Getrennte Wege
12.–13. aug. 2024, Canada ⋅ ☀️ 25 °C
Wir wachen nach der ersten Nacht im Hotelbett auf und haben beide leider ziemlich schlecht geschlafen. Meine Body-Batterie steht auf 37 % und Christians auf 32 % von 100 %. Wahrscheinlich ist die Umstellung vom kleinen Bettchen in Freddie auf ein so riesiges 2x2-Meter-Bett im Hotel verwirrend für unseren Körper. Zusätzlich die recht weiche Matratze, die Geräusche der Klimaanlage, die Klimaanlage selbst, Klospülgeräusche aus anderen Zimmern und die Größe dieses Raumes. Verrückt, aber wahrscheinlich werden wir uns auch recht schnell wieder daran gewöhnen. Erstmal schauen wir, wie es Freddie geht. Christian hat ihn gestern nach der Autowäsche sofort vor unserem Zimmer, drei Stockwerke tiefer, geparkt, damit wir noch ein paar Blicke auf ihn werfen können. Diese treue Blechseele, die uns in den letzten Monaten so viel Sicherheit gegeben hat und uns so treu durch die Weltgeschichte chauffiert hat. Heute steht auf dem Plan, Freddie im Hafen abzugeben. Zuerst aber nehmen wir das Hotelfrühstück mit, dann düsen wir mit Freddie zur Verschiffungsagentur, und erst danach kann es zum Hafen gehen. Die Wettervorhersage sagt, dass es heute angenehme 23 °C geben soll. Also haben wir uns gedacht, dass wir gemeinsam vom Hafen aus mit Bella die 12 km zurück zum Hotel spazieren können. So sehen wir noch etwas von Halifax und Dartmouth und bekommen ein wenig Bewegung.
Unten beim Hotelfrühstück ist die Auswahl so lala. Es gibt Bratkartoffeln, Würstchen, Rührei, Porridge, Fruchtjoghurt, Muffins, Toast und Waffeln. Um Spülkosten zu sparen, werden Pappteller, Pappschalen, Plastikbesteck und Pappbecher bereitgestellt. Immerhin steht auf dem „Geschirr“, dass es recyclebar ist. Sowas könntest du dir als Hotel in Deutschland auch nicht leisten. 😂 Aber da das Frühstück inbegriffen ist und es zusätzlich den ganzen Tag über kostenlos Tee, Kaffee und Wasser (klar, gechlort) gibt, wollen wir mal keine Ansprüche stellen. Gesättigt und bereit für den Tag (so bereit, wie man für den Abschied von Freddie sein kann) gehen wir hoch ins Zimmer, um Bella abzuholen und zu überprüfen, ob wir alles beisammen haben, was wir für die Abgabe brauchen.
Um 9:00 Uhr macht die Verschiffungsagentur auf und wir rollen um 9:20 Uhr auf den Hof. Hier steht auch ein weiteres deutsches Wohnmobil, das scheinbar mit der Anmeldung bereits durch ist und sich gerade auf den Weg zum Hafen macht. Die Atlantic Sky, das Schiff, auf dem Freddie zurück nach Deutschland transportiert wird, wird am Donnerstag die Leinen lösen. Heute ist der letztmögliche Abgabetermin. Eine kleine Stimme in mir denkt darüber nach, dass heute alles glatt laufen muss, damit unser Rückreiseplan aufgeht. Im nächsten Moment denke ich mir jedoch, dass schon alles passen wird – was soll schon dazwischenkommen? Dafür ist in den letzten sechs Monaten alles zu glatt gelaufen. Das wird sich heute schon nicht ändern. Während Christian den Papierkram mit der Agentur organisiert, alle wichtigen Daten abgleicht und die Unterlagen für den Hafen abholt, laufe ich mit Bella einmal die Straße entlang und wieder zurück. Keine Viertelstunde später machen wir uns auf den Weg und rollen in Richtung Hafen. Neben uns werden heute noch zwei weitere deutsche Fahrzeuge von der Agentur erwartet. In den 20 Minuten vor uns waren bereits neun andere deutsche Fahrzeuge da, die ebenfalls am Donnerstag mit Freddie verschifft werden.
Auf dem Weg zum Hafen wollen wir eine Mautbrücke nutzen, die man allerdings nur mit Bargeld bezahlen kann. Da wir gestern beim Autowaschen unser ganzes Bargeld ausgegeben haben, müssen wir eine kleine Umleitung von 25 Minuten in Kauf nehmen. Das kommt uns sogar recht gelegen, weil bei der Abgabe in Freddie nicht mehr als 20 % restliches Tankvolumen vorhanden sein sollen. Christian ist der Meinung, dass darauf wahrscheinlich nicht so genau geachtet wird. Ich möchte jedoch nichts dem Zufall überlassen – es wäre ja schon doof, wenn Freddie nicht verschifft werden könnte, weil zu viel Diesel im Tank ist... auch wenn Christian wahrscheinlich absolut recht hat, dass es sich eher um einen Richtwert als um eine strikte Vorgabe handelt.
Am Hafen angekommen, geht dann alles recht schnell. Auf den letzten Metern sausen mir so viele schöne Erinnerungen der letzten Monate durch den Kopf, und ich kann gar nicht glauben, dass dies vorerst die letzte, viel zu kurze Fahrt auf dem amerikanischen Kontinent mit Freddie sein soll. Kurz vor dem Hafengelände parken wir noch einmal, machen ein paar Fotos für die Verschiffungsagentur, ich sage Freddie Tschüss, Christian zieht sich eine schicke Warnweste an, und dann heißt es für Bella und mich, einen Schattenplatz zu suchen, während Christian Freddie zu seinem Bestimmungsort bringt und ihn übergibt. Ich beobachte, wie Freddie und Christian auf dem Hafengelände verschwinden und warte gespannt, ob alles klar geht.
Nach knappen 20 Minuten bekomme ich eine Nachricht, in der Christian fragt, wo wir sind. Als er wieder bei uns ist, berichtet Christian von einer entspannten Übergabe. Scheinbar haben ein paar Franzosen, die auch ihren Camper verschiffen, vergessen, ihren Gastank zu leeren, und haben fröhlich das Gas ausströmen lassen, damit ihr Wagen dann in kürzester Zeit auch verschiffungsbereit ist. Wenn sowas schon kein Problem ist, kann man das Ganze also nochmal um einiges entspannter angehen. Ein bisschen stolz bin ich darauf, dass wir einfach alles bedacht zu haben scheinen. Da ist er nun futsch, der Freddie, und somit auch die letzte Möglichkeit, vielleicht doch noch zu verlängern und einfach auszubrechen und als Vagabunden weiter diesen Kontinent zu bereisen, bis wir dann halt wirklich fertig sind. Wobei das wahrscheinlich auch Jahre dauern würde.
Wir watscheln langsam los und unser erster Plan ist es, notgedrungen eine Toilette zu finden. Kaum ist man nicht mehr mit Freddie unterwegs – in dem man immer eine Toilette dabei hatte – bin ich damit überfordert, nicht immer und überall auf Klo zu können. Schließlich frage ich bei einer Tierarztpraxis nach, ob ich ihre Toilette benutzen kann. Danach bin ich auch regelrecht erleichtert und bereit für die 12 Kilometer Fußweg zum Hotel. Anders als gedacht, laufen wir nicht an vielen kleinen, süßen Cafés oder Restaurants vorbei, wo wir eventuell ein Päuschen eingelegt hätten. Die Sonne knallt erbarmungslos vom Himmel und es hat statt der gemeldeten 23 °C locker 28 °C. Trotzdem ist die Strecke schön. Wir queren mittels einer Brücke den Meeresarm, über den Freddie die Bucht in ein paar Tagen verlassen wird, laufen durch einen Teil der Innenstadt, wunderschöne Wohngegenden und schließlich auch durch den Shubie-Park, der vom Micmac-See bis zum Charles-See führt. Beide sind durch eine schön gepflegte Grünanlage verbunden und laden mitten in der Stadt zum Verweilen und Seele baumeln lassen ein.
Nach drei Stunden kommen wir wieder am Hotel an und fühlen uns alle drei gleichermaßen gar gekocht. Ich falle erstmal aufs Bett, Christian hüpft unter die Dusche und Bella streckt sich neben mir auf dem Bett aus. Verrückt, dass es erst 13 Uhr ist und wir nun einfach kaum noch etwas vorbereiten müssen bis zu unserem Heimflug morgen Abend. Nach seiner Dusche ist Christian so motiviert, dass er mich fragt, ob ich Lust habe, mit ins nahegelegene Outlet-Center zu gehen, um dort ein bisschen zu stöbern. Zusätzlich könnten wir auch etwas essen gehen und für Bella einen Maulkorb für unsere ICE-Fahrt besorgen, die wir von Frankfurt nach Solingen nehmen werden. Wir sind gerade mal eine halbe Stunde wieder im Zimmer und ich fühle mich so viel mehr nach Verkriechen, Dösen, Daddeln und im kühlen Zimmer Herumfläzen, dass Christian sich kurze Zeit später allein aufmacht. Ich verbringe die folgenden Stunden mit Bella kuschelnd, dösend und duschend. Blöderweise haben wir gestern unsere Sonnencreme nicht mit ins Gepäck gepackt, und natürlich habe ich mir nun am letzten Tag einen fetten Sonnenbrand im Dekolleté und auf den Schultern geholt. Na prima.
Gegen halb vier bekomme ich eine Nachricht von Christian, in der er nur schreibt: „Essen kommt“. Kurze Zeit später wird die Zimmertür entsperrt und Christian steht mit zwei Burgern und zwei Softeis grinsend im Zimmer. Zusätzlich hat er ein paar T-Shirts geshoppt und einen Maulkorb besorgt (blöderweise ist eine falsche Größe in der Verpackung, da müssen wir also später nochmal zum Umtauschen in den Laden). Aber erstmal machen wir es uns auf dem Bett bequem und genießen Burger und Eis, während wir den X-Men-Film zu Ende schauen, den wir gestern gemeinsam begonnen haben. Ich muss an unser Hotelzimmer in Washington denken, in dem unser erster Nachmittag nach Ankunft in den USA ziemlich ähnlich ausgesehen hat.
Nach dem Film kann ich mich nach kurzer Überlegung dazu überwinden, nochmal mit Christian und Bella rauszugehen. Wir schlendern durch einen kleinen, nahegelegenen Park, durchs Outlet-Center (wo auch ich fündig werde) und entscheiden uns dann dafür, Bella aufs Zimmer zu bringen und noch etwas essen zu gehen. Gesagt, getan. Kurz danach sitzen wir im Jack Astor's und haben zur Vorspeise ein Guinness und eine Wan-Tan-Nacho-Platte vor uns. Zur Hauptspeise gibt es für Christian einen Burger und für mich Cajun-Lachs mit buntem Gemüse und Jasminreis. Das Essen ist köstlich und ein gebührender Abschluss für den letzten Abend unseres Abenteuers. Es ist kaum zu glauben, dass wir morgen einfach in den Flieger heimwärts steigen. Ich glaube, am komischsten wird es sein, in unsere Wohnung zu kommen und wie verloren in diesen riesigen Räumlichkeiten zu stehen, die gefüllt sind mit Dingen, die man eigentlich nicht braucht. Ganz ehrlich, was man sechs Monate lang nicht vermisst hat, ist doch eigentlich zu viel, oder? Tiefgründige Gedanken am Abend. Mit der Hoffnung, diese Nacht ein wenig besser zu schlafen, machen wir es uns im riesigen und weichen Hotelbett bequem und schlummern nach kurzer Zeit ein.Læs mere













RejsendeWie traurig das die Reise und die tollen Berichte enden. Ich hoffe ihr seid gut in Deutschland angekommen und konntet euch schnell akklimatisieren.
RejsendeKleiner Tipp: Landvergnügen ist jetzt flexibler. App mit online Buchung und fixen Zeitraum ab kauf. Sven und ich sind schon ordentlich an den Wochenenden unterwegs, denn „klein“ Deutschland kann auch schön sein. Viele Grüße
Rejsende
Sorry Aber bei dem Gesicht muss ich unweigerlich lachen :-)
Rejsende
Die Umarmung hat er verdient!!!