• Weiter gen Süden oder so

    Aug 8–9, 2024 in Canada ⋅ ☁️ 16 °C

    Die Sonnenstrahlen erhitzen Freddie heute recht schnell, doch durch die offenen Fenster weht eine angenehm kühle Brise. Es fällt schwer, sich aus dem Bett zu pellen und nicht noch länger im kuscheligen Nest zu verweilen. Besonders morgens zählt mein Kopf fast unbewusst auf, wie viele Nächte und kuschelige Morgen uns in Freddie noch bleiben. Klar, man kann auch zu Hause gemütlich im Bett in den Tag starten, aber in den nächsten Wochen wird es schnell nicht mehr selbstverständlich sein, gemeinsam ausschlafen zu können. Ach ja, das werde ich vermissen.

    Nach nicht allzu langem Prokrastinieren mache ich mich dennoch auf zu einem Gassigang mit Bella. Die Aussicht aus den Fenstern ist auch am Morgen immer noch bezaubernd. Die frische Luft tut gut, und auch heute Morgen denke ich darüber nach, wie schön es ist, direkt nach dem Aufstehen Wasser – hier in Form der Labradorsee – vor der Nase zu haben. Bella und ich stapfen durch das kleine Dörfchen, vorbei an bunten Holzhäusern, die am hauseigenen Steg häufig ein Bötchen und manchmal auch eine Menge Krabbennetze gestapelt haben.

    Zurück bei Freddie machen Christian und ich es uns nochmal mit einem Käffchen im Bett und am Tisch gemütlich und tippen munter die Berichte der letzten Tage zu Ende. Noch vor der Mittagszeit geht es dann weiter in Richtung Trans-Canada-Highway. Wie gern würde ich noch mehr Winkel und Dörfchen an der Küste Neufundlands entdecken und mir dafür ordentlich Zeit nehmen.

    Unser Plan für heute ist es, Richtung Stephenville zu fahren. Entweder möchten wir noch eine Nacht am Boutte du Cap vom Anfang unserer Neufundlandzeit verbringen, oder irgendwo in der Nähe des Städtchens übernachten. Bevor wir übermorgen die Fähre zum Festland nehmen, möchten wir noch in den Genuss der Crêpes der Wild Strawberry Crêperie kommen. Beim letzten Mal waren wir leider etwas zu spät dran und haben „nur“ ein köstliches Müsli genossen. Wir rollen die nächsten Stunden über den Highway, und nicht selten entwischt mir ein „Es ist einfach so unfassbar schön hier“. Meine Gefühle purzeln heute zwischenzeitlich ziemlich durcheinander und sind schwer greifbar, auch nicht so leicht zu benennen. Es ist nicht einfach nur ein „Ich will nicht zurück in den Alltag“. Sie reichen von Dankbarkeit, Demut, Wehmut, Sorge vor dem Alltag (und davor, sich allzu schnell davon verschlingen zu lassen), über das Aufsaugen letzter Momente, Staunen und Erinnerungen aufleben lassen bis hin zu bittersüßem Abschiedsschmerz. Und ich glaube, da spielt noch einiges mehr mit hinein. Klar, die Zeit hier war in den letzten Monaten wahnsinnig intensiv. Zum Verarbeiten wird es gut sein, mal wieder anzukommen und Revue passieren zu lassen, aber mir wird auch einiges fehlen, obwohl ich mich auch auf vieles freue. Naja, ein bisschen Gefühlschaos ist angesagt, und ich hänge viel meinen Gedanken nach. Zwischendurch halten wir an, um beim Dominion nochmal Zahnpasta zu besorgen. Es fällt schwer, nicht doch noch einige andere Dinge einzupacken und sich bewusst zu machen, dass wir Freddie nicht nochmal aufstocken werden und der letzte große Einkauf heimlich, still und leise an uns vorbeigezogen ist.

    Christian findet während der Fahrt eine Imbissbude, bei der er gern „Frühstücken“ möchte. Heute braucht es auch nicht viel, um mich zu überzeugen. Die Haferflocken, die wir noch haben, schaffen es auch bis in vier Wochen nach Deutschland. Und ein paar Morgen haben wir ja noch, an denen wir eventuell die letzten Frühstücksvorräte aufbrauchen können. So halten wir kurze Zeit später in Corner Brook bei Sammich & Phillipino Barbecue. Hört sich nach einer wilden Mischung an, ist es auch. Neben Burgern und ausgewählten asiatischen Gerichten gibt es hier auch eine Patisserie. Der Laden ist super bewertet, und wir sind hin und weg von dem Roadhouse- und Brisket-Burger sowie den selbstgemachten Pommes. Zum Nachtisch nehmen wir uns eine Zimtschnecke und ein Päckchen Pastéis de Nata mit. Christian hat mittlerweile einen Platz auf iOverlander gefunden, der sich mal wieder traumhaft anhört. Plan: Wir fahren ihn an und wenn er uns nicht zusagt, können wir immer noch zum Cap du Bouttes hoppeln. Gegen vier Uhr erreichen wir ein wunderschönes Plätzchen direkt an einer Landzunge, sodass wir auf einem grünen Fleck parken, der rechts und links von Wasser umgeben ist. Ganz anders, ohne Klippen und tief abfallende Hänge, aber mit ordentlich Hügeln am Horizont sowie Strand und Wellengeplätscher direkt vor unserer Nase. Zauberschön – mal wieder. Wir machen erstmal ein Nachmittagskäffchen und genießen dazu die leckeren süßen Teilchen. Der Nachmittag plätschert ein wenig dahin, und wir schauen den angefangenen X-Men-Film von gestern zu Ende. Dann macht sich Christian mit Bella zu einer Abendrunde auf, und ich überlege, was ich aus den noch vorhandenen Resten kochen kann.

    Ich entscheide mich für selbstgemachte Gnocchi, so bekomme ich sowohl Kartoffeln als auch Mehl und Muskatnuss leer und kann noch ein Ei verwerten. Außerdem haben wir noch eine Menge Gas und Wasser. Dosentomaten, Knoblauch und Chili ergeben eine passende Soße. Allerdings habe ich Gnocchi tatsächlich noch nie selbst gemacht, und kurze Zeit später merke ich, dass es zwar wirklich Spaß macht, aber auch eine ziemlich matschige Angelegenheit ist. Während des Kochens läuft Musik, die Tür steht offen, und auch jetzt bin ich immer wieder hin- und hergerissen zwischen Genießen und Wehmut. Ein paar Tränchen fließen (ich kann nicht mal mehr sagen, ob vor Dankbarkeit und Erfüllung oder vor Abschiedsschmerz und Wehmut), und beim nächsten Lied trällere ich laut mit und tanze vor der Anrichte herum. Alles rauslassen, was keine Miete zahlt, woll? Christian kommt wieder und holt noch die Drohne heraus, um den Moment und diesen wunderschönen Ort einzufangen, während ich versuche, den Teig unklebrig hinzubekommen.

    Als das Essen fertig ist, bin ich sogar recht zufrieden mit dem Ergebnis, und auch Christian sagt, dass es schmeckt. Wir genießen dazu einen guten Tropfen des letzten Pinot Grigio, und Christian macht sich bald nach dem Essen ans Spülen. Zum Ausklang des Abends gibt es noch einen weiteren X-Men-Teil und einen wunderschönen Sonnenuntergang obendrauf. Wat ein schöner Tag, mal wieder.
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