• Auf dem Weg nach Lhasa

    April 1 in China ⋅ ☀️ 21 °C

    Mit einem wehmütigen Auge verlassen wir das sonnige, frühlingshafte Xi’an, das uns sehr gut gefallen hat. Als wir das Hotel verlassen, müssen wir lachen. Man fragt, ob alles in Ordnung war und es gefallen hat. Doch der gute Mann verheddert sich in seinen Sätzen. Daher schaut er nun ganz offensichtlich nach unten. Dort liegt das Papier mit dem englischen Text. Jetzt kann er ablesen. Der gute Wille zählt. Englisch ist absolute Mangelware. Kaum einer versteht es. Das sollte sich in Zukunft dringend ändern. Wir haben aber unseren Spaß. Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass seine Aussprache erstaunlich gut war.

    Heute beginnt unsere Reise auf das Dach der Welt. Eine Reise in ganz dünne Luft und in die spirituelle Welt des tibetischen Buddhismus.
    Wir starten in Xi´an auf einer Höhe von gerade mal 405m und erreichen nach etwas über 4 Stunden Fahrt und 765km mit dem Hochgeschwindigkeitszug Xining auf einer Höhe von 2275m. Das ist schon mal ein kleiner Sprung von gerade Mal 1870hm. Da aber 2275m kleiner als 2500m ist und es erst ab etwa dieser Höhe interessant wird, was die Höhe mit dem Körper macht, sind wir immer noch im grünen Bereich. Aber wir sind ja auch erst am Anfang unserer Reise.
    Dieses Mal fahren wir mit einem D-Zug, dem Dongche, dem zweitschnellsten Hochgeschwindigkeitszug. Er ist etwas langsamer als der G-Zug und in der Spitze etwa 250km/h schnell. Daher brauchen für die 500km kürzere Strecke (als von Beijing nach Xi´an) ebenfalls 4 Stunden. D-Züge werden in China auf stark frequentierten Mittelstrecken zwischen großen Städten eingesetzt. Sie sind preislich deutlich günstiger, als die noch schnelleren G-Züge. Wir wissen ja nun schon, dass wir zum selben Bahnhof wie vor zwei Tagen müssen. Xi´anbei - also Xi´an Nord. Wir kennen die Wege und laufen sie nun eben genau entgegengesetzt.

    Auch der heutige Zug ist wieder pünktlichst. Zunächst fahren wir noch durch flaches Land. Doch schließlich wird es hügelig und interessant. Wenn es nur nicht so viele Tunnel gäbe. Man sieht kaum etwas von der Landschaft. Aber es beginnt deutlich und regelmäßig in den Ohren zu knacken. Die Chipstüte ist bereits dick wie ein Luftballon. Ich meine auch einen gewissen Druck im Kopf zu spüren. Das kann aber auch am Zug liegen. Andere westliche Touristen sehe ich außer uns keine. Ich bin gespannt, wie sich das im Lhasa Zug ändert. Leider habe ich keine Ahnung, wie hoch wir schon sind, aber die Temperatur ist von 23 auf 13 Grad gesunken. Das sagt schon einiges. Der weiche Boden ist vom Regen stark ausgeschwemmt und tiefe Canyon sind entstanden. Teilweise liegen die Felder mit einem Höhenunterschied 5/6m nebeneinander und dazwischen klafft ein Tal.
    Hier blüht noch kein einziger Kirschbaum und die Bäume sind komplett kahl. Vielleicht erleben wir so die Kirschblüte sogar zweimal. Ansonsten ist die Strecke landschaftlich alles andere als spektakulär. Jede Stadt sieht gleich aus. Unzählbare, 20-30 stockige, braun graue Hochhäuser ziehen sich bis zum Horizont.

    Xining ist offenbar ein für chinesische Verhältnisse kleiner Ort, denn unser Bahnhof hat keine weitere Angabe zu den Himmelsrichtungen. Es gibt aber auch nur einen Bahnhof für Personenverkehr. Die Stadt in der Provinz Qinghai ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und ein Tor zur tibetischen Hochebene. Dort erhalten wir unsere Einreisegenehmigung, das TTB, im Original, sowie die Zugtickets für den nächsten Hochgeschwindigkeitszug. Als ausländische Touristen kann man sich im Autonomen Gebiet Tibet nicht frei bewegen. Man benötigt neben dem TTB grundsätzlich einen Fahrer plus Guide an seiner Seite.

    Damit wir uns schon ein wenig an die dünne Luft gewöhnen, erkunden wir Xining und gehen Abendessen. Der Bahnhof befindet sich mitten in der Stadt. Das ist sehr praktisch für uns.

    Während wir auf die Abfahrt der Lhasa-Bahn warten, kreisen meine Gedanken und wenn ich es mir so recht überlege, befinden wir uns, wenn wir in Lhasa nach 21 Stunden aus dem Zug steigen, 1972km weiter westlich auf einer Höhe von 3650m, was nochmals 1375hm mehr sind, als wir bis jetzt schon zurückgelegt haben. Um das Rechenspiel weiter zu spielen: Insgesamt bewegen wir uns also in etwa 25 Stunden 2737km nach Westen und 3245hm der Sonne entgegen. Was für eine Dimension. Doch so wirklich richtig ist das nicht, denn während dieser Zeit überwinden wir Pässe, Brücken und Schluchten und halten an Bahnhöfen auf über 5000m. Das ist dann ein Höhenunterschied von fast 5000hm innerhalb von 25 Stunden und nochmals eine ganz andere Dimension. Unvorstellbar. Stellt sich die Frage, wie unser Körper zu diesem Höhenexperiment steht und ob es für ihn vorstellbar ist. Andererseits bleiben wir an diesen Orten nur kurz und so gesehen liegt Lhasa dann schon wieder richtig niedrig auf "nur" 3650m. Wir sind gespannt....
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