• Rummu, von Gefängnismauern, versunkenen Gebäuden

    June 14 in Estonia ⋅ ☁️ 13 °C

    Gestern stand ein ganz besonderer Ort auf unserer Liste – einer dieser Plätze, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Unser Ziel war das ehemalige Gefängnis von Rummu.

    Schon bei der Ankunft wird klar: Das ist kein gewöhnliches Museum. Das ehemalige Gefängnis aus Sowjetzeiten ist heute ein sogenannter Lost Place, den man auf eigene Faust erkunden kann. Verlassene Gebäude, offene Zellentüren, lange Flure und der sichtbare Zahn der Zeit verleihen dem Gelände eine ganz besondere Atmosphäre.

    Zum Glück gibt es einen hervorragenden Audioguide, der nicht nur die Geschichte erklärt, sondern dies auch noch mit einer guten Portion Humor tut. So wurde aus einem Rundgang durch ein ehemaliges Gefängnis überraschenderweise eine ziemlich unterhaltsame Angelegenheit.

    Das Gefängnis wurde während der Sowjetzeit betrieben und war eng mit dem angrenzenden Kalksteinbruch verbunden. Viele der Häftlinge mussten dort Zwangsarbeit leisten und unter teilweise sehr harten Bedingungen Kalkstein abbauen. Die Gefangenen verbrachten ihre Tage im Steinbruch und ihre Nächte hinter den Gefängnismauern – keine Kombination, die man sich für den Urlaub wünschen würde.

    Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde das Gefängnis schließlich geschlossen. Die Pumpen, die das Grundwasser aus dem Steinbruch fernhielten, wurden abgeschaltet. Was dann geschah, ging erstaunlich schnell: Das Wasser eroberte sich sein ursprüngliches Gebiet zurück.

    Der ehemalige Steinbruch lief voll und verwandelte sich in den heutigen Rummu-See.

    Und genau dieser Kontrast macht den Ort so faszinierend.

    Wo früher Gefangene schwer arbeiten mussten, glitzert heute ein türkisblauer See in der Sonne. Einige Gebäude des ehemaligen Steinbruchs wurden vom Wasser verschluckt. Dächer, Mauern und andere Gebäudeteile ragen noch heute aus dem Wasser heraus und verleihen dem See ein fast surreal wirkendes Aussehen.

    Mittlerweile hat sich Rummu zu einem beliebten Bade- und Tauchspot entwickelt. Taucher können dort die versunkenen Bauwerke erkunden, die heute auf dem Grund des Sees liegen. Vermutlich einer der wenigen Orte der Welt, an denen man gleichzeitig Industriegeschichte, Lost Place und Badesee erleben kann.

    Natürlich durfte auch der berühmte Ascheberg nicht fehlen. Genau genommen handelt es sich um einen riesigen Abraumhügel aus den Zeiten des Kalksteinabbaus. Durch seine helle Farbe wirkt er fast wie ein kleiner Gebirgszug oder eine überdimensionierte Sanddüne mitten in Estland.

    Von oben bietet sich ein fantastischer Blick über das gesamte Gelände. Auf der einen Seite der türkisblaue See, auf der anderen die verlassenen Gefängnisgebäude und dazwischen die Überreste einer bewegten Vergangenheit.

    Je länger wir dort unterwegs waren, desto mehr wurde uns bewusst, wie außergewöhnlich dieser Ort ist. Rummu vereint Geschichte, Natur und Abenteuer auf eine Weise, die man kaum erwartet.

    Und während wir durch die alten Gebäude liefen, fragten wir uns immer wieder, wie die ehemaligen Insassen wohl reagieren würden, wenn sie wüssten, dass heute Touristen freiwillig Eintritt bezahlen, um ihre ehemalige Haftanstalt zu besichtigen.

    Die Antwort würden wir wirklich gerne hören.

    So blieb Rummu für uns einer der außergewöhnlichsten Orte unserer bisherigen Baltikum-Reise – ein Platz, an dem sich die Geschichte nicht versteckt, sondern an jeder Ecke sichtbar bleibt.
    Read more