• Medinah - Gedanken

    January 6 in Saudi Arabia ⋅ ☀️ 18 °C

    Nach diesen anderthalb Tagen in Medinah ist mein Kopf so voller Gedanken, Eindrücke und Ideen, dass ich erst einmal alles sortieren muss. Doch wie und wo fange ich an? Mittlerweile ist unsere Reise leider zu Ende und ich sortiere immer noch meine Gedanken.

    Was ist Pilgern? Natürlich weiß ich, was Pilgern ist. Den Jakobsweg mit der Muschel um den Hals entlang pilgern, allein, meditativ, bis Santiago de Compostella. Davon habe ich eine gewisse Vorstellung. Oder ich unternehme eine Pilgerreise nach Rom inklusive einer Audienz beim Papst. Vielleicht hätte ich erst einmal christlich pilgern gehen sollen, um nicht nur eine Vorstellung zu bekommen, sondern Erfahrung zu haben.
    Natürlich habe ich schon Bilder von Menschenmassen gesehen, die in/nach Mekka pilgern. Ich habe mir dennoch keine oder zu wenige Gedanken gemacht, was Pilgern heißt. Ich habe definitiv keine Vorstellung davon. Und jetzt stecke ich mittendrin. Nicht mal in einer christlichen Pilgerreise, die ich vielleicht verstehen könnte. Nein, ich stecke in Umrah, der zweitgrößten Pilgerreise des Islam. Der bedeutendsten Pilgerreise nach Medinah zur Stadt des Propheten Mohammed. Plötzlich sind da tausende Busse, die sich durch die Stadt schieben. 100.000e Pilger, die durch die Stadt pilgern. Alle der Prophetenmoschee Masjid An-Nabawi entgegen. Mal eilig, mal langsam. Alle Hotels sind ausgebucht. Die Uhren ticken plötzlich anders. Alles richtet sich nach dem Gebet. Ruft der Muezzin zum Salah, werden die Geschäfte schnell geschlossen und in den Restaurants gibt es kein Essen mehr. Alles eilt zur Moschee und hunderttausende treffen sich zum Gebet. Menschen aus zig Ländern. Alle wissen genau, was zu tun ist, obwohl sie sich sprachlich nicht verstehen. Und dabei ist es absolut still. Nur der Muezzin ist zu hören. Der Rest der Welt scheint eine Atempause einzulegen, bevor nach der Salah wieder der Startknopf gedrückt wird.
    Ein riesiges Business ist die Pilgerei, über das ich mir nie Gedanken gemacht habe. Pilgerreisen. Eine eigene Reisesparte. Nur angereist, um zu pilgern. Alle mit demselben Logo der Gruppe, damit man sich wiederfindet. Pinke Kopftuchgruppen, orange Kappie-Gruppen, grüne Westen mit Landesnamen. Andere tragen alle denselben Rucksack. Und wenn man sich verloren hat, hier gibt es nicht nur lost and found, sondern auch lost my group. Und dann sind da noch wir. Die einzigen Christen an diesem Ort. Neugierig, interessiert, fasziniert, aber auch willkommen? Nein, eher nicht. Hier ist man auf uns nicht vorbereitet. Niemand rechnet mit Ungläubigen in Medinah. Warum? Wie soll man respektieren, tolerieren, akzeptieren, wenn man es nicht versteht? Wir sind Zaungäste. Spicken ein wenig hinein. Wenn man uns aber bemerkt und klar ist, dass wir nicht pilgern, sind wir nicht willkommen. Das Wachpersonal rüpelt uns an. Das dürfte in vielen Ländern der Fall sein, dass sie nicht gerade freundlich sind. Auch andere Pilger beschweren sich über den Umgang der Wachleute mit den Pilgern. Aber uns „mögen“ sie ganz besonders.

    Da ist nun diese Ambivalenz in mir. Wie muss ich die Menschen einschätzen? Wie sind die Gedanken der Leute, während sie mich anlächeln? Was denken die Gastgeber über ihre Gäste? Man will internationalen Tourismus. Hier in Medinah ist man noch Lichtjahre davon entfernt mit internationalem Tourismus, außer Pilgerreisen, entsprechend umzugehen. Den kennt man hier nicht. Fast niemand spricht englisch. Es gibt keinerlei Beschilderung. Es passt aber auch niemand auf, wer das Moscheeareal betritt. Klar, wozu auch. Es gibt uns ja nicht. Woher sollen wir also wissen, was erlaubt ist? Wenn wir dann aber einen Fehler machen, wegen mangelnder oder falscher Information, dann werden wir in barschem Ton angemeckert. Nein, es ist keine Absicht und kein böser Wille. Wir leben in zwei Welten, die einander nicht verstehen.
    Wir machen die Erfahrung, dass die Pilger überhaupt nicht damit rechnen, dass ein Nichtmuslim nach Medina reisen könnte. Die Überraschung ist groß und die Freude und das Erstaunen, dass sich Christen dafür interessieren und extra an diesen Ort reisen, ebenfalls. Damit wird auch nicht gerechnet. Daher werden wir auch von den Pilgern, als wir uns im Moscheegelände bewegen, nicht für Christen gehalten. Wir fotografieren uns gegenseitig. Es sind schöne Begegnungen. Nachdem aber erkannt ist, dass wir eben Christen sind, sind beide Seiten überrascht und vielleicht etwas ratlos, wie man miteinander umgehen soll, an diesem besonderen Ort, der erst seit 2022 überhaupt für Andersgläubige zugänglich ist. Auch die Pilger sind überrascht, dass wir hier überhaupt nicht sein dürfen. Warum? Diese Frage steht schnell im Raum. Warum dürft ihr das nicht sehen? Eine Antwort gibt es nicht. So sind die Regeln. Aber aus Pilgersicht wären wir wohl willkommen.

    Dennoch, ich darf hier sein. Wir fallen nicht unangenehm auf. Wir erregen optisch keinen Ärger. Die Pilger aus aller Welt nehmen von mir als offensichtlichem Touristen aus dem Westen rund um ihr Heiligtum in Medina keinerlei Notiz und behandeln mich in keiner Weise feindselig. Auch die "normalen" Einwohner Medinas nicht, die ja noch gar nicht wirklich an Touristen gewöhnt sind. Nur das Wachpersonal ist uns nicht wohlgesonnen.

    Dieses Andere, für uns Fremde, übt ungeheuren Eindruck auf uns aus. Allein schon solch eine Menschenmasse zu erleben, die nur kommt, um an diesen Ort zu pilgern und zu beten. Ich habe mich noch nie in solch einer Menschenmasse bewegt. Zu erleben, dass Hunderttausende verstummen, weil der Muezzin ruft. Dass Hunderttausende mehrmals täglich alles stehen und liegen lassen, weil der Muezzin ruft. Dass Religion und Glaube so wichtig für Menschen sein können. Dass man sich dabei absolut gewissenhaft an Regeln und Abläufe hält. Für uns ist das eine außergewöhnliche Erfahrung. Vielleicht für einen gläubigen Christ nicht. Das kann ich nicht beurteilen. Zu erleben, dass sich solch eine Menschenmasse von einer Person führen lässt. Dass sie alles bestimmen und anordnen könnte. Zu erahnen, was für eine ideologische Kraft diese Masse hat.

    All diese Gedanken sind mir während unserer Reise durch den Kopf gegangen und ich habe sie immer wieder aufgeschrieben. Ob ich damit fertig bin? Nein, ich bin es nicht, Viele Gedanken sind angestoßen worden. Viele Fragen stehen im Raum. Antworten werde ich wahrscheinlich nie bekommen. Vielleicht finde ich die eine oder andere im Verlauf der Jahre nach weiteren Erfahrungen und Erlebnissen. Ansonsten bleibt es im Verborgenen, wie so vieles in Saudi-Arabien.
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