• Fahrt zum Qomolangma (Mt. Everest)

    7 April, China ⋅ ☁️ -1 °C

    Die Nacht auf 3900m war gut, auch wenn ich irgendwann mit Herzrasen aufgewacht bin und dachte „my heart is beating like a jungle drum“. Wir starten erst um 9:30, obwohl doch über Mittag das Wetter immer schlecht wird. Unser Fahrer benötigt noch ein Dokument, um in den Everest Nationalpark zu fahren. Wir fahren zu dem Office und warten und warten. Nach und nach kommt heraus, dass sein Papier abgelaufen ist und er vergessen hat, ein Neues zu ordern. Wir stehen 2 Stunden blöd auf einem Parkplatz bei herrlichstem Wetter und warten, während in den Bergen langsam die Wolken aufziehen. Ich bin richtig sauer, zumal es mir so wichtig war, gerade heute zeitig zu starten. Es hilft am Ende nichts. Wir verlassen Shigatse erst um halb zwölf Richtung Everest Nationalpark. Die Landschaft bleibt zunächst noch flach und sanft, bis wir den ersten Pass überqueren. Stück für Stück schrauben wir uns nach oben an wilden Flüssen entlang. Yakherden grasen bereits hier und die ersten Nomaden richten sich für den Sommer ein. Unser Fahrer hat nicht gerade den sanftesten Fahrstil und fährt nur ordentlich, wenn Kameras die Strecke überwachen. Hier würde ich mir noch viel mehr Kameras wünschen. In einer Ortschaft passiert es dann. Er überholt mal wieder wie ein Henker, als ein Motorradtuktuk einbiegt. Es hat uns übersehen. Wir fahren schließlich such nicht auf der richtigen Spur. Hupen und massives Bremsen. Es ist so knapp. Er reißt einen Haken auf unsere Spur. Zum Glück geraten wir nicht ins Schleudern. Mein Gott. Ich will gar nicht darüber nachdenken, wie das ausgegangen wäre. Schließlich erreichen wir den 5420m hochgelegenen Cho La Pass. Wir passieren Gletscherfelder und sehen immer häufiger die weißen Riesen am Horizont. Mal hier mal da, ragt eine weiße Spitze in den Himmel.
    Der Himalaya hat uns wieder und wir betrachten seine weißen Riesen ebenso fasziniert und ehrfürchtig wie beim ersten Mal von Nepal aus. Das Dach der Welt. Weiter geht es zum Gyarso La Pass. Er ist mit einer Höhe von 5.260 m der höchste Pumkt auf der chinesisch-nepalesischen Freundschaftsstraße. Er markiert den offiziellen Eingang zum Qomolangma National Nature Reserve (Everest Region). Obwohl es recht wolkig ist haben wir spektakuläre Ausblicke auf die Bergwelt. Wir bemerken hier bereits die eisigen Temperaturen und Winde. Ist das kalt. Wir spüren sie sofort , als wir die Autotüre öffnen. Es ist kaum auszuhalten.

    Von tibetischer Seite ist es perfekt zu sehen. Was für ein beeindruckender Moment. Erhaben, majestätisch thront er über allem, der Qomolangma. Die Luft ist heute besonders dünn und wir kommen wieder kräftig ins Schnaufen. Der Sauerstoff fehlt in den Lungen und presst sie zusammen. Ich empfinde es als angenehmer, langsam und stetig weiter zu laufen, als stehen zu bleiben. Sobald ich stehe, habe ich das Gefühl, zu wenig Luft zu bekommen und weiß vor lauter Atmen nicht, wie ich noch atmen soll.
    Das Licht ist ein ganz anderes, als in tieferen Lagen. Es erinnert mich an das Hochland Argentiniens. Dort waren das weiche Licht und die besonderen Farben auch so beeindruckend.

    Nach dem Betreten des Everest-Schutzgebiets erreichen wir die berühmten 108 Kurven. Die 108 Kurven sind wie die „Haarnadelkurven“ auf der F1-Strecke. Die Straße der 108 Kurven ist ordentlich in einem spiralförmigen Muster angeordnet. Das Fahren auf dieser Straße bedeutet das Hin- und Herklettern von etwa 800 Höhenmetern auf 180-Grad-Kurven, was ein extremes Herausforderungsgefühl vermittelt.
    Nach einer weiteren Kurve sind wir ganz überraschend oben und es entfährt mir ein fassungsloses Wow. Da lieg Gisela vor uns - die gesamte Kette Berge des Himalaya. Weiß glitzernd in der Sonne. Der Anblick ist unbeschreiblich.

    Zum zweiten Mal betrachten wir ehrfürchtig den Mount Everest. Besser gesagt, seine Spitze, die kurz aus den Wolken blitzt. Vor 2 Jahren haben wir den Sagarmatha von oben in Nepal gesehen, als wir die Himalaya-Bergkette entlang geflogen sind. Jetzt stehen wir im Base-Camp des Qomolangma in Tibet und sehen hinauf zum höchsten Gipfel der Welt. Ein Ort - drei Namen. Was für klangvolle, magische, geheimnisvoll klingende Namen sind doch Sagarmatha und Qomolangma. Sagarmatha bedeutet so viel wie „Göttin des Himmels“ bei den Nepalesen. Qomolangma bedeutet für die Tibeter „Göttin - Mutter der Welt“. Mount Everest ist der internationale Name zu Ehren des britischen Landvermessers Sir Georg Everest. Wie banal er doch klingt.

    In einem Radius von 20km um den Qomolangma (8.849m) befinden sich fünf Gipfel über 8.000m und mehr als 40 Gipfel über 7.000m über dem Meeresspiegel. Darunter der berühmte Lhotse (8.516m, der vierthöchste Berg der Welt), Makalu (8.485m, der fünfthöchste Berg der Welt), Changtse (7.534m), Nuptse (7.861m) und Pumori (7.161m). Im Umkreis dieser Gipfel gibt es einige Superhochgebirge, die dem Berg Qomolangma über eine lange Distanz gegenüberstehen, wie Kangchenjunga (8.586m, der dritthöchste Berg der Welt), Gyachung Kang (7.952m), Cho Oyu (8.201m) und Shisha Pangma (8.027m). Die Gipfel um und mit dem Qomolangma bilden eine großartige Szenerie und vielleicht die atemberaubendste Landschaft der Welt. Nein, nicht vielleicht. Mir bleibt die Luft weg. Atemlos bin ich aber nicht nur wegen des Sauerstoffmangels, sondern vor allen Dingen wegen des Anblicks der Natur. Ich glaube, einen grandioseren, beeindruckenderen, spektakuläreren Ort gibt es nicht auf dieser Welt. Mir gehen die Adjektive aus. Man kann es nicht mit Worten beschreiben, was die Augen sehen, der Körper fühlt.
    Hier ist also der Ort, an dem sich elf weltklasse Gipfel gegenüberstehen. Der einzige Aussichtspunkt, von dem man fünf Achttausender gleichzeitig sehen kann. Daher wird dieser Ort auch als „schönste Aussichtsplattform der Welt“ bezeichnet. Der Anblick des Berges versetzt einen in eine erhabene, fast spirituelle Stimmung. Hier zu stehen, winzig klein, in der Eiseskälte, mühsam atmend und auf diese weißen Riesen zu blicken, ist ein völlig anderes Gefühl, als gemütlich im warmen Flugzeug an ihnen entlang zu fliegen. Obwohl wir schon weit oben sind und der Qomolongma „nur“ noch 3000m höher liegt als wir hier stehen, spüren wir diese unglaubliche Größe, die Erhabenheit und Kraft der Berge. Es lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Aufgrund unserer Position wirken andere Berge viel höher als der Qomolangma. Von Osten schiebt sich blauer Himmel über die Berge. Sie glitzern in der Sonne. Ich kann mich kaum sattsehen, obwohl ich so schwer atmen muss. Im Auto freue ich mich sehr überdies Sitzheizung und die automatische Sauerstoffzufuhr. Eiskalte, dünne Luft macht es der Lunge so schwer ausreichend Sauerstoff zu erhalten. Allerdings hilft der eisige Wind und erleichtert das Atmen eher.

    Schließlich erreichen wir 45km vor dem Basecamp eine kleine Ortschaft, in der wir in einen Shuttlebus umsteigen. Ab hier sind keine Privatautos mehr erlaubt. Entlang kleiner Dörfer mit Blick auf die unglaubliche Bergwelt geht es weiter. Die Felder werden bestellt. Yaks, Schafe und Pferde grasen für mich unsichtbares Gras. Es gibt hier nur die Farben grau, braun, blau und weiß. Aber definitiv noch kein Grün. Es sind auch noch keine grünlichen Knospen an den Bäumen zu sehen. Der Himmel ist mittlerweile tiefblau. Nach ca 45 Minuten mit einigen grandiosen Ausblicken erreichen wir das Everest Basecamp.
    Baca lagi