• Es ist ein Wort der Wahrheit angebracht

    August 9 in Uganda ⋅ ☁️ 27 °C

    In Afrika lebt man nach dem Motto “We share”, während wir Europäer eher nach dem Motto “We keep” leben. Wie stark die jeweilige Ausprägung ist, kann jeder für sich selbst entscheiden. Wenn jedoch das eine oder andere Lebensmotto zu 100% in Perfektion gelebt wird, ist das bestimmt nicht gesund.
    Wir sind jetzt erst wenige Tage in Afrika unterwegs und ich kann mich nicht erinnern, dass mir das “we share” auf anderen Reisen so krass aufgefallen ist. Prinzipiell halte ich es für richtig, dass möglichst viele Menschen von dem riesigen Kuchen des Toursimus profitieren sollten. Die Einnahmen des Tourismus sind enorm und viele sollen einen Nutzen davon haben. Ich komme mir mittlerweile aber wie eine Melkkuh vor. Ich habe das Gefühl, den ganzen Tag nur Trinkgelder zu verteilen, die ich eigentlich überhaupt nicht verteilen müsste, weil ich schon gezahlt habe. Wenn die Dollarzeichen in den Augen der Menschen aufblitzen und ich mein Trinkgeld verteile, schaue ich in missmutige, enttäuschte, manchmal fast wütende Gesichter. Nie kann ich es Recht machen. Immer ist es zu wenig. Dabei müsste ich doch überhaupt nichts bezahlen.
    Die Geschichten sind immer dieselben. Ich bin alleinerziehend und habe sechs Kinder. Na, das hätte man besser regeln können. Das Geld für die Schule ist hoch und ich muss es für vier Kinder bezahlen. Ich hatte einen Freund in Deutschland, der jeden Monat 100€ geschickt hat. Doch während Corona ist er verstorben. Ich schaue in eine bestimmte Richtung, ohne etwas wahrzunehmen und man will ein Trinkgeld.
    In welcher Währung soll ich rechnen? Nehme ich die Obst- und Gemüsewährung kann ich dafür 15kg Obst und Gemüse kaufen. Je Tag ein Kilo reicht das für 2 Wochen. Und das nur vom Trinkgeld und zwar nur von meinem. Nehme ich die Währung Schulgeld, zahle ich mit meinem Trinkgeld 10% eines Monats. Ich finde, das ist reichlich. Trotzdem ist es immer zu wenig. Doch was wäre denn genug? Ich bin ja nicht die einzige, die dauernd nur zahlt.

    Die Situation ist heute besonders und es geht nicht anders als einen Holzgorilla zu kaufen. Zum Glück habe ich mich gestern noch verweigert, sonst hätten wir jetzt schon zwei. Ich verbuche diese 10€ als Entwicklungshilfe. Denn dafür 10€ zu zahlen ist schlicht wucher. Offenbar wird das aber absolut nicht so gesehen. Und dann kommt das Trinkgeld. Ein Begleitguide, um die Abfahrt zum Dorf zu finden, einen Guide, der im Dorf übersetzt und zwei Guides aus dem Dorf, die uns führen. Und natürlich nicht zu vergessen - das gesamte Dorf. Und plötzlich bin ich 30€ Trinkgeld los und blicke in unzufriedene Gesichter. 40kg Obst und Gemüse. Und das nur von mir. Wer bekommt in Europa für eine Stunde zusätzlich noch 30€ Trinkgeld?

    Natürlich geistert dieses Thema nicht nur durch meinen Kopf. Alle, die hier unterwegs sind, sind ständig damit konfrontiert. Und somit ist es auch Thema der Unterhaltung. Es, sorry, kotzt hier alle dermaßen an. Wir werden als Melkkühe angesehen, die die Euros und Dollars nur so ausspucken. Dass es irgendwann einmal genug ist, auf diese Idee kommt man hier nicht. Und dass bei den ganzen jammervollen Lebensgeschichten mittlerweile überhaupt keine Empathie mehr aufkommt, verwundert wohl auch nicht. Natürlich sehen wir alle, dass die Menschen arm sind und es an vielem fehlt. Aber wir sind nicht dafür da, einen ganzen Kontinent zu versorgen.
    Ich bin erst wenige Tiere hier und komme mir ausgenommen vor. Doch die vielen Overlander mit denen ich spreche formulieren aufgrund der langen Reisezeit noch viel krasser. eindringlist wurde mir mitgegeben, dass ich etwas gebe, was mehr als genug ist und die unzufriedenen Gesichter zu ignorieren habe. Denn genug geben kann ich nie. Ich habe heute versucht, diesen Rat zu beherzigen, doch ich bin mir wieder geizig und knauserig vor. Jedes Mal habe ich ein schlechtes Gewissen.
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