• Die Chinesische Mauer

    March 29 in China ⋅ ☁️ 13 °C

    Wir starten heute sehr früh, da wir vor den Menschenmassen auf der Chinesischen Mauer sein wollen. Wie schon befürchtet, gab es heute Nacht keinen Wind und somit heute viele Wolken und keine Sonne. Nachdem wir uns der Mauer nähern, realisiere ich, dass es nur noch 10 Grad hat und mein Pulli im Hotel liegt. Ebenso der Regenschirm und ja, da regnet es auch schon. Das sind perfekte Voraussetzungen und meine Laune sinkt in den absoluten Minusbereich. Doch es hilft nichts. Los geht’s. Zuerst mit dem Shuttlebus und dann mit der Gondel nach oben. Um 8:00 Uhr sind wir nicht allein, aber es ist noch leer. Die Chinesische Mauer oder „10.000 Li lange Mauer“ ist eine Schutzanlage zur Grenzsicherung, die unter anderem während der Ming-Dynastie (1368–1644) im Norden Chinas errichtet wurde. Der chinesische Name „10.000 Li lange Mauer“ beinhaltet die chinesische Längenangabe lǐ. Ein historisches Li entspricht etwa 500m, 10.000 Li sind daher ca. 5.000km. Der Ausdruck ist jedoch nicht wörtlich zu verstehen. Die Zahl 10.000, also wàn, steht im Chinesischen auch für Unendlichkeit. Daher ist der Ausdruck etwa als „unvorstellbar lange Mauer“ zu verstehen.
    Vom 17. Jahrhundert bis ins 19. Jahrhundert hinein ging man in Europa davon aus, dass die Befestigungen bei Peking, sowie die gesamte damalige Nordgrenze mit einer solchen Mauer gesichert sind.
    Schutz allein war bald nicht mehr die einzige Aufgabe des stolzen Bauwerks. In der Han-Zeit (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) wurde die Mauer auch zur Verbreitung von Nachrichten genutzt. Da der Wall alle paar hundert Meter mit Wachtürmen versehen war, war es ein Leichtes, Botschaften zu übermitteln. Von einem Wachposten zum nächsten wanderten die wichtigen Informationen in rasantem Tempo per Feuersignal und Rauchmeldung.

    Heute werden alle im Norden Chinas errichteten längeren Grenzbefestigungen durch Wälle und Mauern zusammenfassend als „Chinesische Mauer“ bezeichnet. Sie ist nicht als einheitliches Bauwerk, sondern über einen Zeitraum von über 100 Jahren in Abschnitten mit unterschiedlicher Bauweise errichtet worden. Breite, begehbare Mauern mit ihren Wachtürmen und Zinnen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bilden das ikonische Bild der Chinesischen Mauer und sind zu einem Sinnbild Chinas geworden. Die Länge der Schutzanlage wurde lange Zeit mit 6260km angegeben, was an ihrem Namen „10.000 Li lange Mauer“ liegt und auch schon enorm ist. Hinsichtlich Volumen und Masse gilt die Chinesische Mauer als das größte Bauwerk der Welt. Nach neuesten archäologischen Berechnungen aus dem Jahr 2012 sind alle Mauerabschnitte zusammen wohl 21.196km lang. Das entspricht etwa der Luftlinie Stockholm - Kapstadt und zurück.
    1987 erklärte die UNESCO die Chinesische Mauer zum Weltkulturerbe. 2007 wurde die Mauer von weltweit 70 Millionen Menschen im Rahmen einer Privatinitiative zu einem der „neuen sieben Weltwunder“ gewählt.

    Oben angekommen besteigen wir den westlichen Teil der Mauer. Die Wolken hängen tief, die herrliche Bergwelt versinkt unsichtbar im grauen Brei. Die graue Mauer schlängelt sich auf grauen Bergkämmen zwischen grauen Bäumen in Richtung grauer Wolken. Die einzigen Farbtupfer sind die Kirschbäume, die überall blühen. Wunderschön sehen sie aus. Wären die Bäume entlang der Mauer schon grün, könnte man das Mauerband deutlich besser sehen. Wir haben aber März und nicht Ende April. Obwohl meine Nase noch eiskalt ist, beginne ich zu schwitzen. Steil ist es. Die Stufen sind mal hoch, mal niedrig und mal für Riesen gemacht. Sie gehen nicht nur steil bergauf, sondern kippen alle nach links ab. So kann das Regenwasser perfekt ablaufen. Die Rinnen verlaufen auf der linken Seite und das Wasser plätschert in kleinen Wasserfällen die Stufen hinunter. Nein, heute zum Glück nicht. Der Regen hat wieder aufgehört. Die Blicke auf das sich schlängelnde Band innerhalb der Mauern und von den Seiten ist wunderschön. Wir steigen auf und wieder ab und überblicken das grandiose Bauwerk. Das letzte Stück bis Turm 20 ist kein Vergnügen. Mein Gott. Zum Glück liegt der Pulli im Hotel. Die Stufen sind extrem steil und riesig. Ist das anstrengend. Dieses Weltwunder muss hart erarbeitet werden. Und dann stehen wir am westlichsten Punkt und überblicken das Tal bis zum nächsten Berg immer entlang der Mauer. Die Atmosphäre ist toll. Still und leise, kaum Touristen zu dieser frühen Stunde. Was für ein Ort.
    Auch auf den umliegenden Bergen entdecken wir Wachtürme. Die Türme sind recht breit und immer drei Gänge führen durch sie hindurch. Der Blick durch die Fensteröffnungen ist toll. Wären da nicht die Bienen. Sie haben überall ihre Nester und fliegen uns direkt an. Bienen sind meine Todfeinde. Ich muss hier weg und so geht es im Eiltempo durch jeden Turm. Mittlerweile hat das Wetter ein wenig Erbarmen. Die Sonne drückt und die blauen Himmelslöcher nehmen zu. Leider nehmen auch die Menschenmassen zu. Und zwar ganz entsetzlich. Die gesamte Mauer scheint geflutet. Es ist ein einziges Gedränge und Geschiebe wie auf dem vollsten Weihnachtsmarkt. Ein Menschenband auf dem Mauerband. In winzigen Schritten tappeln wir vorwärts. Warum ist hier alles so furchtbar überfüllt? Es ist grauenhaft und die Menschenmassen stressen mich. Laut ist es und die Atmosphäre vom frühen Morgen längst verschwunden. Überall ragen bunte Fahnen von Reisegruppen in die Luft.
    Warum musste die Sonne erst jetzt herauskommen, wenn alles überfüllt ist? Wir erreichen schließlich den östlichsten Punkt. Unsere vielen Höhenmeter von heute Morgen haben wir längst verloren. Die Knie rufen um Erbarmen und die Beine zittern. Abwärts steigen ist Folter. Da freue ich mich schon auf den nächsten Mauerabschnitt, der steil bergauf geht. Das letzte Stück bis Turm eins ist mehr als dachsteil. Die Stufen völlig unterschiedlich. Jeder Schritt eine Stolperfalle. Ein Kampf. Eine Quälerei. Der Weg nach unten wird ja noch viel schlimmer. Doch zunächst sind wir oben, folgen der Mauer mit den Augen über Berge und Täler. Was für ein Monument. Ein unglaubliches Gefühl tatsächlich auf der Chinesischen Mauer zu stehen. Ich habe nicht erwartet, jemals hier zu sein und da stehe ich nun. Wir beginnen den Abstieg und meine Knie schreien bei jeder Stufe: Was tust du mir da an? Doch nach dem Abstieg folgt ein neuer Aufstieg und so winden wir uns wieder hinauf und hinunter zwischen den Menschenmassen hindurch bis zur Gondel. Wäre doch nur die Sonne am Morgen schon da gewesen. Es hätte so wunderschön sein können. Aber es sollte nicht sein. Ich kann mich noch nicht losreißen vom Anblick dieses grandiosen Bauwerks. Da macht es mir das Wetter leicht. Es beginnt wieder zu regnen, Dieses Mal kräftig. Und so haben wir die Zeit auf der Mauer zwischen Regen und Regen verbracht und die gesamte Trockenphase mit Sonne ausgenützt.
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