• Couchtag

    6.–7. aug. 2024, Canada ⋅ 🌬 16 °C

    Ich merke morgens, dass Christian neben mir subtil herumwühlt und versucht, mich sacht zu wecken. Heidewitzka, es ist doch erst kurz vor acht, und mein Verständnis für die „frühe“ Störung hält sich ein wenig in Grenzen. Allerdings bin ich nach kurzer Zeit dann doch dankbar für die Störung – Christian hat auf die Regenvorhersage geschaut, und wenn ich mich jetzt ganz schnell aus dem Bett pelle, könnte es sein, dass Bella und ich nicht nass werden. Gesagt, getan, ich hopse in die nächstgelegenen Klamotten und watschel mit Bella los. Heute geht’s nochmal in Richtung Leuchtturm, in Richtung der Klippen auf der anderen Seite der Bucht. Dafür queren wir den Platz unten in der Bucht, und ich bin baff, wie viele Camper sich hier dicht gedrängt nebeneinander tummeln. Naja, jedem das Seine; ich bin ganz schön glücklich, unseren Platz ein wenig entfernt vom Getümmel zu wissen und nur zwischendurch mal einen Nachbarn in der Nische neben uns stehen zu haben. Dort ist alles ein bisschen weniger wuselig. Man merkt Bella an, dass die Temperaturen heute Morgen (20°C) viel eher ihre Kragenweite sind als die der letzten Tage. Sie pest über die Wiesen und erkundet die Wanderwege zu den Klippen wie ein junges Reh. Als es anfängt zu tröpfeln, drehen wir um und machen uns auf den Rückweg zu Freddie. Immer noch fühlt sich dieser Ort so richtig an, dass ich mich freue, heute nochmal einen kompletten Tag hier die Seele baumeln lassen zu können. Morgen müssen wir uns dann aufmachen, denn am Freitag geht unsere Fähre nach Nova Scotia.

    Zurück bei Christian gibt es Käffchen, und schnell müssen wir die Schotten auch dicht machen, da der angekündigte Regen ordentlich runterkommt. Wir hatten die letzten Monate wirklich ganz schön viel Regenglück, und wenn dies so selten vorkommt, sind Regentage auch richtig gemütliche Höhlentage. Zusätzlich ist es den Tag über angenehm kühl und nicht so schwül-heiß-klebrig wie die letzten Tage.

    Dadurch, dass der Regen bis in den Nachmittag andauern soll, überlege ich, was ich den Tag so anstelle. Christian hat verschiedenste Pläne, die er listen- und programmiertechnisch am Laptop abarbeiten möchte (ich glaube, ein Teil von ihm vermisst die Arbeit dann doch so langsam). Ich daddel zunächst ein wenig am Handy und entscheide mich dann gegen Lesen und für Bridgerton. Ich schaue die neue Staffel nochmal von vorne; die zweite Hälfte kenne ich noch nicht, und ich weiß, dass das eine tagesfüllende Einkuschelungsentscheidung ist. Aber heute ist genau der richtige Tag dafür. Ich lümmel mich also für den Rest des Tages gemütlich auf dem Bett ein. Kaffee und Tee in erreichbarer Nähe, mein Strickprojekt auf meinem Schoß und Kopfhörer im Ohr.

    Zwischenzeitlich gibt es Schnackpausen, und ich merke, dass auch Christian in seinem Tagesvorhaben vollkommen aufgeht. Zunächst organisiert er unsere Liste von Splid (unserer Ausgaben-App) in einer Exceltabelle und kann so nach ein paar Stunden genau nachhalten, wie viel wir für was im Sabbatical ausgegeben haben. Die einzelnen Variablen kann er mit einbeziehen oder außen vor lassen, und so zeigt er mir begeistert, was wir an täglichen Ausgaben hatten, wie viel Cent wir pro Kilometer ausgegeben haben und all solche Dinge. Zusätzlich hat er natürlich die täglichen Wechselkurse der jeweiligen Währung mit einbezogen, die er in akribischer Kleinarbeit in sein geschriebenes Programm mit eingebunden hat, damit auch alles auf den Cent genau stimmt. Christian reißt einen mit seinem Stolz und seiner Freude über all die Listen mit. Ich bin super dankbar für seine genauen Beobachtungsfähigkeiten und seine Liebe für Zahlen, Programmieren, Automatisieren und Listen. Als er mir, nachdem er mir einen Einblick gegeben hat, dann begeistert anbietet, dass wir uns auch nochmal ganz in Ruhe zusammensetzen können und ich mir ja mal überlegen kann, zu welchen Zahlen ich denn gern noch mehr wissen möchte, überkommt mich ein so heftiger Lachkrampf, dass ich Tränen lache und fast vom Bett falle. Ich kann einfach nichts dagegen tun, es blubbert nur so aus mir heraus. Zuerst schaut Christian ganz verwirrt und ein wenig verletzt drein; als ich dann anbiete, dass er mir gern auch tiefgründigere Fragen in Bezug auf Strickprojekte stellen kann, für die er sich interessiert, stimmt er mit ein. Ich glaube, er freut sich ganz schön darauf, wenn er wieder mit Kollegen von der Arbeit begeisterungsfähigere Gegenüber für Zahlen-, Programmier- und Listentalk vor sich haben wird.

    Gegen Mittag mache ich uns ein großes Müsli zum Frühstück, danach versinken wir wieder in unser beider Welten. Ich in meiner Schnulz-Strick-Bubble und Christian in seiner Technik-Programmier-Bubble. Neues Topic für ihn ist das Anreichern unserer Fotos und Videos mit den korrekten Metadaten, so dass man sie entweder nach Ort oder Zeit sortieren könnte. Bei der Zeit allerdings wird es knifflig, da bei den meisten Fotos und Videos einfach die UTC hinterlegt ist. Christian möchte, dass bei den Fotos allerdings auch Zeitverschiebung und, wenn nötig, auch die Sommerzeit mit einberechnet werden. Wir haben auf dem Weg ja wirklich einige Zeitzonen passiert. Hier haben wir „nur“ noch 4,5 Stunden Zeitverschiebung zu Deutschland, wir waren aber in der Ecke in British Columbia ja auch schon 9 Stunden entfernt. Mein Kopf würde hier mal wieder aufgeben, Christian verbringt den Nachmittag damit, dieses Rätsel zu knacken und es lösungsorientiert anzugehen.

    Am Nachmittag klart es auf, der Himmel ist wieder blau, und die Türen können geöffnet werden. Die Luft ist frisch und klar, und wir genießen es, nicht mehr zu schwitzen und zu kleben. So schreitet der Tag weiter vor sich hin, wir genießen unsere Höhle, aber versinken zwischenzeitlich auch immer wieder in die traumhaften Weitsichten dieses Ortes. Gegen Abend macht sich Christian dann auf zum Gassi-Gang mit Bella, und ich mache mich ans Abendessen. So langsam steht immer mehr Resteverwertung auf dem Plan. Da wir Freddie in sechs Tagen am Hafen abgeben, werden wir nicht wie sonst alle Vorräte nochmal auffüllen. So geht es heute Abend Kartoffeln, Sellerie, Zwiebeln, Karotten, Knoblauch, Tomatenmark und Chilibohnen an den Kragen. Heraus kommt eine große Portion Kartoffelpüree mit einer Chili-ähnlichen Soße. Schmeckt tatsächlich ganz gut, hätte ich so als Kombi wahrscheinlich sonst nie gekocht.

    Während dem Essen führen wir uns den zweiten Deadpool-Film zu Gemüte, da wir den neuen „Deadpool & Wolverine“ gern in Halifax im Kino schauen möchten. Nachdem das Essen verputzt, das Geschirr gespült und der Film geschaut ist, beende ich noch meinen Bridgerton-Marathon und Christian setzt seinen Programmier-Marathon fort. Was für ein schöner, aber mal so ganz anderer Tag, der dann doch recht schnell vorbeigegangen ist.
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