Kunst, Wald und große Visionen
June 4 in Lithuania ⋅ ☁️ 19 °C
Nach einer herrlich ruhigen Nacht mitten im Europos Parkas wurden wir heute Morgen nicht von Straßenlärm oder Nachbarn geweckt, sondern von Vogelgezwitscher und raschelnden Blättern. Zugegeben, an so einen Stellplatz könnten wir uns durchaus gewöhnen.
Nach dem Frühstück schnappten wir uns die Fahrräder und machten uns auf den Weg, den Park in Ruhe zu erkunden. Und auch bei Tageslicht waren wir wieder beeindruckt.
Auf einer Fläche von rund 55 Hektar sind hier mehr als 100 Kunstwerke und Skulpturen ausgestellt, die von Künstlern aus 33 Ländern geschaffen wurden. Die Kunstwerke verteilen sich über Waldwege, Lichtungen und Wiesen. Hinter jeder Kurve wartet die nächste Überraschung. Mal steht dort ein riesiges Kunstwerk aus Metall, mal eine filigrane Skulptur aus Stein und manchmal etwas, bei dem man sich fragt: „Ist das Kunst oder hat hier jemand Material vergessen?“
Genau das macht den Reiz dieses Parks aus.
Besonders beeindruckend ist aber die Geschichte dahinter. Der Europos Parkas wurde 1991 von dem litauischen Bildhauer Gintaras Karosas gegründet. Damals war er gerade einmal 19 Jahre alt und hatte die Vision, nahe dem geografischen Mittelpunkt Europas einen einzigartigen Kunstpark zu schaffen.
Mit 19 Jahren hatte ich andere Visionen. Die drehten sich meist darum, wo es das günstigste Essen gab oder wie lange man ausschlafen konnte.
Gintaras Karosas hingegen beschloss kurzerhand, einen der größten Freilicht-Skulpturenparks Europas aufzubauen.
Und das Erstaunliche daran: Er verfolgt diese Idee nun seit über drei Jahrzehnten mit unglaublicher Konsequenz. Finanziert wurde das Projekt über Spenden, Sponsoren und die Unterstützung zahlreicher freiwilliger Helfer. Wenn man heute durch den Park fährt, kann man kaum glauben, dass all dies einmal mit einer Idee eines 19-Jährigen begann.
Besonders bekannt wurde der Park durch eine außergewöhnliche Installation von Gintaras Karosas selbst. Sein Kunstwerk „LNK Infotree“ brachte ihm sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ein. Die riesige Installation bestand aus mehr als 3.500 ausgedienten sowjetischen Fernsehgeräten, die von Menschen aus ganz Litauen gespendet wurden. Anlass war eine landesweite Sammelaktion des Fernsehsenders LNK.
Die Fernseher wurden auf einer gewaltigen Holzkonstruktion montiert und bildeten aus der Vogelperspektive die Form eines stilisierten Baumes. Die gesamte Anlage erstreckte sich über eine Fläche von mehr als 3.100 Quadratmetern und war damit das größte Kunstwerk der Welt aus Fernsehgeräten.
Besonders interessant ist die Symbolik des Kunstwerks. Die vielen alten sowjetischen Fernseher stehen für die jahrzehntelange Propaganda und Informationskontrolle während der Zeit der Sowjetunion. Am Ende des „Fernsehbaums“ lag eine gestürzte Lenin-Statue am Boden. Sie symbolisiert den Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft und das Ende einer Ideologie, die das Leben der Menschen in Litauen über Jahrzehnte geprägt hatte.
Die Idee hinter dem Kunstwerk war es, die Absurdität und Sinnlosigkeit der sowjetischen Ideologie sichtbar zu machen. Statt eines mächtigen Denkmals erhebt sich hier ein Baum aus ausrangierten Fernsehern – genau den Geräten, über die früher die staatliche Propaganda verbreitet wurde. Ein durchaus nachdenklich stimmendes Kunstwerk, das weit mehr ist als nur ein kurioser Weltrekord.
Je länger wir durch den Park fuhren, desto mehr wuchs unser Respekt vor diesem Projekt. Es ist nicht einfach nur ein Skulpturenpark, sondern der sichtbare Beweis dafür, was aus einer mutigen Idee entstehen kann.
Irgendwann meldete sich allerdings unser Magen. Offenbar verbrauchen frische Waldluft, Kunstgenuss und Fahrradfahren deutlich mehr Energie als gedacht.
Also wurde die Mittagspause kurzerhand etwas nach hinten verschoben und anschließend gründlich nachgeholt. Schließlich muss man auch auf Reisen seine Prioritäten richtig setzen.
Gut gestärkt verabschiedeten wir uns schließlich vom Europos Parkas und machten uns mit Grisu noch auf den Weg zum nahe gelegenen geografischen Mittelpunkt Europas. Dieser liegt nur wenige Kilometer vom Europos Parkas entfernt und wurde 1989 von französischen Geografen des Institut Géographique National als geografisches Zentrum Europas berechnet. Heute erinnert eine Granitsäule mit einem Kranz aus goldenen Sternen an diesen besonderen Ort.
Zugegeben, der geografische Mittelpunkt Europas präsentiert sich deutlich bescheidener, als man es vielleicht erwarten würde. Wer hier ein riesiges Besucherzentrum, blinkende Lichter oder eine europäische Blaskapelle erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen steht man auf einer ruhigen Lichtung im Grünen vor einem schlichten Denkmal. Dennoch hat es etwas Faszinierendes, an einem Punkt zu stehen, der als das geografische Herz Europas gilt. Natürlich mussten auch wir ein Erinnerungsfoto machen – wann steht man schließlich schon einmal mitten in Europa.
Hinter uns liegen Kunstwerke, Wälder und eine beeindruckende Erfolgsgeschichte. Vor uns warten neue Länder, neue Orte und vermutlich auch wieder die eine oder andere Kirche.
Man soll ja seinen Gewohnheiten treu bleiben.Read more





























Traveler
In den Hamsterrad laufen doch ohnehin 95% der Menschheit 🤔
Womo TravelerDas stimmt, deshalb bin ich so glücklich das wir es verlassen haben 😃
TravelerAllerdings, schaffen auch nur wenige. 👍
Traveler
😂