• Fazit Tibet - Land der Extreme

    10 April, China ⋅ ⛅ 14 °C

    Tibet - ein Land der Extreme.
    Schon die Anreise mit der Tibet Bahn von Xining nach Lhasa über eine Bahnstrecke in höchsten Höhen ist extrem. Nicht nur eine extreme, architektonische Leistung, sondern auch extrem in ihrer landschaftlichen Schönheit. Langsam an weißen Bergketten vorbeizurattern. Aus dem warmen Zug in die Eiseskälte zu blicken. Die Berge wie in einem Film an sich vorbeiziehen zu sehen. Erhaben, wunderschön, majestätisch, mächtig, überlegen. Eine unglaubliche Ruhe macht sich in mir breit. Liegt es am fehlenden Sauerstoff und dem nahenden Erstickungstod oder der phänomenalen Landschaft, die uns umgibt? Eine schönere Landschaft, habe ich jedenfalls selten erleben dürfen.

    Tibet - extrem hohe Berge, in denen es normal ist, dass unter 5000m kein Schnee liegt, weil es zu niedrig ist. In denen es normal ist, dass auf knapp 4000m Kirsch- und Mandelbäume und Forsythien blühen, Obst und Gemüse wachsen und jetzt im Frühling die vielen Bäume hellgrün im Sonnenlicht leuchten. Ein extrem trockenes Land mit leuchtend blauen Flüssen, die in endlos breiten Tälern fließen, die von Sandbergen wie Dünen umgeben sind. Das Wasser von Regen und Flüssen spült die weiche, sandige Erde von den Bergen und gräbt tiefe Furchen ins Gestein. Sandteufel wirbeln durch die Luft und tragen noch mehr Erdreich ab. Das größte Projekt Chinas ist es, Bäume zu pflanzen. Millionen Bäume werden gesetzt und müssen auch bewässert werden. Somit sollen die Emissionswerte gesenkt und die Erosion gestoppt werden. Hier wachsen Pappeln, Zypressen, Kiefern und alles andere kenne ich nicht.

    Eine lebensfeindliche Landschaft der Extreme ist der Qomolangma. Für uns geht ein Traum in Erfüllung das Dach der Welt ohne Wolken erleben zu dürfen. Dafür müssen wir aber eisige Temperaturen und Winde aushalten. Die dünne Luft schnürt den Atem ab und quetscht die Lunge. Dennoch kann ich mich dem Anblick dieses Berges nicht entziehen und spüre weder Kälte noch Atemnot. Ein extremes Erlebnis in jeglicher Hinsicht.

    Extrem ist auch der Glaube der Tibeter. Die Menschen, egal ob alt oder jung, nehmen sich extrem viel Zeit für die Ausübung ihres Glaubens. Die Rituale erscheinen uns fremdartig und ziehen uns in ihren Bann. Die Umrundung des wichtigsten tibetischen Heiligtums, während man die Gebetsmühle dreht und Gebete murmelt, strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Eine extreme Art der Anbetung Buddhas ist, in dem man sich auf den Boden wirft, während man den Tempel umrundet. Dabei knallt jedes Mal Holz auf Stein und das Echo hallt an den wunderschönen, alten tibetischen Häusern wider. Sogar Kinder und Menschen mit nur einem Bein oder ohne Arme umrunden auf diese Weise den Tempel und huldigen Buddha. Viele Menschen werfen sich innerhalb des Tempels auf den Boden (ohne Fortbewegung). Mandalas werden als Opfer für Buddha dargebracht. Der Geruch von verbranntem Wacholder und Yakbutter hängt über den Tempeln. Eine oft magische Stimmung.

    Die Klöster sind an Schönheit kaum zu überbieten. Einerseits sind es die außergewöhnliche Architektur in den Farben schwarz, rot, weiß und gelb und andererseits die wunderschönen Kunstschätze, die uns staunen lassen. Das Innere der Tempel ist an Schönheit kaum zu überbieten. Man kann es nicht beschreiben. Man muss es erlebt und gesehen haben. Die Kulturschätze Tibets sind unglaublich.

    Insgesamt ist das Land noch sehr traditionell. Manch einer würde vielleicht auch sagen unterentwickelt. Extrem freundlich und hilfsbereit sind die Menschen. Zurückhaltend und dezent in ihrem Verhalten und in ihrem Auftreten. Das empfand ich als sehr angenehm. Dunkle, dezente Kleidung mit vielen traditionellen Elementen. Traditionelle Frisuren werden von allen getragen. Teilweise hat mich die Kleidung sehr an die der Indigenen in Südamerika erinnert. Extrem unangenehm aufgefallen ist hingegen, dass sich viele Touristen des Landes Kostüme ausleihen, um Tibeter zu spielen und sich in sehr unangemessener Weise und teilweise rücksichtslosem Verhalten fotografieren lassen.

    Was mir leider auch als extrem in Erinnerung bleiben wird, sind die Toiletten. Schlimmere Orte habe ich noch nie gesehen und es hat oft viel Überwindung gekostet, sie zu betreten. Ich verzichte zu eurem Wohl auf eine detaillierte Beschreibung. Stellt euch das schlimmste vor und es wird schlimmer sein.

    Tibet - ein Land mit extremer Natur, wundervoller Architektur und unermesslichen Kulturschätzen will erlebt werden. So extrem das Land ist, so extrem anstrengend ist auch eine Reise dorthin. Die dünne Luft, eisige Temperaturen und große Höhenunterschiede lassen definitiv kein Wellness Gefühl aufkommen. Fast alle Chinesen haben Sauerstoffflaschen dabei und marschieren unbeirrt durch Tibets Höhen. Doch das kommt für mich nicht in Frage. Wenn man hierher will, muss man auch ein wenig leiden und die Höhe fühlen. Sonst war man nicht wirklich hier. Und das sage ich, nachdem ich massiv höhenkrank war. Es gehört dazu. Es geht ja nicht nur ums Sehen, sondern auch ums Fühlen der Umgebung. Aber man kann es sich so natürlich einfach und bequem machen. In den Hotels gibt es Sauerstoff gegen Gebühr für den Notfall. Merken werde ich mir jedoch für die Zukunft: sollte ich nochmals so schnell in hohe Höhen aufsteigen, wird nach der Ankunft ins Bett gegangen und nichts mehr angesehen. Das war vermutlich mein Fehler, der mich letztlich umgehauen hat.
    Nimmt man aber diese Anstrengungen auf sich, bekommt man im Gegenzug einen Schatz an unglaublichen Erlebnissen und Erinnerungen mit nach Hause.

    Ein weiteres Extrem war unser luxuriöses Auto, das uns über 1400km durch Tibet gefahren hat. Ein 9-Sitzer mit Sitzheizung, Liegesitzen und sogar Massagefunktion. Besonders angenehm fand ich die Sauerstoffzufuhr, die in besonderen Höhen, beim Abwärtsfahren zugeschaltet worden ist. Ein tolles Auto kann jedoch nichts gegen den Fahrstil des Fahrers. Der war teilweise mehr als grenzwertig. Überholen an Kuppen, vor Kurven und bei sichtbarem Gegenverkehr. Irgendwie wurde glücklicherweise alles gemeistert. Es war nicht nur der Fahrstil unseres Fahrers sondern aller. Dennoch sind wir nur knapp an einem Unfall mit tödlichem Ausgang für den TukTuk Fahrer entgangen.

    Die Tibeter halten ihre Traditionen hoch. Somit ist zu hoffen, dass sie diese in der Zukunft erhalten können. Ich wünsche es ihnen von ganzem Herzen.
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