• Medellin - Stadt des ewigen Frühlings

    December 27, 2025 in Colombia ⋅ ☁️ 20 °C

    Es ist der 25. Dezember 2025. Das Heiligabend-Essen im Steakhaus nahe der Marina mit Freunden ist ebenso vorbei wie die (sehr kleine) Bescherung auf der Vitila. Seit vorgestern wird bei uns Glühwein ausgeschenkt. Während dessen Zubereitung auf dem Herd kam durch den betörenden Duft doch noch schöne Weihnachtsstimmung auf. Uwe hatte im Supermarkt sogar noch Sternanis aufgetrieben! Zimtstangen und Nelken hab ich eh vorrätig, Orangen und Rotwein gab’s natürlich auch (Rezept ist bei mir erhältlich).
    Als wir am 1. Weihnachtsfeiertag bei Ente und selbstgemachten Kartoffelklössen saßen, entschieden wir, noch vor Silvester nach Medellin zu fliegen. Die Stadt reizte uns schon, v.a. wegen ihres Wandels in den letzten Jahrzehnten.
    Ein Flug für den 27.12. war rasch gefunden, ebenso ein schmuckes Hotel mit Balkon und 2 bequemen Stühlen dort. Da wir Anfang Januar schon nach Panama los wollten, wäre eine Reise dorthin später nicht mehr realisierbar gewesen.
    Wie angenehm war es, in den Flieger zu steigen und nach 1h 20 am Ziel anzukommen, und nicht 8 h mit dem Bus rumkutschieren zu müssen. Wir hatten die Sitzplätze so gewählt, dass wir die 2 höchsten schneebedeckten Berge der Sierra Marta auch kurz links im Blick hatten.
    Medellin liegt in einem grünen Andental auf 1300-1800 Metern Höhe, und wird wegen ihres milden Klimas als „Stadt des ewigen Frühlings“ bezeichnet. Sie ist umgeben von steilen Hängen. Als die Stadt immer mehr wuchs, waren die Häusermassen nach allen Seiten die Hänge hinaufgewandert. Dies führte über die Jahrzehnte zur Isolation ganzer Stadtteile, da der Weg dorthin zu beschwerlich geworden war.
    Das Hotel hatte ich bewusst im Stadtteil Laureles ausgesucht und nicht im touristischen Hotspot Poblada. Was sich im Verlauf als leichter Nachteil erwies, da so gut wie alle geführten Gruppentouren im Stadtteil Poblada starten 🙈.
    Da wir nun diesmal wirklich den Nachmittag des Ankunftstages zur Verfügung hatten, liefen wir gleich vom Hotel noch los - wie hätte es anders sein können, bergauf auf einen Aussichtshügel, der am Samstagabend offenbar als Naherholungsgebiet der Städter dient. Leider gaben die mächtig gewucherten Bäume den Blick auf die umliegenden Stadtgebiete im Abend-Sonnenschein nur eingeschränkt frei.
    Wir strebten weiter, dem Zentrum der weltbekannten Adventsbeleuchtung in einem Fußgängerbereich parallel zum Medellin-Fluss zu. Einige mehrspurige Straßen mussten dafür überwunden werden, das ganze Gelände war eingezäunt, aber schließlich fanden wir das Eingangstor und stürzten uns ins Getümmel. Neben den großen beleuchteten Figuren im Park und einem Mega-Weihnachtsbaum waren originelle Lichterwelten über den Fluss gespannt, die sich mehrfarbig in ihm spiegelten. Die riesigen Kunstgebäude und -türme aus Pappmaschee, Draht und Lichtern waren teilweise begehbar und zeigten oft Videoprojektionen im Innern.
    Allmählich regte sich trotz der vielen tollen Eindrücke der Hunger. Die angebotenen Esswaren der Dutzende Verkaufsbuden ähnelten sich stark: Fette Würste, riesenhafte dünne Steaks, immer wieder Chicharron (in Fett gebackene Schweineschwarte) und - Vieles für uns Undefinierbares. Uwe erstand mutig ein Pappschälchen mit Essen, aber glücklich wurden wir damit nicht. Auf dem Rückweg zum Hotel kehrten wir deshalb noch in einer Pizzeria ein, deren Essen den sehr guten Bewertungen voll entsprach. Die Besitzer sprachen italienisch. Untergebracht war das Restaurant ganz bescheiden aber nett dekoriert in einem schmalen länglichen Raum, einer nach vorne verlängerten - Garage. Erfinder-
    geist zahlt sich aus.
    Da das Angebot an Unternehmungen in Medellin erdrückend groß und die Wege weit sind, schlossen wir uns alle drei Tage Halb- oder Ganztagstouren von GetYourGuide an. Es sei schon mal vorweggenommen: Wir waren mit allen sehr zufrieden, aber unser Bedarf nach Gruppen im Sightseeing ist trotzdem für die nächsten Monate, wenn nicht Jahre gedeckt 🙈.
    Als erstes interessierte uns Pablo Escobar. Er hatte in den 70er und 80er Jahren das Medellin Drogen-Kartell aufgebaut, welches Unmengen an Kokain in die USA schmuggelte. Hauptgegner war das ähnliche Cali-Kartell. Der Kampf um die Vorherrschaft im Drogenhandel wurde immer brutaler, der heutige Gedenkstein „la Piedra de los Huecos“ enthält über 10.000 Löcher als Symbol der getöteten Opfer Escobars. Escobar inszenierte sich aber auch als Wohltäter für die Armen und baute ganze Wohnblocks für sie. Deswegen ist sein Andenken auch heute noch vielschichtig. Der Staat begann ihn bald bedingungslos zu jagen. Am Ende entwickelte sich aus dem Zweikampf Escobar gegen den Polizeiapparat ein hochkomplexer Mehrfrontenkrieg zwischen Kartellen, Guerillas, Paramilitärs und staatlichen Akteuren – mit der Zivilbevölkerung als größtem Verlierer. Am 2. Dezember 1993 fand er den Tod, ob erschossen von Polizisten oder durch Selbstmord, ist bis heute umstritten.
    Unser Guide war als Zeitzeuge selbst durch den Verlust von Freunden betroffen und konnte sehr anschaulich schildern. Er führte uns neben dem Escobar-Museum und dem Friedhof auch zu dem Haus, das Escobars letzter Zufluchtsort war, bevor er auf dem Dach des Nachbarhauses starb.
    Nach Jahrzehnten extremer Gewalt hat sich Medellin seit den 2000ern stark gewandelt. Es gilt heute als Vorzeigestadt für soziale Stadtentwicklung, u. a. mit Seilbahnen in armen Vierteln, moderner Metro und Kulturprojekten.
    Vor der Escobar-Führung waren wir schon mit der Metro zu einer Seilbahnstation gefahren und hatten uns, alleine in einer Kabine mit tollem Ausblick, über die Stadt hoch hinaustragen lassen. Die Metrostationen sind hell, modern und großzügig angelegt, irgendwie bedroht fühlten wir uns nie.
    Tag 2 und 3 folgen in einem eigenen Footprint. Es gibt so viel zu erzählen…🙈
    Aber nach einem Tag stand schon fest: Medellin ist eine unbedingte Empfehlung!
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