• Fazit

    January 6 in Saudi Arabia ⋅ 🌙 11 °C

    Saudi-Arabien ist ein riesiges, wunderschönes Land mit unglaublichen Gegensätzen. Die Küste mit dem Roten Meer und herrlich warmen Temperaturen. Die Wüste mit ihren Felsen und herrlich roten Sanddünen, ausgetrocknet, wasserlos, in der es im Winter nachts so kalt sein kann. Endlose Landschaften, durch die lautlos Kamelherden ziehen. Zerklüftete Berge mit Höhen von über 2500m, in denen es kurz vor unserer Ankunft kräftig geschneit hat.
    Oasenlandschaften und Lehmdörfer, die uns eine Zeitreise in ein Leben vor hunderten Jahren ermöglichen, erkunden wir auf unserer Fahrt durch die karge Wüste. Farbkleckse im beige, gelb, grau, rot, braun. Abgesehen vom Grün der Dattelpalmen sticht uns jedes andere grün schon fast unangenehm in die Augen.
    Und dann trifft man in Medinah auf eine der größten Moscheen der Welt. Eine moderne Metropole, gebaut für Pilger. Schlichte, elegante, moderne, saudische Architektur und eine Moschee, die ihresgleichen sucht. Doch das beeindruckendste, die Sonnenschirme, die Hunderttausenden Schatten spenden, kommen aus Deutschland. Hier treffen sich zwei Welten. Wir dürfen konstruieren, aber nicht erleben. Unsere Schirme dürfen sehen, was wir nicht sehen dürfen. Wir erleben staunend die Pilgerzeit Umrah und uns wird bewusst, dass wir nichts wissen. Eine andere Welt, in die wir nicht hinein dürfen mit Regeln, die wir nicht nachvollziehen können. Und die Gedanken? Ich habe keine Ahnung, was die Menschen auf Pilgerfahrt für Gedanken haben könnten. Ich war noch nie in einer Menschenmasse von Hunderttausenden unterwegs. Ich habe noch nie erlebt, dass Hunderttausende totenstill sein können. Dass Menschen alles stehen und liegen lassen, wenn einer ruft. Wir erleben eine Stadt mit ganz besonderer Atmosphäre. Vor allen Dingen am Abend, Aber wir sind Zaungäste. Wir werden nicht feindselig behandelt, aber man nimmt auch keine Notiz von uns, außer wir machen das falsche Foto oder nähern uns einer verbotenen Linie, die wir nicht sehen können, weil sie nicht existiert. Die wir aber doch hätten sehen müssen. Doch wie soll man verstehen, wenn man nichts weiß.
    Ich habe ständig das Gefühl, etwas falsch zu machen und Ärger zu bekommen. So auch in Al Ula. Die Saudis haben sich nicht um die Kultur, die ihnen geschenkt wurde, gekümmert. Alles ist sich selbst überlassen worden. Da das Land geschlossen war und es keine Touristen gab, waren es die Einheimischen, die Petroglyphen und Gräber mit Graffitis verschandelt haben. Jetzt wurde der Wert erkannt und das Verhalten hat sich ins Gegenteil umgekehrt. Alles wird bewacht, keinem Stein darf man sich nähern. Manchmal habe ich das Gefühl, dass allein mein Atem und mein Blick Gräber zerstören. Zumindest werden wir so von den Wachleuten behandelt. Es macht alles keinen Sinn. Die Kamera ist verboten, man darf nur auf der linken Seite des Berges die Gräber ansehen, rechts nicht. Viele Orte dürfen überhaupt besichtigt werden. Wehe man entfernt sich von ihnen zu Fuß. Da wird man sofort eingesammelt. Nicht einmal im alten Ortskern Al Ulas kann man morgens einfach spazieren und Fotos machen. Sofort kommt die misstrauische Frage, was man hier will. Ja was wohl.
    Al Ula ist einer der beeindruckendsten, historischen Orte Saudi-Arabiens. aber die Art, wie man ihn bereisen muss, lässt viele schöne Erinnerungen in den Hintergrund rücken. Ich hoffe, diese extremen Regelungen und Einschränkungen werden sich irgendwann normalisieren.

    Wenn man nicht gerade in das Bauprojekt NEOM hineinfährt, kann man sich in der Natur völlig frei bewegen und wunderschöne Sanddünen, Wadis, Felsformationen, Berge und Täler entdecken. Doch im NEOM Einzugsgebiet, sind viele Straßen schlicht gesperrt. Es gibt keine Ankündigungen dazu. Das ist enttäuschend, wenn man vor Ort steht und nicht weiterkommt.

    Wir erleben hier eine unglaubliche Gastfreundschaft. Warum? Ist es Neugier? Auch auf diese Frage werde ich keine Antwort finden. Was denkt man über uns? Und was denke ich über die Saudis? Selbst meine eigene Frage kann ich nicht wirklich beantworten. Ich kann die Menschen nicht greifen und vermutlich ihre Denkweise überhaupt nicht nachvollziehen. Eine gewisse Skepsis gegenüber meinem Gastgeberland schwingt immer in meinen Gedanken mit. Zu unterschiedlich geht es zu in den Köpfen von Gast und Gastgeber. Da hilft wirklich nur Staunen und Fasziniert sein von dem, was man sieht. Und Akzeptieren, ohne alles zu verstehen.
    Es ist ein Land der Extreme in jeder Hinsicht. Der unterschiedliche Glaube, das Leben in Traditionen und gleichzeitig das supermoderne Riyadh, die trockene Wüste und das Meer. Die Temperaturunterschiede in der Wüste am Tag und in der Nacht. Die extrem lebensfeindliche Landschaft im Gegensatz zur großen Gastfreundschaft der Menschen. Tiefe Täler und hohe Berge. Die unendlichen roten Sandflächen, die sich ohne einen Busch oder Strauch bis zum Horizont ziehen. Die Abbruchkante Edge of the world, von der man vom hohen Plateau aufs 1000m tieferliegende Plateau blickt, das mit dem Horizont verschmilzt.
    Die Natur zieht alle Register. In gigantischen Formen und Farben durchzieht sie das Land.
    Wie begegnen die Menschen heute diesem Gigantismus? Irgendwie muss man ja mithalten, wenn die Natur, aber auch die Nabatäer, solche Maßstäbe setzen. Jedes Bauwerk, jede Straße, jeder Kreisel ist gigantisch groß. Doch gegen Natur und alte Kultur können sie nicht ankommen. Lediglich die neuen Hochhäuser Riyadhs können hier ansatzweise mithalten. Doch die Saudis wollen mehr. Daher haben sie die riesigen Projekte wie NEOM und Mukaab ins Leben gerufen. Doch sind sie realisierbar und bezahlbar? Zerstört sich hier der Gigantismus selbst?
    Sicher ist jedenfalls, dass Saudi-Arabien erkannt hat, dass die Zeit des Öls dem Ende entgegen geht und dass es neue Wege braucht, um den Wohlstand des Landes zu sichern. Noch wird mit Öl sehr viel Geld verdient und dieses fließt nun in Zukunftsprojekte und in den Tourismus als neues Standbein.

    Insgesamt bin ich nun 5258km durch Saudi-Arabien gefahren. Dabei bin ich an etwa 877 Blitzgeräten vorbei gefahren. Dazu kommen Polizei Checkpoints und mobile Radarkontrollen. Nochmals ein Gigantismus. Allerdings einer der ganz anderen Art.

    Saudi-Arabien, fasziniert, begeistert, macht nachdenklich. Es war eine Reise in eine andere Welt, wie ich sie im Oman oder in Jordanien nicht empfunden habe. Auch wenn die Distanzen riesig waren, ich bin froh, sie gefahren und erlebt zu haben. Jeden einzelnen Meter.
    In Zukunft werde ich nun gespannt verfolgen, was aus den atemberaubenden Plänen, Vision 2030, für Land und Leute wird. Wer weiß, ob ich irgendwann nochmals nach Saudi-Arabien reisen werde, um den Gigantismus der Moderne auch noch zu entdecken.

    Vielen Dank meinen lesenden Mitreisenden für den Austausch, eure Kommentare, Ideen und Anregungen. Verzeiht mir meine Tippfehler. Ich erschrecke jedes Mal, dass ich nach Monaten und x-maligem Durchlesen immer noch welche finde. Manchmal denke ich, sie fügen sich von selbst nachträglich ein, um mich zu ärgern.
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