Ein Kater auf Wanderschaft
26.–27. jul. 2024, Canada ⋅ 🌧 16 °C
Nach ungefähr vier Stunden eher unruhigem und „Murphy-geschwängertem“ Herumgedöse kämpfen wir uns langsam in den Tag. Christian hat das Bier ein bisschen besser vertragen, aber gut, wenn ich mir die gleiche Menge wie er genehmige, sieht es meist so aus. Aaaaber, ich habe keine Kopfschmerzen und außer einer ordentlichen und sehr verdienten „Kodderigkeit“ geht es mir gut. Ich denke mir, dass wir heute keine andere Aufgabe haben, als den Platz bis 11 Uhr geräumt zu haben und dann irgendwo einen anderen Stellplatz zu finden, um dort herumvegetieren zu können. Zu Hause würde ich einen solchen Katertag gemütlich auf der Couch mit Filme bingen und Essen bestellen verbringen. Das wäre für heute genau das Richtige und theoretisch ist das, bis auf das Essen bestellen, ja auch genauso in Freddie möglich. (Wir wissen ja alle, dass der Tag ganz anders verlaufen wird, da ich meine Rechnung zu dem Zeitpunkt ohne „Energetian“ gemacht habe).
Ich watschele verschlafen in Richtung Dusche und bin ganz schön dankbar, dass diese mir einen kleinen Frischekick gibt und ich dem Tag gegenüber ein wenig seichter gestimmt bin. Frisch fertig gemacht und zusammen geräumt rollen wir um kurz vor elf zur Abwasserstation des Campingplatzes und befreien den Abwasserkanister von seiner Füllung. Wasser konnte Christian sofort am Stellplatz auffüllen und hat dies bereits erledigt, als ich mich fertig gemacht habe. Mit dem Rest der Poutine vom Vorabend (jep, die beiden Portionen zusammen waren so groß, dass wir tatsächlich dreimal davon essen konnten) im Fahrerhaus bewaffnet, machen wir uns auf den Weg und rollen erstmal in Richtung Starbucks. Mit Bella sind wir noch nicht gegangen, da sie ja heute Nacht um vier noch eine ordentliche Gassirunde hinter sich gebracht hat.
Mit einem riesigen Kaffee im Anschlag geht es weiter. Christian bringt das logische und nachvollziehbare Argument an, dass es wahrscheinlich sinnvoll wäre, hier in St. John’s noch einmal unsere Vorräte aufzufüllen. Die Besiedelung der Hauptstadt von Neufundland und Labrador toppt mit ihren 113.000 Bewohnern alle anderen Städte Neufundlands um mindestens 80.000 Einwohner. Man stelle sich vor, Hennef (die nächste Stadt meines Heimatdorfes) wäre mit ihrer Einwohnerzahl von ca. 46.000 Menschen locker die zweitgrößte Stadt dieser gesamten riiiiieeesigen Insel. Lediglich vier Städte nach St. John’s haben mehr als 10.000 Einwohner. Ob ich gerade vielleicht ein wenig abschweife?! Jedenfalls… Einkaufen…logisch… Also geht es in Richtung Walmart, um unsere Vorräte aufzustocken. Nachdem Walmart nicht alles hat, was wir brauchen, rollen wir weiter in Richtung Dominion, einer weiteren Supermarktkette. Hier hopse ich rein, besorge Udon-Nudeln, Hafermilch und Brokkoli. Christian dreht in der Zeit ein Mini-Ründchen mit Bella. Nach diesen Stopps ist der Kaffee mittlerweile nur noch lauwarm. Ob es wohl klüger gewesen wäre, ihn erst nach dem Einkaufen zu besorgen – ja, im Nachhinein ist man immer ein wenig schlauer.
Ich denke immer noch nur daran, irgendwo anzukommen und eventuell ein ordentliches Mittagsschläfchen zu machen. Aber da sind halt auch noch ein paar Orte, die wir uns ganz gern anschauen wollten. Ich bin ein wenig im Zwist heute, wie ihr merkt. Signal Hill ist der historisch bekannteste Ort St. John’s und steht ganz oben auf unserer Liste der „we want to sees“. Gelegen an der Nordseite der Hafeneinfahrt nach St. John’s (die übrigens sehr schmal ist) ist das hierauf errichtete Bauwerk das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Der „Battle of Signal Hill“ ist Grund dafür, dass dieser Ort von der kanadischen Regierung zu einer „national historic site“ ernannt wurde). Ich persönlich finde viel spannender, dass 1901 genau hier das erste transatlantische Funksignal empfangen wurde. Hier gibt’s also einiges zu entdecken und wir fahren in Richtung Signal Hill weiter. Am Fuß des Berges hat Christian die Idee, dass wir doch ganz unten parken und dann hoch laufen könnten. Das gibt ein ganz klares Nein von meiner Seite, aber ich schlage ihm (semi-höflich) vor, dass er gerne auch am anderen Ende der Stadt parken und dann einen ganz großen Spaziergang machen kann, ich würde dann einfach so lang in Freddie schlafen. Wir einigen uns auf den in der Mitte des Hügels gelegenen Parkplatz und ich muss mich mehr als nur ein bisschen überwinden, nicht einfach in Freddie zu bleiben, weil mir jegliche Muße fehlt auf große Entdeckertour zu gehen. Allerdings bestehe ich darauf, erstmal den Kaffee auszutrinken, der immer noch zu einem Drittel voll und mittlerweile kalt ist.
Ich bin so unglaublich dankbar für dieses halbe Jahr, zusätzlich so neugierig auf all diese Orte, Landschaften und Gegenden, allerdings habe ich gerade momentan, kurz vor Ende der Reise, ganz schöne Sorge, etwas zu verpassen und mich dann am Ende eventuell zu ärgern. Und ich bin mir mehr als sicher, dass ich mich wahnsinnig ärgern würde, wenn ich in Freddie rumliege, nur weil ich heute wenig Energie und ein selbst fabriziertes Käterchen habe und ich mir aus dem Grund nicht die Ecken hier anschauen würde, die ich so schnell nicht nochmal besuchen kann. Ich habe aber halt einfach wirklich wenig Lust, gerade auszusteigen. Im Moment wünsche ich mir Couch, Bridgerton und Nichts tun. Ich fühle mich wie ein bockiger kleiner Teenager und benehme mich, glaube ich, auch so. Ein Teil von mir hofft, dass ich den Großteil des Zwists mit mir selbst austrage, so dass Christian so wenig wie möglich von meiner Laune abbekommt. An solchen Tagen finde ich’s ja schon anstrengend, mit mir zusammen sein zu müssen, da tun mir alle Wesen um mich herum doppelt Leid. Ich hoffe, ein Teil von euch kennt das auch, manchmal fühle ich mich eher wie ein Alien, wenn es mir so geht.
Naja, nach einer heißen inneren Diskussion zwinge ich mein bockiges Ich, mich fertig zu machen und einfach mit zu watscheln. Plan ist „nur kurz hoch gehen, sich Infotafeln anschauen, Aussicht genießen und dann wieder runter zu Freddie gehen“. Mir ist im Vorhinein bereits klar, dass das nicht so laufen wird, denn die Ecke hier ist voller Wanderwege und es ist atemberaubend schön, was Aussichten und Natur angeht. Christian schafft es in solchen Situationen immer (ich glaube, er denkt, dass er das ganz subtil macht), mir kleine Alternativrouten anzubieten. „Wenn wir hier lang laufen, schau mal, das sind 800 Meter Umweg und 30 Höhenmeter“ – Am Ende sind wir knappe 5 Kilometer gelaufen. Das Gute ist, meine Stimmung hellt sich in der Regel an der frischen Luft nach so 1-2 Kilometern auf und ich bin stolz und dankbar, dass ich meinen inneren Schweinehund niedergerungen habe. Die Runde wird richtig schön, die Luft ist angenehm frisch, der Wind pustet uns frischen Sauerstoff entgegen und selbst als es nach 2 Kilometerchen anfängt zu regnen, ist das eher erfrischend als störend.
Nach knappen 2 Stündchen kommen wir pitschenass wieder an Freddie an, wechseln Klamotten und rollen dann langsam weiter. Die Stimmung ist gut, die Bewegung und die Runde waren erfrischend und nun steht die Frage im Raum, was wir denn heute essen wollen. Nachdem gestern der geplante Restaurantbesuch ja nun ganz schön ins Wasser gefallen ist, wollen wir heute gern hier in der Stadt noch ein Restaurant mitnehmen. Dadurch, dass es kühl und bewölkt ist, kann Bella problemlos im Auto bleiben. Wir finden uns kurze Zeit später in einem Steakhaus wieder und genießen hier ein wirklich gutes Steak mit Balsamico-Pilzen, Brokkoli, Salat und Pommes für Christian. Mit vollen Bäuchen und nahezu selig fahren wir weiter und machen uns langsam auf den Weg, Stellplätze etwas außerhalb von St. John’s abzuklappern. Wir fahren vier Plätze ab, die uns alle nicht so ganz zusagen, und kommen abends an einem Plätzchen nahe eines Marine Instituts der Universität und eines Wanderwegs an. Christian dreht noch ein kleines Ründchen an der frischen Luft mit Bella, während ich selig auf dem Bett einschlummere. Als die beiden wieder da sind, wird nur noch Zähne geputzt und heute wirklich früh ins Bettchen gegangen. Wie schön, dass ein Tag, der mit so ordentlichem Kater und semi-guter Laune gestartet ist, noch so einen Verlauf genommen hat. Da darf man im Nachhinein auch mal stolz sein, dass man es geschafft hat, das Ruder noch so herumzureißen.Læs mere












RejsendeDas hast du gut gemacht 🤗 und ich kann es sehr gut nachvollziehen 😘
Rejsende❤️
RejsendeHaha bei der Überschrift habe ich jetzt wirklich einen Kater mit 4 Beinen auf den Bildern erwartet. 🤗