Kein Guinness im Irish Pub
25.–26. jul. 2024, Canada ⋅ 🌙 18 °C
Nachdem ich mir den ersten Schlaf aus den Augen gerieben habe, werfe ich einen Blick auf das Handy und sehe, dass wir noch eine Nachricht von Emilie bekommen haben. Vor zwei Tagen hatten wir schon eine Nachricht von ihr erhalten, in der sie berichtete, dass die Waldbrandsaison mittlerweile in vollem Gange sei. In der neuen Nachricht fragt sie, ob wir die Neuigkeiten aus Jasper mitbekommen haben. Mir schwant Schlimmes, und ein Blick in die Nachrichten bestätigt meine Befürchtungen leider.
Die Stadt Jasper wird seit gestern Abend evakuiert, und der Waldbrand hat sich über Nacht durch die Stadt gefressen. Via Reddit und im Laufe des Tages auch über den Instagram-Account des dortigen Pizza-Restaurants sind Videos und Bilder der zum Teil völlig zerstörten Stadt zu sehen. Die kurze Zeit, die wir im Nationalpark und im Städtchen verbracht haben, gehört zu den schönsten Erinnerungen aus den Rocky Mountains, und es ist irgendwie unbegreiflich, dass sowohl große Teile des Parks als auch der Stadt dem Erdboden gleichgemacht sind. Wir sind beide tief traurig – wie muss es bloß erst den Menschen dort gehen, die in wenigen Stunden alles verloren haben?
Mit diesen Eindrücken macht sich Hanna mit Bella auf den Weg; ich bereite in der Küche alles vor und fliege eine Runde mit der Drohne um unseren Stellplatz herum. Ein Teil von uns wäre gestern gerne noch weitergefahren, aber es war dann doch vernünftiger, hier zu halten. Die Aussicht von Freddie auf die kleine Bucht ist wundervoll, und auch der Blick aus der Luft zeigt, wie schön dieses Plätzchen ist.
Im milden Sonnenschein genießen wir den Kaffee und sind beide schon gespannt, was uns heute in St. John’s erwarten wird. Es ist noch keine 11 Uhr, als wir uns auf den Weg machen und das Örtchen Trinity hinter uns lassen. Wir folgen der Straße für gute 60 Kilometer, um dann wieder dem Trans-Canada-Highway in Richtung Osten zu folgen. Immer wieder passieren wir dabei Seen unterschiedlicher Größe, fahren durch kleine Orte und denken fast die meiste Zeit an Schweden.
Unterwegs halten wir mal wieder bei Tim Hortons und verputzen die lieb gewonnenen Apple Fritter zum Frühstück. Mittlerweile ist es schon wärmer geworden und zum Teil auch ein wenig drückend, aber wir sind schlimmeres aus den vergangenen Tagen gewöhnt. Wir erreichen den Pippy Park Campground gegen 15 Uhr und richten uns erstmal ein wenig gemütlich ein. Es gibt innerhalb der Stadtgrenzen auch die Möglichkeit, am Straßenrand zu übernachten, aber ein Platz mit Dusche hat uns heute etwas mehr angelacht.
Wir dösen auf dem Bett, folgen den News-Updates mit Blick auf Jasper ein wenig und machen uns ein Stündchen später mit Bella auf den Weg in Richtung der Hauptstraße, wo ein paar Dutzend Pubs auf uns warten. Der knapp vier Kilometer lange Spaziergang führt uns durch schöne Wohngebiete, vorbei an bunten Häusern und zum Teil steil bergab in Richtung des Stadtkerns. Es dauert nicht lang, und wir sind beide dem Charme der ältesten Hauptstadt Nordamerikas erlegen.
Angekommen flanieren wir erst einmal die für Fahrzeuge gesperrte Einkaufsstraße entlang und werfen einen Blick auf die verschiedenen Restaurants. Wie immer dürfen Hunde nicht mit hineingenommen werden, bei dem guten Wetter wird es dann halt die Terrasse. Hier haben wir die Rechnung aber ohne den Wirt gemacht, und nachdem Hanna auch im dritten Laden mitgeteilt bekommt, dass Hunde auch nicht draußen erlaubt seien, laufen wir etwas frustriert die Einkaufsstraße entlang. Unser Problem hat ein älteres Paar mit ihrem Hund kreativ umgangen: Während die beiden auf der Terrasse einer Martini-Bar sitzen, liegt der Hund außerhalb dieser auf der Straße – gewusst wie!
Zumindest das „The Salt House“ am Beginn der Straße ist hundefreundlich, und so laufen wir wieder dorthin zurück. Das Lokal ist aber gut besucht, sodass wir nach einer Viertelstunde des Wartens aufgeben. Wir sind beide ziemlich hungrig, und so entscheiden wir uns für zwei Spezialitäten des hiesigen Poutine-Schnellimbisses. Zehn Minuten später sitzen wir fröhlich mampfend auf einer der vielen Bänke entlang der Straße und schlagen uns den Magen voll.
Unser Ziel danach ist „The Trinity Pub“, bei dem Hunde sowohl im Innen- wie im Außenbereich erlaubt sind; dafür wird dort aber kein Essen serviert. Während ich mit Bella direkt einen Platz draußen ansteuere, übernimmt Hanna die Bierbestellung. Mit zwei Gläsern bewaffnet kommt sie wenig später zu uns – allerdings gibt es hier im Pub kein Guinness. Der hiesige Lieferant scheint sehr unzuverlässig zu sein, sodass auf den Ausschank verzichtet wird. Nachvollziehbar, aber doch ein wenig schade. Immerhin mögen wir beide Murphy’s auch, sodass der Verzicht gar nicht so schwer fällt.
Während es zu Beginn noch recht leer ist, füllt sich der Pub im Laufe des frühen Abends immer mehr. Ein kleiner Teil der Gäste wird von Bella begrüßt, ein großer Teil begrüßt Bella. Zu Beginn seiner Schicht verquatschen wir uns mit Finley, dem Sohn der Besitzer, und er erobert Bellas Herz im Sturm mit einem Leckerchen. Beim zweiten Bierchen fragen wir uns, ob wir hier wirklich alt werden, vergessen dann aber diese Frage zu beantworten. Immer wieder verquatschen wir uns mit Leuten, mit denen wir in erster Linie wegen Bella ins Gespräch kommen.
Bei einer der weiteren Bierrunden ist der Pub dann mit einem Mal übervoll. In St. John’s findet gerade eine Familienzusammenkunft statt mit weit über 80 Teilnehmern, die teilweise ihren Familienteil auf einem Stück Tartan am Revers tragen. Während ich Hanna von dem Trubel im Pub berichte, werden wir beide von einem „I looooove youuuuu“ abgelenkt, das Bella von einem Mann entgegengeworfen wird, der uns schon ein paar Bierchen voraus zu sein scheint. Er wäre gerade am liebsten bei seinen Hunden, aber seine Frau hat ihn gezwungen, mit zur Familienzusammenkunft zu kommen. Als wir wenig später auf seine Holde treffen und dies im Gespräch aufkommt, zoffen sich die beiden auf eine herrlich liebevolle Art und Weise.
Mittlerweile ist es nach 23 Uhr, und wir entscheiden uns für ein letztes Bierchen, bevor wir uns auf den Weg zurück zum Campground machen. Draußen ist es mittlerweile recht frisch, sodass wir nach drinnen umziehen. Hier verquatschen wir uns dann mit einem jungen Grüppchen, die sich in den ersten Berufsjahren nach dem Studium befinden. Während die einzige Frau direkt aus St. John’s stammt, unterhält sich Hanna angeregt mit einem Perser und ich mit einem Ägypter. Die Themen wechseln rasant und die Zeit verfliegt, und es ist bereits nach Mitternacht, als sich das Grüppchen verabschiedet: Es hat halt nicht jeder Sabbatical.
Ein Blick in das Gesicht des Herzensmenschen genügt, und wir holen uns noch je ein weiteres Murphy’s, das dann aber wirklich das letzte sein soll. Wir verquatschen uns kurzzeitig mit Finley, bekommen dann aber Gesellschaft von Brady und seinem jüngeren Bruder, der uns seiner Optik nach beide an eine Mischung aus Wayne’s World und Dustin von Stranger Things erinnert. Beide werden von Bella in ihren Bann gezogen und erzählen uns, dass der Familienhund im April nach 16 Jahren verstorben sei. Es ist ein wirklich schönes Gespräch, die beiden lassen uns an der einen oder anderen Geschichte teilhaben, und vereinzelt fließen Tränen.
Nachdem sich auch das Grüppchen auf den Heimweg gemacht hat, kommen wir beim wirklich letzten Bier des Tages an. Das etwas ungewöhnliche und cringe Angebot eines älteren Herren, das letzte Bier und die komplette Rechnung zu bezahlen, lehnt Hanna dankend ab. Wenig später haben wir es dann mal wieder geschafft: Wir sind neben Finley die letzten beiden Menschen im Pub, bekommen noch zwei T-Shirts mit dem Schriftzug des Pubs geschenkt und machen uns dann auf den Weg zurück zum Campground. Draußen ist es angenehm kühl, und mit all der Leichtigkeit und Schwierigkeit, die Bierkonsum mit sich bringt, bewegen wir uns elegant wie Elfen durch die Nacht von St. John’s.
Nicht zuletzt, weil es bergauf geht, dauert der Heimweg etwas länger. Wir sind der Bewegung und der frischen Luft im Nachhinein aber sehr dankbar. Am Campground angekommen, laufen wir durch Zufall dem im Auto patrouillierenden Nachtwächter in die Arme, und wie sollte es auch anders sein, verquatschen uns noch für ein Viertelstündchen. Platt, aber glücklich kommen wir an Freddie an. Welch ein Glück, dass wir beide noch einen Großteil der Poutine vom Abend übrig haben und so noch vor dem Schlafengehen ein kleines Katerfrühstück haben können. Das Führen der Gabel stellt dabei eine der beiden anwesenden Personen vor große Herausforderungen.Læs mere








RejsendeOha Gabeln kõnnen pieksen :-)
Rejsende
Was für ein blau
Rejsende
Sieht lecker aus 😗