• Im Zug Tag 3

    September 6, 2024 in Canada ⋅ ☁️ 12 °C

    DB-Geschädigten, die einen Zug vor allem nehmen, um, das Wort sinuiert es, zügig von einem Punkt zum anderen zu gelangen, sind Halte auf offener Strecke ein Graus. Bei dieser Reise sind sie akzeptiert. Auch hier weiß niemand, wann es weiter geht und einen guten Grund wird es wohl haben. Niemand schimpft. Und die sehr freundlichen, stets auch auskunftsfreudigen Zugbegleiter, vor allem Begleiterinnen, werden nicht mit Vorwürfen und Fragen nach dem Warum und "wann geht es endlich weiter" überhäuft. Sie könnten eh nicht helfen. Die Zeit bekommt eine andere Bedeutung, und das ist der eigentliche Luxus. Schwatzen, die Aussicht und das wirklich vorzügliche Essen genießen, ein Buch lesen oder hören oder auch zwei, den Zug schwankenden Schrittes durchtorkeln, damit die Gelenke nicht steif werden, die Waggons des entgegenkommenden Güterzuges zählen - 192. Dann geht es weiter. Der Turn im Speisewagen ist der Taktgeber, nicht die nächste Station, Abfahrt oder Ankunft.

    Schlafen im Zug ist nicht für jeden. Die Kajüte ist eng, das Bett hüfthoch aber bequem, wenn erst der beste Weg rein und raus zwischen Tür, Waschbecken und Gepäckablage erkannt ist. (Tipp: Tür zunächst offen lassen und nur den Vorhang zuziehen. Aufsteigen, Tür von der Bettkante aus schließen.) Gegen Geräusche helfen Ohrstöpsel. Nur das Klack Klack der auf vielen Strecken außerhalb der Ballungsgebiete nicht nahtlos verschweißten Schienen teilt sich dem Körper trotz dicker Matratze samt Auflage mit. Für mich war es eine willkommene Meditations- und damit Einschlafhilfe. Die Klimaanlage ist nicht abstellbar und individuell auch nicht zu regulieren, trockene Augen und Nase am Morgen zwangsläufig. In regelmäßigen Abständen wird der Umluft ein süßlich-penetranter Lufterfrischer beigegeben, der sich in Haar und Kleidern festsetzt. Eklig.

    Von Ontario nach Manitoba und dann weiter nach Saskatchewan hat sich die Landschaft verändert. Weg mit dem Wald. Lang lebe die Landwirtschaft. Keine baumbestandenen Hügel und Kuppen mehr, flaches Land bis zum Horizont. Die Prärie reicht vom nördlichen Polarkreis bis nach Süden in die USA. Der Morgennebel umfängt das langwellige Land. Die riesigen Schläge um die verstreuten Farmen sind unterbrochen von Knicks, um Wind und Erosion zu mindern, und gelegentlichen Ententümpeln, von Schilf umrandet. Gegen diese Felder wirken die ehemaligen LPG-Äcker wie Tagelöhner-Parzellen. Die meisten Orte entlang der Strecke laden aber eher nicht zum Kennenlernen ein. Ein Chevrolet-Händler, ein Ford-Händler, die Parkplätze jeweils voller Pickups, eine John-Deere-Niederlassung mit Mähdreschern und andrem grünem Großgerät, ein Motel, abseits der nur innerorts geteerten Hauptstraße kleine pastellfarbene Häuschen ... you are now leaving Young, Saskatchewan. Cardlock, 12 staubige Kilometer geradeaus weiter, protzt mit einer zweitürmigen Backsteinkirche.

    Das Handy-Zeitalter hat eine den Naturfreund verdrießlich stimmende Nebenwirkung: Entlang der Gleise zerfallen die früher lebensnotwendigen Telefonmasten, stürzen in Bäche, werden von aufstrebenden Bäumchen umfangen und überwuchert, brechen zerrottend in die Knie. Die Kupferkabel hängen lose, traurig und nutzlos zur Erde. Wertvoller Rohstoff eigentlich, aber nicht in einem Land mit einigen der größten Kupferreserven der Erde.

    Nach etwa 12 Stunden durch eher eintönige Felder nimmt der Bewuchs wieder zu. Die Landschaft wird kurzwelliger, hügeliger und sperrt sich mehr der Bearbeitung von Menschenhand. Bäche bahnen sich den Weg. Zwischen den niedrigen Birken und Espen grasen hier und da Rinder. Alberta bound. Meine vom langen Sitzen geschundenen Knie frohlocken. Laufen heißt in den nächsten Tagen das Panier.
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