Vancouver Tag 1
Sep 13–15, 2024 in Canada ⋅ ☁️ 14 °C
Kehrtwende, 180°. Aus der weitgehend unberührten Natur, die die Gedanken befreit und zum fliegen einlädt, in die menschengemachte, reglementierte Struktur der Großstadt, die zur Wachsamkeit zwingt und die die Gedanken an die kurze Leine nimmt. Moderne Hochhäuser aus Beton und Glas neben Backsteinbauten, die keine 100 Jahre alt, aber hier schon historisch sind. Wie schon in Toronto, und anders als etwa in Frankfurt, sind die Wolkenkratzer nicht fast nur Bürozweckbauten, sondern sie sind vielfach Wohnsilos mit Schwimmbad und grüner Insel auf dem Dach, Sonnenschirmen auf den Balkons, und ja, sogar einmal einer Mexiko-Flagge am Geländer im 31 Stockwerk . Die Architekten haben sich große Mühe gegeben, Struktur und Aussehen der Fassaden interessant zu gestalten, von nach inn oder aussen verlaufenden Erkern, Spiegelglas in vielen Formen und meist dunklen Farben bis hin zu Bögen, die für Unterbrechungen sorgen. Kampf der Eintönigkeit.
Kurz nach der Stoßzeit und damit dem Arbeitsbeginn in Büros und Kontoren bevölkern Touristen Downtown Vancouver. Busse spucken in Haltebuchten ein vielsprachiges Stimmengewirr aus, saugen es 25 Minuten später wieder ein und hasten zur nächsten Sehenswürdigkeit. An der Dampfuhr in Hafennähe, einst aufgestellt, Besucher in die Innenstadt zu locken, stehen Japaner, Deutsche, Luxemburger, Österreicher, Schweizer, Italiener, Südamerikaner und Australier jetzt zur vollen Stunde bunt durcheinander vor dem technischen Wunderwerk und warten auf das Spektakel. Dabei zeigt die Uhr eine gespaltene Persönlichkeit: Zur vollen Stunde, so weiß man, ertönt der Beginn des Westminsterschlages und die Pfeife kräht lauthals dampfend deren Zahl. Alle warten gespannt. Der große Zeiger rückt auf die 12 vor - nichts geschieht. Phlegmatisch schiebt sich der Zeiger weiter. Der Blick aufs Handgelenk zeigt, es ist ja noch gar nicht neun Uhr. Erst als der Zeiger unter der ständigen kleinen Dampfhaube auf die achte Minute nach der 12 weist, geschieht es endlich. Die Spannung löst sich. Es pfeift, neun Mal. Die Frage bleibt unbeantwortet, wie erkennt das handwerkliche Meisterstück den Unterschied zwischen der ihm eigenen sowie von ihm auch angezeigten und der realen Zeit. Der Chronometer geht laut Zifferblatt zwar acht Minuten vor, per Pfeife aber acht Minuten nach. Die contradictio in ipso.
Über den Besuch der Hängebrücke über den malerischen Capilano-Bach auf einer der Stadt vorgelagerten kleinen Insel sei nur angemerkt: Disneyland als lehrreiches Naturerlebnis verbrämt.
Wie schon in anderen Städten am Weg, ist auch in Vancouver bemerkenswert, dass ethnische Vielfalt ein großer Vorteil, ja ein Touristenmagnet sein kann. Das gilt natürlich für viele nordamerikanische Metropolen. Ob Chinatown, Little Italy, German Town oder French Quarters, Besucher UND "Einheimische" kommen gerne hierher, statt die Viertel als "einschlägig" zu verleumden und zu meiden. Im Gegenzug fühlen sich die Ethnien generell zuerst als Kanadier, ohne dabei ihre Herkunft zu verleugnen oder diese gar zu verachten. Es würde keinem etwa aus dem Iran Zugewanderten einfallen, bei einem Fußballspiel zwischen beiden Ländern kanadische Fehler lauthals zu bejubeln oder kanadische Spieler mit iranischen Wurzeln auszupfeifen. Warum fällt uns dieser Spagat in Europa so schwer?
Am Nachmittag regnet es. Raincouver sagen die Hiesigen.Read more














Traveler
Sehr schöne Uhr😍