• Kinder Ugandas

    August 20 in Uganda ⋅ ⛅ 29 °C

    Wir leben in Deutschland. Im Schulranzen befinden sich zwei Schulbücher. Er ist erschreckend schwer und da der Schulweg mit 300m ohnehin schon lang ist, nimmt man kurzerhand das Auto, fährt in die Schule und trägt den schweren Schulranzen ins Klassenzimmer. Vor der Schule entsteht Verkehrschaos. Die Parkplätze für die Lehrer sind längst belegt. Wozu brauchen sie auch einen Platz? Es wird in zweiter Reihe geparkt, Autos stehen in der Feuergasse und auf dem Gehweg, einige mit laufendem Motor, weil gerade der Ranzen 10m zum Schulhaus getragen werden muss, andere, weil man noch im Auto wartet. Es ist ein bisschen kühl, da bleibt man bei aufgedrehter Heizung lieber sitzen. Man könnte sich in den letzten beiden Minuten, bevor der Unterricht beginnt, erkälten. Es gibt aber auch Kinder, die ihren Schulranzen plus Sportbeutel alleine tragend, in die Schule kommen, den Gehweg nicht benützen können, weil dort Autos parken und nicht wissen, wie sie die Straße überqueren sollen, weil sie vor lauter Autos nicht sehen, ob ein Auto kommt. Und dann regnet es auch noch. Nun werden die Kinder mit einem 100m weiten Schulweg auch noch gefahren. Schließlich wiegt der Regenschirm schwer und man könnte nass werden. Das Verkehrschaos wird noch größer. Sind gar ein Gewitter oder noch schlimmer ein Sturm angekündigt, steht das Telefon morgens nicht mehr still. Es erreichen die Schule viele kreative Vorschläge, wie man mit dieser Gefahrenlage umzugehen hat. Wirklich wichtige Anrufe gehen unter. Das ist absolut nicht übertrieben. Das ist täglicher Wahnsinn.
    Nach der Schule müssen ein paar wenige Hausaufgaben erledigt werden. Zu viel darf es nicht sein. Die knapp 5 Stunden Schule waren schon anstrengend genug. Schließlich muss man dort ordentlich auf dem Stuhl sitzen und darf nicht die Füße auf den Stuhl oder den Tisch legen wie zu Hause. Danach beginnt der Freizeitstress. Flöte, Klavier, Fußball und Karate, Kunstschule und Tennis. Dazwischen trifft man sich auf eine halbe Stunde mit Freunden. Mehr Zeit bleibt leider nicht. Am Abend fällt ein, dass man noch nicht lesen geübt hat. Das ist zu viel verlangt. Der Tag war lange genug. So wichtig ist das auch nicht. Sollte es tatsächlich einen Tag geben, an dem es keine Termine gibt, sitzt man in seinem Spielzeugzimmer und weiß vor lauter Spielzeug nicht, was man damit spielen soll. Kreative Ideen braucht es nicht mehr. Alles vorgegeben.

    Wir reisen durch Uganda. Im Rucksack oder auf dem Kopf der Kinder befinden sich die Schulbücher. Viele Kinder tragen Kannen, mit ihrem Mittagessen. Wird Essen in der Schule angeboten, muss in gewissen Anständen von jedem Kind Feuerholz mitgebracht werden. Dabei handelt es sich nicht um kleine Ästchen, sondern um einen halben Baum. Getragen wird alles auf dem Kopf. Das Gepäck ist erschreckend schwer und da der Schulweg mit 15km oder mehr sehr lang ist, läuft man bereits um 6:00 Uhr bei Dunkelheit entlang der asphaltieren Landstraße los. Übersteigt der Schulweg die Laufzeit erheblich und sind die Eltern in der Lage zu zahlen, bleibt das Kind im Internat und kommt nur am Wochenende nach Hause. Wohnt man am Wasser, wird ins Kanu gestiegen und über den See gerudert, um die Schule zu erreichen. Die Wege sind weit und teilweise sehr gefährlich. Private Autos gibt es auf dem Land in Uganda kaum. Unterwegs sind einige wenige Public Busses, Safarifahrzeuge und LKWs in unterschiedlicher Größe. Und natürlich viele Motorräder, die gerne auch mal 5 Personen transportieren. Ihr wird die Masse in umgekehrter Weise optimiert. Viele Personen, wenig Fahrzeug. Die Kinder tragen ihre Schuluniform. Ist es kalt, wird über das Hemd zu Rock und kurzer Hose noch ein Pullover gezogen. Eine Heizung kennt man ohnehin nicht. So bilden sich ab morgens 6:00 Uhr kilometerlange Kinderzüge entlang der Straßen. Anhand der Uniform erkennt man, wer auf dieselbe Schule geht. Immer wieder gibt es entgegenkommende Kindergruppen, weil sie auf eine andere Schule in anderer Richtung unterwegs sind. Gehwege gibt es keine. Man läuft auf dem Seitenstreifen, weicht bei Verkehr auf angrenzendes Land aus. Viele haben noch das kleine Geschwisterchen an der Hand und geben es an einer anderen Schule/Kindergarten ab. Die kleinsten Kinder sind vielleicht 4 Jahre alt und legen diese Wege täglich zurück. Sehr oft allein. Wenn sie uns sehen, blicken wir in zunächst ernste Gesichter. Winken wir, huscht ein strahlendes Lächeln darüber, es wird zurück gewunken und mit einer echten Begeisterung und Inbrunst muzungu (Weißer) gerufen. Es entsteht wegen der 100en Kinder auf dem Schulweg kein Verkehrschaos. Sie wissen, wie sie im Dunkeln entlang der Straße ihren Weg zu finden haben. Es gehen nicht alle Kinder zu Schule, da sich viele Eltern die fehlende Arbeitskraft nicht leisten können. Ist die Schule aus bzw. ist Wochenende, wird mit angepackt. Kinder holen Wasser von der Wasserstelle und tragen den 20kg schwerem Kanister auf dem Kopf entlang der Straße weite Strecken nach Hause. Sie ziehen mit der Maxhete los, um Feuerholz zu besorgen. Große, schwere Äste, mit Kleinzeug fängt man hier nichts an und transportieren es kiloweise auf dem Kopf nach Hause. Oft sehen sie nicht einmal mehr unter dem Holz hervor. Wenn die Bananen geerntet werden, tragen auch Kinder ganze Stauden auf dem Kopf vom Feld nach Hause. Kinder transportieren ständig 20-40 kg auf ihren Köpfen. Das doppelte bis dreifache des eigenen Körpergewichts. Ich würde die Bananenstaude nicht einmal für einen kurzen Moment anheben können. Wie viel Kraft in Kindern steckt. Noch extremer empfinde ich es, wenn sie in den Steinbrüchen arbeiten und Steine kleinschlagen. Auch auf dem Feld haben sie nicht die Aufgabe Unkräutchen zu zupfen, sondern wie die Erwachsenen den schweren Boden zu hacken. Dabei haben sie immer ein Lächeln auf dem Gesicht, wenn wir winken. Die Kleinen sind sich selbst überlassen und spielen in der Nähe der arbeitenden Eltern mit Holzstückchen oder was sie so finden. Spielzeug kennt hier niemand. Wollen die Mädchen Puppen spielen, binden sie sich entweder das kleine Geschwisterchen um, das sie ohnehin oft tragen oder holen sich eine große, runde Frucht aus dem Wald, die sie in ihr Tragetuch legen. Als Spielzeugauto dient eine Plastikflasche, in die man einen Stock steckt und damit herumfährt. Ich habe nur zwei echte Spielzeuge gesehen: das Dorf besitzt einen Fußball. Und ich habe vor einiger Zeit hier ein Foto von einem Jungen eingestellt, der auf einem coolen Scooter unterwegs war. Nach getaner Arbeit werden bei schwachem Lichtschein nach die Hausaufgaben erledigt. Und dann geht es ins Bett, auf die am Boden liegenden Matten, auf denen die gesamte Familie in einem kleinen Raum schläft, bevor am nächsten Morgen wieder der stundenlange Schulweg ansteht.
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