• Ein Stück Berlin in der Türkei

    26 Ogos 2023, Turki ⋅ ☀️ 28 °C

    Ein letztes Mal frühstücken wir auf der Terrasse von Emre's Stone House Hotel, danach heißt es packen und Fahrräder beladen. Vor dem Etappenstart gilt es noch, einige Erledigungen im Ort zu tätigen. Im Supermarkt sowie beim Obst- und Gemüsehändler kaufen wir Proviant für den Tag, die Apotheke steuern wir für eine neue Tube Sonnencreme an. Außerdem besuchen wir einen kleinen, aber sehr gut ausgestatteten Camping- und Outdoorladen, wo wir an unserem ersten Kappadokien-Tag erfreulicherweise bereits unseren Vorrat an Gaskartuschen auffüllen konnten. Heiko kauft eine Ersatz-Trinkflasche, da seine inzwischen sehr in die Jahre gekommenen "Cyclassics"-Flaschen diverse Auflösungserscheinungen aufweisen. Der Radelspaß beginnt heute äußerst entspannt, wir dürfen die ersten 5 km begab rollen und dabei die letzten Blicke auf die einzigartige und faszinierende Landschaft Kappadokiens genießen. Im weiteren Verlauf wechseln sich Asphaltstraßen mit Sandwegen und Schotterpisten ab, es geht durch recht welliges Terrain. Eine Abfahrt führt uns bis zu einer Brücke über den längsten Fluss der Türkei, den Kızılırmak, im 7 km östlich von Avanos gelegenen Örtchen Sarıhıdır. Hier bietet sich uns ein herrlich idyllisches Bild, das Panorama ist kitschig schön, das Wasser glitzert in der Sonne, im Hintergrund dominieren majestätisch anmutende felsige Berge, Kinder baden im Fluss, ein Vater angelt mit seinen kleinen Söhnen. Prompt holt Heiko die Drohne aus dem Koffer und entlässt sie zu einem ersten Start nach der erfolgten Reparatur in die Luft. Der Flug verläuft ohne Probleme, Bilder dieses schönen Ortes sind eingefangen und so kann festgehalten werden: Die eintägige Reiseverzögerung mit dem Besuch in Kayseri hat sich gelohnt! Nach einer Abfahrt folgt zumeist ein Anstieg und so sollen wir auch jetzt 200 Höhenmeter aufwärts radeln. Und weil es so schön ist, wiederholen wir das nach der folgenden Abfahrt (und einer angemessenen Pause...) direkt noch einmal. Immerhin lässt es sich gut radeln, die Temperaturen sind angenehm, die Steigung mild und es weht ein leichter, frischer Wind. In dem etwas größeren Ort Kalaba wollen wir eine kurze Rast einlegen und uns ein kühles Getränk gönnen, finden uns aber plötzlich auf zwei Stühlen vor einem Chai-Evi (traditionelles Teehaus) wieder. Ein älterer Herr hat uns mit unseren Kaltgetränken an der Straße stehen sehen und prompt eingeladen. Wie so oft sind wir sofort "Dorfgespräch", die Kunde von den Deutschen mit den Fahrrädern scheint sich stets wie ein Lauffeuer zu verbreiten. Hügelig geht es weiter durch verschiedene kleine Dörfer und bald wird es Zeit, die Augen nach einem geeigneten Platz für die Nacht offen zu halten. Eine Weile fahren wir aufmerksam Ausschau haltend, aber erfolglos weiter. Um uns herum ist alles offen einsehbar, rechts und links überwiegend Felder und Acker, kaum ein Busch oder Baum. Im kleinen Dorf Üçkuyu Köyu (Dreibrunnen-Ort) fragt Heiko eine Frau, die gerade in ihrem Garten arbeitet, ob wir wohl auf dem Feld gegenüber ihres Hauses unser Zelt aufschlagen dürfen. Sie stimmt zu und wir postieren uns mit unseren Rädern an einem ebenen Fleckchen und freuen uns auf den Feierabend. Wir haben noch gar nicht richtig mit dem Zeltaufbau begonnen, da steuert ein Herr auf uns zu. Er habe unsere Flaggen gesehen und zu seiner Frau gesagt: "Da fahren deutsch-türkische Freunde." Seine Frau habe ihm daraufhin aufgetragen, zu uns zu kommen und zu erfragen ob wir irgendetwas brauchen. Er spricht fast akzentfrei deutsch, ein uns bekannter Dialekt ist aber durchaus identifizierbar. Wir erfahren dann auch schnell, dass der Herr aus Berlin kommt, inzwischen Rentner ist und aktuell für längere Zeit in seinem Heimatdorf verweilt, weil er sich in Kayseri eine Zahnprothese anfertigen lässt. Dies koste ihn hier 5000 Euro, während der Berliner Zahnarzt 25000 Euro veranschlagt habe. Auch Kiel ist dem freundlichen Herrn bekannt. Nachdem er viele Jahre als Busfahrer bei der BVG gearbeitet hat, ist er für Flixbus gefahren und hat u.a. auch die Städte Flensburg und Kiel bedient. Als geklärt ist, dass wir alles Notwendige haben und gut versorgt sind, macht der Mann sich auf den Rückweg zu seinem Haus. Heiko beschleicht so ein Gefühl und merkt an: "Mal sehen, was noch passiert. Das war doch noch nicht alles." Es dauert nur wenige Minuten, bis dieses Gefühl sich bestätigt. Der Herr kommt und bietet uns ein leeres Zimmer mit separatem Eingang zum Übernachten an. Wir stimmen zu, laden unseren Krempel wieder auf und folgen ihm zu seinem Haus. Dort angekommen lernen wir dann auch seine Frau kennen, die uns kurz darauf mit Tomaten, Gurken, Äpfeln und Pflaumen aus dem Garten versorgt. Wenig später wird uns noch ein Tablett mit Kaffee serviert. Işık heißt das Ehepaar mit Nachnamen, was übersetzt Licht heißt, leider haben wir uns die Vornamen nicht merken können. Wir erhalten einen Schlüssel für den Nebeneingang und dürfen dort ein möbliertes Zimmer für uns sowie einen daran anschließenden Raum für unsere Fahrräder nutzen. Ein etwas größeres und in dieser Umgebung fast pompös wirkendes Haus gehört dem Neffen unseres Gastgebers. Wie wir erfahren, ist dieser selbstständiger Tiefbauunternehmer in Berlin. Heiko startet einen Drohnenflug über den Ort und macht einige Luftaufnahmen vom Dorf und den Häusern, welche er dem Ehepaar Işık später per WhatsApp zur Verfügung stellt. Ansonsten verbringen wir noch einen sehr angenehmen Restabend: Auf der kleinen Steinterrasse neben dem Berliner Renault Laguna vor unserem Zimmereingang gibt es leckere, von Heiko zubereitete Gemüsepfanne bestehend aus der Ernte der Işıks. Mit einigen Metern Entfernung leistet uns ein sehr nett aussehender Hund Gesellschaft und auch ein Igel schaut kurz vorbei. Bei Tee und Keksen beschließen wir den Abend an diesem kleinen und überaus gastfreundlichen Fleckchen Berlin mitten in der Türkei. Was für ein netter Zufall...Baca lagi