• Fahrt nach Lhasa

    9 April, China ⋅ ☁️ 7 °C

    Nach der Besichtigung des Tashilhunpo Klosters fahren wir zurück nach Lhasa. Die weißen Riesen begleiten uns auf unserem Weg. Langsam schließen sich unsere Kreise. Wir blicken nochmals den Pass hinauf, den wir vor einigen Tagen zum Yomdruk See hochgefahren sind. Innerhalb von 2km kommen wir an zwei heftigen Unfällen vorbei. Bei dem hiesigen Fahrstil kein Wunder. Bei einem Jeep ist der Frontbereich komplett zerstört und die Windschutzscheibe zertrümmert. Beim zweiten Unfall hat es ein Auto rückwärts in den Graben geschleudert. Die Front ist zerstört und das Gegenfahrzeug hat keine Motorhaube mehr.
    Schließlich begleitet uns der Brahmaputra Fluss wieder. Lhasa kommt näher und wir freuen uns auf die warmen Temperaturen. Als wir in die Altstadt einbiegen und zum Hotel laufen, fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen. Es läuft sich so leicht und schnell. Ich kann problemlos atmen. Kein Japsen und Schnaufen. Ich freue mich auf ein Lhasa ohne Atemprobleme. Da ich bei unserer stark verzögerten Abfahrt zum Mount Everest gemeckert habe, will man sich von Seiten der Agentur mit uns treffen und sich nochmals entschuldigen. Zunächst geht es um einen Abendtermin. Doch wann? Wir wollen noch etwas unternehmen. Zum Glück kommt mir der Gedanke, das Treffen gleich bei Ankunft durchzuführen. Unser Guide ist begeistert, denn was ich noch nicht weiß, er hätte am späten Abend extra nochmals als Übersetzer dazukommen müssen. Wir klären alles. Ein nettes Gespräch. Die Dame ist sehr nett, kann aber keinerlei Englisch. Als Entschuldigung bekommen wir eine kleine Gebetsmühle und ein Keramikgefäß mit Safran geschenkt. Damit habe ich nicht gerechnet. Eine sehr aufmerksame Geste.

    Doch nun geht es für uns in die Stadt. Ich habe das Gefühl zu fliegen, während viele andere Reisende atemlos in ihre Sauerstoffflaschen atmen. Wie schön für mich. So schön kann Lhasa sein. Und es wird noch viel schöner. Langsam laufen wir nochmals die Khora um den Jokhang Tempel. Wir beobachten die Gläubigen, die sich auf den Boden werfen, oder die Gebetsmühle drehen. Wir blicken in tolle Gesichter und Menschen, in wunderschöner tibetischer Kleidung. Moritz möchte nochmals in seinen Lieblingstempel, an den ich mich wegen der Höhenkrankheit kaum erinnere. Kurz nachdem wir ihn betreten haben, beginnt der Mönch seinen Gebetsgesang begleitet von Trommel und Becken. Wir lauschen andächtig, was für eine intensive Stimmung. Und dann passiert es: wir werden eingeladen, uns dazu zu setzen. Wir bekommen Buttertee und Gebäck angeboten und sitzen nun direkt bei dem betenden Mönch. Der Rhythmus der Trommel durchdringt den Körper und ich werde völlig ruhig, fast entrückt. Lange sitzen wir und erleben diese unglaubliche Stimmung. Was für ein Moment. Danach bummeln wir durch weitere Gassen, in die sonst niemand geht und entdecken noch einen Tempel, mit seinen Geschäften, in denen Opfergaben verkauft werden. Wir sind im unrestaurierten Teil Lhasas und erahnen, wie die Atmosphäre vor den umfangreichen Renovierungsarbeiten gewesen sein muss. Im Innenhof steht ein großes Steinbecken, in dem gewaschen, Zähne geputzt und Essen vorbereitet wird. Daneben steht eine Art Waschmaschine. Wasseranschluss gibt es hier noch nicht.

    Nach unseren Erlebnissen in den Klöstern beobachten wir das Leben auf dem Bakhor mit ganz anderen Augen. Vor dem Jokhang Tempel, werfen sich die Menschen auf den Boden und es werden viele Mandalas geopfert. Hier kann ich einige Mandalas fotografieren. Wir beobachten lange Zeit einen Mann, der die Handschoner herstellt, die die Gläubigen benötigen, wenn sie sich zu Boden werfen. Plötzlich liegt ein 5¥ Schein auf dem Boden. Anstatt, dass ihn jemand nimmt, werden wir gefragt, ob es unserer ist. Das kann aber nicht sein. Wir haben kein Bargeld. Da ihn niemand will, geben wir ihn dem alten Mann, der die Schoner herstellt. Solch eine Ehrlichkeit. Eigentlich wollten wir gar nicht so lange bleiben, aber diese Straße ist solch ein außergewöhnlicher Ort. Schließlich reißen wir uns los und laufen nochmals zum Potala Palast. Dieser Palast ist eines der außergewöhnlichsten Gebäude der Welt und wir sehen ihn lange an. Wir besteigen einen Aussichtshügel und entdecken viele Gemälde und Reliefe im Stein. Diese Kunst gehört zu den ältesten Tibets und wird immer noch praktiziert. Ein Kloster versperrt uns den Weg. Aber auch von dort können wir den Palast wundervoll sehen. Wir beschließen nochmals die größte Khora um den Potala Palast zu laufen. Kalt ist es heute. Letzte Woche sind wir auf dem Boden gesessen und haben auf die Beleuchtung des Palastes in der Nacht gewartet. Keine zehn Pferde würden mich heute dazu bringen, auf den Boden zu sitzen. Das Wetter ist absolut wechselhaft. Rund um Lhasa schüttet es in den Bergen. Tolle Wolkenformationen entstehen und die Sonne leuchtet immer wieder durch. Auf den höheren Bergen fällt Schnee. Eine unglaubliche Stimmung. Aber kalt. Wir laufen also die Khora als einzige Langnasen und werden dementsprechend neugierig betrachtet. Lächeln hilft immer und so wird es für uns eine wunderschöne Runde. Die Gebetsmühlen quietschen, Gebete werden gemurmelt und Mandalas geopfert. Die Gläubigen sind von früh morgens bis spät in der Nacht unterwegs. Eigentlich sollte man ihn dreimal umrunden. Aber einmal reicht uns. Schließlich ist er ziemlich lang und so viele Kilometer müssen es dann heute doch nicht mehr werden. Ein letzter Blick auf das Wahrzeichen Tibets, den wunderschönen Potala Palast und wir gehen zurück in die Altstadt.
    Wie immer müssen wir mehrere Sicherheitskontrollen durchqueren bis wir wieder auf dem Bakhor sind. Ein wirklich allerletztes Mal beobachten wir die Menschen, bevor wir zu später Stunde unser letztes tibetisches Abendessen zu uns nehmen. Es gibt nochmals Yak Steak.
    Meine letzte Nacht in Tibet werde ich tief und fest schlafen. War da mal ein Problem mit der Höhe? Klug und richtig wäre es wohl gewesen, bei Ankunft nicht durch die Stadt zu laufen, sondern schlafen zu gehen. Aber wer weiß, ob das meine Rettung gewesen wäre.
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