Die Magie der Nacht
5. januar, Saudi-Arabien ⋅ 🌙 15 °C
Gegen 16:30 Uhr kehren wir nochmals nach At-Turaif zurück. Wir lassen uns viel Zeit, da wir auf den Sonnenuntergang, die Dämmerung und auf die Lichter in den Gassen warten. Es dauert und so sehen wir uns einige der Galerien noch einmal an. Doch dann ist es soweit. Die Gassen erstrahlen im warmen Licht der Laternen. Das ist eine sehr schöne Stimmung. Plötzlich ist es hier voll. Erst am Nachmittag kommen die Besucher. Wir genießen die Ausblicke und entdecken, dass die beiden schönen Paläste, die uns bisher verwehrt waren, geöffnet sind. Wir betreten einen schönen Innenhof. Er ist von einer Säulenreihe umgeben. Das Dach ist offen. Ein sehr schönes Gebäude. Moritz will noch ein Foto machen. Das ist dann auch mit dem Handy nicht mehr erlaubt. Man versteht es einfach nicht.
Schließlich betreten wir den anderen Palast. Es ist dunkel, die Laternen beleuchten die Wände, die Ornamente werfen Schatten. Das zweistöckige Säulengebäude haben wir ganz alleine für uns. Arabische Schriftzeichen werden mit Scheinwerfern an die Wände geworfen und eine ruhige, tiefe Stimme spricht zu leiser Musik. Was für eine Bühne. Die fremdartigen Laute, das Licht und die Musik erzeugen eine unglaubliche Stimmung. Dieser Moment wird tatsächlich zu einem magischen Moment für mich. Hier und heute habe ich damit überhaupt nicht gerechnet. Ich stehe lange da und überlege mir, was die Stimme wohl erzählen könnte. Geschichten der Kamelkarawanen, Heldengeschichten über den Krieg, arabische Märchen. Ich werde es nie erfahren. Aber das war ein unglaublich intensiver Moment, der mich gepackt hat. Gerade dieses nicht wissen, macht diesen Moment so besonders und geheimnisvoll. Wie so oft auf dieser Reise tauchen wir in eine Welt ein, die sich uns nur in Ansätzen erschließt und sie spannend und außergewöhnlich macht. Ich frage mich, in wiefern wir überhaupt Einblick in dieses Land bekommen haben. Vielleicht mehr als ich erahne oder auch enttäuschend wenig? Wieder eine Frage, die ich jetzt oder auch nie beantworten kann.
Langsam gehen wir weiter Richtung Ausgang und sehen, dass auch der alte Suq und ein Wohnhaus geöffnet sind. Auch diese waren am Mittag geschlossen. Im Suq gefällt es mir besonders gut. Viele kleine Türen spicken zwischen den Säulen hindurch. Ich versuche mir vorzustellen, wie die damals gekleideten Menschen einkaufen waren, worüber sie sich unterhalten und gelacht haben.
Leider ist der Salwa-Palast, der sich über eine Fläche von 10.000 Quadratmetern erstreckt und eines der wichtigsten Denkmäler des Bezirks ist, geschlossen. Er wurde während der Zeit des ersten saudischen Staates gegründet. Der Palast besteht aus sieben Wohneinheiten. Sein Bau war von Nüchternheit und Präzision geprägt. Es folgten architektonische Ergänzungen, bis er schließlich seine heutige Form erhielt.
Neben dem Palast befindet sich ein offener Hof, der dazu diente, seine Besucher zu empfangen, dessen Boden mit Steinen gepflastert ist und an dessen Südseite eine hohe und dicke Mauer steht, über die sich eine Brücke zwischen dem Palast von Salwa und der Moschee erstreckt.
Die Fassaden des Palastes zeichnen sich durch dreieckige Öffnungen und pyramidenförmig angeordnete Verzierungen aus, die neben dem ästhetischen Erscheinungsbild für Licht und Belüftung sorgen. Salwa ist umgeben von Bait Al-Mal, der Moschee von Alt-Turaif und einem Brunnen, der die Bewohner des Palastes mit Wasser versorgte.
Als wir die Anlage fast verlassen haben, beginnt genau hier eine Lichtshow. Die Geschichte Saudi-Arabiens wird an die Wände dieses wunderschönen Gebäudes projiziert. Wie ich schon öfter geschrieben habe: hier hat alles Stil, ist alles elegant, wunderschön gemacht und durchdacht. So auch diese Lichtshow. Sie zieht mich in ihren Bann und begeistert mich für das Land. Es ist mal wieder grandios, wie alles gestaltet wurde.
Mir wird klar, dass ich eigentlich noch lange nicht bereit bin, zurück zu fahren. Es braucht Zeit, in diesem Land anzukommen. Vielleicht bin ich eben erst angekommen. Man versteht vieles nicht. Genau das fasziniert. Manchmal frustriert es aber auch. Das Fremdartige fesselt und packt einen. Ich bin noch voll dieser Eindrücke. Der Palast mit der erzählenden Stimme, diese unglaubliche Lichtshow, als mir jemand einen saudischen Kaffee und Datteln anbietet. Das letzte Mal Kaffee und Datteln. Schöner kann es eigentlich nicht sein. Während ich meine zweite Dattel verspeise und meinen Gedanken nachhänge und versuche, sie zu sortieren, beginnt der Muezzin zu rufen. Es wird ganz still. Die Zeit scheint still zu stehen. Nacheinander erklingen die Rufe aus verschiedenen Richtungen über der alten Lehmstadt At-Turaif. Was für ein fulminanter Abschluss dieser Reise. Wie eine Sinfonie, in der alle Themen am Ende in ein großes, pompöses Finale zusammen geführt werden.Læs mere



























SYLWIA B.Ich lese jetzt noch nach, was ich bisher nicht geschafft habe. Die Reihenfolge ist sicher nicht richtig. Aber anhand Deiner Notizen bestätige ich als Lesende, dass Du jetzt gefühlt angekommen bist. Das merkt man. Am Anfang fühlte ich Deine Unbeholfenheit mit diesem Land. Jetzt - zum Ende - bist Du eingegrooved
RejsendeJa das stimmt absolut. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn wir die Reise entgegengesetzt gereist wären. Der ursprüngliche Plan war, in Riyadh zu starten. Wer weiß. Es hat dieses Mal Zeit gebraucht, weil alles so anders ist. Das ist mir noch nie so ergangen.