Flug vom Dach der Welt ins Tiefland
10 April, China ⋅ ☁️ 20 °C
Wir verlassen das Stadtgebiet Lhasas und es öffnet sich noch einmal das weite Tal unter einem phantastisch blauen Himmel. Die Luft ist klar und kalt und die Berge scheinen sich heute besonders scharfkantig vom Himmel abzuheben, Ein letztes Mal überqueren wir den Lhasa Fluss mit seinem kilometerweiten Flussbett, bevor er sich in den geschwungenen Linien der Straßenführung am Fuße der 4000-er verliert.
Als wir uns von unserem Guide und Fahrer verabschieden, wird ein Trinkgeld fällig. Hierfür hat das superdigitalisierte China noch keine Lösung gefunden. Weder WeChat noch Alipay verfügen über eine „Tippay“ Funktion, oder wie auch immer man sie nennen würde. Somit ist bargeldloses Reisen auch in China noch nicht zu 100% möglich.
Der Flughafen von Lhasa ist überraschend groß und hypermodern mit vielen Glasfronten. Er gleicht der Form eines Flugzeugs. Der Boden im Airportgebäude ist aus weißem, hochglänzendem Naturstein. Ein Flughafen, der so gar nicht zum traditionellen Stadtbild der Altstadt Lhasas passt. Aber er wirkt leicht und filigran und man blickt vom gesamten Gebäude auf die wundervolle Bergwelt. Hier gibt es kleine Wägen für das Handgepäck. Man mag sich nun fragen, weshalb ich dies erwähne. Diese, zumindest für uns, futuristischen Wägen, verfügen über ein riesiges Display. Man kann Filme schauen und Spiele spielen. Bestimmt geht noch viel mehr. Aber auf Chinesisch ist das für uns schwierig. Schiebt man den Wagen zu den anderen, ziehen sie sich magnetisch an und beginnen zu laden. Vielleicht gibt es bei uns auch so etwas in 30 Jahren. Nachdem wir eingecheckt sind, bekommen wir doch Hunger und entdecken einen Mc Donalds. Nun gut, los geht’s. Am Selbstbedienungsdisplay geht nur Chinesisch. Aber irgendwie funktioniert es doch immer gleich und so klicken wir uns Stück für Stück zu Cola ohne Eis und Burger ohne Zwiebel bis zur Bezahlfunktion. Hier will Alipay nicht mal einen Code. Rangehalten und schon abgebucht. Perfekt. Kurz darauf steht das Deluxmenü auf dem Tisch. Bei Cola und Pommes kann man nichts falsch machen. Der Burger schmeckt natürlich anders, aber lecker.
Der Flughafen befindet sich auf einer Höhe von 3.750m über dem Meeresspiegel, während Chengdu nur auf 500m liegt. Das ergibt mal eben auf die "Schnelle" einen Höhensprung von 3.200hm! Dieses Mal ist er aber einfach zu bewältigen. Denn der Höhensprung ist ein Tiefensprung, der uns viel Sauerstoff beschert. Hoffentlich verkraftet unser Körper diese Sauerstoffüberflutung.
Leider ist schon Boarding. Aber ohne Flugzeug gestaltet sich das schwierig. Das hyperpünktliche China kann leider auch anders. Mit einer Stunde Verspätung starten wir schließlich mit Tibet Airways. Da hätten wir auch den pünktlichen Zug nehmen können.
Der Start lässt mich die Luft anhalten und stutzen, da die Maschine rollt und rollt, aber irgendwie nicht abheben will. Aber halt, ich weiß ja, dass wegen der dünnen Luft nur ein längerer Anlauf mit einer höheren Startgeschwindigkeit den nötigen Auftrieb erzeugt. Wenn man hingegen landet, erlebt man eine extrem hohe Anfluggeschwindigkeit, die wegen der dünnen Luft und des verringerten Auftriebs hier oben erforderlich ist. Ich weiß nicht, was sich vertrauenserweckender anfühlt. Start oder Landung.
Fast unmerklich hebt der Airbus schließlich in das diffuse Licht über Tibet ab und die braunen Gebirgsketten beginnen langsam kleiner zu werden, ehe sie ganz hinter den Wolken verschwinden.
Nach einem kurzen Steigflug sehen wir, wie ein vielleicht 6.000-er mit seiner vergletscherten Korona die Wolkendecke durchstoßen hat und erhaben seine unverrückbare Präsenz manifestiert. Unter dem Flugzeug breitet sich die Watte der oberen Wolkenschicht wie ein weicher Teppich aus. Wir verlassen das herrliche Blau, den unendlichen Blick in den Himmel. Lichtzuckungen und vorbeihuschende Wolkenfetzen gehen langsam in einen hellen Wolkenbrei über. Dann durchstoßen wir die Wolkenschicht wieder und blicken in den blauen Himmel. Tibets Berge bleiben uns verborgen.
Das Essen wird gebracht. Als wir an der Reihe sind, erstarrt die chinesische Stewardess förmlich. Wir sind die einzigen Langnasen an Bord und sie weiß nicht, was sie nun sagen soll. Die Kollegin hilft aus und so bekommen wir Hühnchen mit Nudeln. Ich erwarte natürlich Stäbchen, finde jedoch einen Göffel mit dem man kaum Aufspießen kann. Etwa ein halbes Huhn wurde auf sämtliche Essen der Passagiere verteilt. Naja. Zum Glück hatten wir vorhin schon Mc Donalds.
Dann erreichen wir die graue, schlierige Wolkenschicht, die uns Boden- und Himmelssicht entzieht. Schließlich durchstoßen wir das Grau nach unten und das Häusermeer Chengdus taucht auf. Nach nicht einmal 2 Stunden Flugzeit erreichen wir eine völlig andere Welt. Die Sonne und der blaue Himmel weichen silbergrauem Himmel und Regen. Obwohl ich versucht habe, mich während des Fluges innerlich auf diese andere Welt einzustellen, verging die Zeit zu schnell. Vielleicht hätten wir genauso langsam mit dem Zug abreisen sollen, wie wir vor 10 Tagen angereist sind. So wie die grandiose Landschaft Tibets langsam vor uns aufgetaucht ist, uns gefangen genommen hat, hätte sie uns nun wieder frei gegeben und wäre langsam hinter uns zurück geblieben.
Wir landen mit einer Stunde Verspätung. Eine Einreise gibt es natürlich nicht und unsere Koffer sind die ersten, die über das Band rollen. Ein Hoch auf die vielen Videokameras. Wir können life sehen, wie die Koffer im Flughafen vom Personal abgefertigt werden. Hier wird nicht mit ihnen Fußball gespielt. Sie werden ordentlich behandelt und wir freuen uns doch sehr, dass sie bis jetzt unbeschadet mit uns gereist sind. Die zerquetschte Plastikwasserflasche, die sich durch den Druckunterschied flunderartig verformt hat, ist eine letzte Erinnerung an die Höhe Tibets und das Naturgesetz des Druckausgleichs.
Wir schnappen uns ein Didi und rollen langsam im Stau zu unserem Hotel in der Nähe der Altstadt. Ich habe das Gefühl in Singapur einzureisen. Es ist schwül und warm. Nach der kalten, trockenen Luft in Lhasa ist das Klima schweißtreibend. Die Stadt ist riesig, obwohl es nur eine Provinzstadt ist. Außerdem ist sie extrem grün. Überall wachsen Bäume und Blumen, Parks sind angelegt und es gibt keinen Brückenpfeiler, der nicht komplett grün bewachsen ist. Das gefällt mir doch schon mal sehr gut.
Unser Hotel vereint allen technischen Schnickschnack, der möglich ist. Ein gigantischer Bildschirm begrüßt uns mit Namen. Die Lichter gehen von alleine an und aus. Der Klodeckel meint, dass einer von uns muss und öffnet sich schon mal. Er kann auch waschen und trocknen, legen allerdings nicht. Manchmal ist er etwas voreilig und spült, obwohl es noch nicht erwünscht ist. Die Vorhänge öffnen und schließen sich je nach Lichteinfall, was recht nervig sein kann, wenn man plötzlich im dunklen Zimmer steht. Lustig ist hingegen ein Pandaroboter, der selbständig Essen aufs Zimmer bringt und dafür den Aufzug benützt. Technik, die begeistert.Baca lagi














PengembaraHattest du Bargeld für das Trinkgeld?
PengembaraJa. Extra nur deswegen. Aber 3-4 Mal waren wir froh über unser Bargeld, weil Alipay nicht möglich war. Mit WeChat konnten wir nicht zahlen und Alipay gab es manchmal nicht. Im Restaurant haben wir immer erst gefragt, ob Alipay geht. Wenn es nur WeChat gab, sind wir eben gegangen.
PengembaraDie Roboter fanden wir auch immer sehr witzig. Meistens haben sie auf chinesisch irgendwas vor sich hingebrabbelt. Sehr süß. ☺️
PengembaraJa, die waren süß. Schon cool, dass er alleine in den Aufzug reinfährt und genau weiß, wohin er muss.