan ist, Freddie am 12.08. in Halifax am Hafen abzugeben und einen Tag später abends mit dem Flieger (der auch nur 6 Stunden braucht) zurück nach Frankfurt zu fliegen, wo wir dann am 14.08. morgens eintrudeln werden. Bella hat auch ein kuscheliges Plätzchen im Cargo bekommen und Erfahrungsberichte zeigen uns, dass Fliegen gen Deutschland mit Hund und Condor genauso gut funktioniert wie mit Lufthansa. Das Beste an der Entscheidung ist, dass wir nochmal 3 Tage mit Freddie gewonnen haben und von heute an immer noch 3 Wochen Zeit haben. Witzig, dass wir mittlerweile seit 5 Tagen sagen können, dass wir noch 3 Wochen Zeit haben, weil wir mal wieder unsere Pläne anpassen und umschmeißen.

    Nach all dem Organisieren fahren wir um 14:30 Uhr endgültig in Twillingate los und machen uns auf den Weg nach Bonavista. Die Fahrt verläuft unspektakulär, wir gönnen uns ein paar ungesunde Snacks (Eis, Chips und Applefritter) – die meinem prämenstruellen Heißhunger und Christians Gelüsten ein wenig entgegenwirken. Wir kommen gegen 20 Uhr nach 377 km in Bonavista an, fahren das süße Städtchen ab und machen uns dann auf in Richtung Leuchtturm, um den herum es einige Stellplätze geben soll. Kurz vor dem Leuchtturm liegt der „The Dungeon Provincial Park“, in dem man in einem abgegrenzten Teil mit seinem Camper sofort am Meer auf den grasigen Klippen parken kann. Wir sind ein bisschen unsicher, da an der Einfahrt einerseits steht, dass man seine Tiere jederzeit unter Kontrolle haben sollte und sie die grasenden Kühe nicht gefährden sollen; kurz dahinter ist ein Schild angebracht, dass Hunde und Jagen auf der Weide nicht erlaubt sind. Ich interpretiere es so, dass Bella nicht auf die Grasflächen soll. Christian betont aber, dass es ja schon komisch wäre, wenn Kühe auf den Feldwegen gejagt werden dürften, aber nicht auf der Weide, und ob sich das Schild nicht vielleicht doch auf die ganze Anlage bezieht. Wir sind ein bisschen unsicher. Dadurch, dass es aber schon spät ist, suchen wir uns ein nettes Plätzchen und beschließen, dass Bella auf den Wegen in sicherer Entfernung zu den Kühen schon erlaubt sein wird. Dennoch hat Christian ein wenig das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, als er sich kurz nach der Ankunft zu einer kleinen Gassirunde aufmacht, während ich Ramen zum Abendessen vorbereite. Als die beiden wieder zurückkehren, ist alles gut gegangen und auch andere Camper und ihm entgegenkommende Autos, die Christian getroffen hat, haben sich nicht über unsere Fellnase beschwert.

    Den Abend über schauen wir das nächste Staffelfinale von Dexter und schlummern mit Meeresrauschen in den Ohren ein.
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