Wieder einmal machen wir uns auf den Weg nach Norden.
Der Caprivi-Streifen, dieses schmale, langgezogene Stück Land ganz im Nordosten Namibias, wirkt auf der Landkarte fast wie mit dem Lineal gezogen. Als hätte jemand versehentlich das Land verlängert. Und tatsächlich: Der Caprivi fällt völlig aus der Form. Nicht nur geografisch, sondern auch historisch.
Ende des 19. Jahrhunderts tauschte das Deutsche Kaiserreich mit Grossbritannien ein paar Kolonialgebiete, um sich Zugang zum Sambesi-Fluss zu sichern. Die Idee: eine schiffbare Verbindung zur damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem Gebiet des heutigen Tansania, Ruanda und Burundi. Dumm nur, dass man dabei scheinbar ein doch entscheidendes Hindernis übersah. Die Viktoriafälle. Gewaltige Wassermassen, die jedes Schifffahrtsvorhaben abrupt beendeten.
So blieb der Caprivi eine geopolitische Kuriosität, strategisch völlig nutzlos, aber landschaftlich mindestens für uns ein echter Glücksgriff. Denn nach Wochen in trockener Steppe, über staubige Pisten und durch ausgetrocknete Flussbetten erleben wir hier einen völligen Szenenwechsel.
Plötzlich wird alles grün. Üppige Vegetation, dichte Uferwälder, Wasserlilien, Palmen, sattes Gras. Statt flirrender Hitze liegt feuchte, tropische Luft über dem Land. Das Pfeifen des Wüstenwinds wird abgelöst vom Plätschern der Flüsse. Der Okavango, Kwando und Zambezi durchziehen die Landschaft wie Lebensadern.
Auch die Tierwelt passt sich dem Wandel an. Aus dem Gebüsch grunzen Flusspferde, Krokodile dösen am Ufer, und die Luft ist erfüllt vom Rufen bunter Vögel. Alles wirkt lebendiger, dichter, wilder.
Der Caprivi fühlt sich an wie eine tropische Oase, eingespannt zwischen Botswana, Angola und Sambia. Ein Namibia, das mit dem Bild der endlosen, kargen Weite kaum noch etwas gemein hat. Überraschend anders.Baca lagi
Fredi Keller
🥰