• Mount Everest Basecamp 5200m

    7 April, China ⋅ ☀️ -6 °C

    Unser Guide ruft beim Aussteigen aus dem Bus: „Lauft, das Wetter ändert sich. Ich mache alles.“ In dünnster Luft eilen wir auf den höchsten Berg der Welt zu. Ist das ein Anblick. Immer wieder taucht sein Gipfel aus den Wolken auf. Dann verschwindet er wieder. Wir steigen die Treppen oberhalb des Klosters Rongbuk hinauf. Da liegt er vor uns in seiner ganzen Breite und Höhe. Majestätisch, eiskalt, wunderschön. Der Atmen wird mir vollständig geraubt. Leider nicht nur von seinem Anblick. Ich brauche die kleine Sauerstoffflasche. Ich stelle fest, dass ich beim Fotografieren die Luft anhalte. Prinzipiell perfekt. Doch nicht hier. Mein schwerer Atemrhythmus kommt durcheinander. Mir fehlt mindestens eine Runde Einatmen. Das Herz rast. Es dauert einige Zeit bis ich meinen Rhythmus wieder habe. Ist das anstrengend.

    Während wir in dieser Höhe stehen, gebannt auf den Everest blicken und völlig außer Atem geraten, muss ich an unsere Besteigung des Vulkans Cotopaxi in Ecuador denken. Was für eine körperliche Grenzerfahrung. Und dennoch wollten wir immer weiter. Wir mussten einfach das Ziel erreichen, obwohl wir das Gefühl hatten, dass uns der fehlende Sauerstoff die Lungen zerquetscht. So wie man während der ersten Autobahnfahrt seines Lebens in einen Geschwindigkeitsrausch verfallen kann, ist es hier der Höhenrausch. Man überschätzt sich. Sieht nur noch die Spitze des Qomolangma in den blauen Himmel ragen. Da will man hin. Man spürt keine Kälte, keinen eisigen Wind, kein Zerreißen der Lunge, kein Erfrieren der Gliedmaßen. Schließlich hat man die vermeintlich warme Sonne im Gesicht. Der Blick kennt nur eine Richtung: Gipfel. Es ist ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Alles andere tritt in den Hintergrund. Ich vermute, es ist ein Wahnsinnsgefühl, wenn man sich dem Gipfel tatsächlich Schritt für Schritt nähert. Es gibt kein zurück. Im Zweifelsfall bis in den Tod.
    Diese Wahnsinnsgefühl tritt für uns bereits hier "unten" ein auf 5210m und ich meine, die Entscheidung der Bergsteiger nachvollziehen zu können, weshalb sie im Zweifelsfall bis in den Tod weitergehen müssen.
    Ich erinnere mich an Argentinien, an die Kälte, den eisigen Wind, ein klein wenig höher als hier, als ich auf den Llulleillaco geblickt habe und an die Kindermumien gedacht habe, die dort beerdigt worden sind. Am nächsten Tag waren wir in Salta ein zweites Mal im MAM. Dieser Moment, dort „la niña“ zu sehen, war unglaublich, kaum in Worte zu fassen. In meinem Reisebericht habe ich damals aufgeschrieben: "Wir wissen, wie der Llullaillaco aussieht, weil wir dort waren. Wir haben gesehen, was sie (la niña) gesehen hat. Wir spüren den eisigen, sturmartigen Wind, das erschwerte Atmen in extremer Höhe. Wir hören innerlich das Pfeifen des Sturmes. Wir können mit ihr fühlen und sehen. Wir können uns vorstellen, wie sie damals dort entlang gelaufen ist, in dem Wissen, dass sie jetzt bei einem herrlichen Prozedere mit den beiden anderen Kindern sterben wird. Mit dem Wissen, dass sie ihrem Volk den Regen bringen soll. Auch sie war warm angezogen, aber kein Vergleich zu heute. Ich fühle mit, wie sie friert. Ich hätte nicht gedacht, dass man sich einer Mumie so nah fühlen kann."
    So ähnlich ergeht es mir jetzt wieder, wenn ich an die Bergsteiger dort oben denke. Im Fernsehen, bei einer Dokumentation über die Everest Besteigung ist das eine Sache und wenn man einen Rundflug entlang des Himalaya in Nepal macht, eine andere. Aber jetzt stehe ich selbst hier, erblicke wirklich den Gipfel und spüre dieselbe Kälte, atme dieselbe Luft, allerdings mit mehr Sauerstoff und spüre dieselbe Anziehungskraft des Berges.
    Ich weiß nicht, ob man nachvollziehen kann, was ich hier gerade erlebe und versuche in Worte zu fassen. Vielleicht verstehen mich diejenigen, die schon in hoher Höhe oder womöglich hier waren.

    So eilen wir schwerst atmend zum nächsten Aussichtspunkt. Warum tut man sich das an? Er ist der Berg der Berge. Die Wolken reißen auf, Schneefahnen steigen in die Höhe, der eisige Wind pfeift uns um die Ohren und der Gipfel wird wolkenfrei. Es ist der absolute Traum. Mehr geht nicht. Der eiskalte Wind umpfeift uns. Wir suchen Schutz hinter einem Felsen. Leider ist er ein Fotomotiv und so müssen wir den Windschatten oft verlassen. Moritz gibt irgendwann auf. Wie klug von ihm. Ich kann nicht. Ich stehe, friere, staune, denke schon lange nichts mehr und schaue bis es nicht mehr geht. Ich spüre keine Finger und Füße mehr. Bei einem heißen Tee taue ich wieder ein wenig auf und dann erleben wir das Abendglühen des Qomolangma. Er erstrahlt rötlich im letzten Sonnenlicht und wird dann immer heller, wie eine Kerze, die verlischt. Was für ein Moment. Was für ein Tag.

    Durch die Kälte geht es zum Guesthouse und nach einer heißen Suppe will ich nur noch ins Bett. Die Hände sind von der Kälte und Höhe lila verfärbt. Das Zimmer ist kalt. Von wegen Heizung. Und so kuschle ich mich mit dem vielleicht größten Wow-Gefühl meines Lebens in meinen warmen Daunenschlafsack und schlafe schwer atmend, aber glücklich und mit dem Wissen, der Qomolangma ist direkt vor meinem Fenster, ein.
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