Bafra
September 5, 2023 in Turkey ⋅ ☁️ 26 °C
Der erste morgendliche Blick aus dem Zelt offenbart: NICHTS, also fast nichts. Zu sehen sind dichte, tiefhängende Wolken, in die wir eingehüllt sind, der Rest der Landschaft lässt sich hinter dem Nebel nur erahnen. Man kann von einer trostlosen, aber auf eine gewisse Art auch mystischen und sehr besonderen Atmosphäre sprechen.
Wir frühstücken die restlichen Nahrungsmittel, die sich noch in unseren Taschen befinden, das letzte Trinkwasser wird in Tee und Kaffee verwandelt. Nun, da wir nichts mehr zu trinken und zu essen an Bord haben, bleibt nur die Hoffnung auf eine zeitnahe Einkaufsmöglichkeit oder zumindest einen Brunnen am Wegesrand. Es herrscht eine feuchte Wärme, als wir um halb zehn losradeln. Die Etappe beginnt mit einer Abfahrt, die Sicht ist inzwischen etwas klarer. Die Straße führt uns durch das Pontus-Gebirge entlang eines Canyons, welcher nach einigen Radel-Kilometern zu einem ersten Drohnenflug einlädt. Es ist eine faszinierende Landschaft, durch die wir fahren, und der komplette Gegensatz zu den Tagen in der trockenen, wüstenartigen uns extrem vegetationsarmen Gegend. Während wir weiterhin überwiegend bergab rollen, sind wir umgeben von dicht bewaldeten Bergen, überall wuchert es in sattem Grün und das feuchtwarme Klima hat fast tropischen Charakter. Wir durchqueren winzige Dörfer, nach einem Laden zum Einkaufen halten wir aber vergeblich die Augen offen. Bald haben wir mehr als 700 Höhenmeter verloren und radeln am Fluss Kızılırmak entlang. Inzwischen melden unsere Mägen Hunger an, das Frühstück ist schließlich schon eine Weile her. Als wir am Stausee der Derbent-Talsperre ankommen, stehen wir mal wieder vor der Frage, ob wir an unserer geplanten östlichen Route festhalten oder auf der westlichen Seite auf der wenig befahrenen Straße entlang des Sees fahren. Wir entscheiden uns auch heute für die sichere Variante und Asphalt unter den Reifen. Der See zu unserer Rechten, dazu die hohen Felsen und die Vegetation lassen Erinnerungen an Norwegen wach werden. Als unsere Tachos 34 geradelte Tageskilometer anzeigen, erreichen wir den Ort Kolay. Und dies ist gleichbedeutend mit dem Erreichen des ersehnten Lebensmittelgeschäftes. Der Laden ist klein und hat nur ein sehr überschaubares Sortiment im Angebot, aber für unsere Zwecke ist es ausreichend. Wir füllen unsere Wasservorräte auf und kaufen reichlich kleine, abgepackte Kuchen und Kekse. Die ersten Leckereien vernichten wir noch vor dem Laden, den Rest heben wir für unsere zeitnah angestrebte Pause auf. Nach weiteren fünf Kilometern ist es soweit, auf unseren Campingstühlen sitzend schlürfen wir Tee, futtern Kekse und lassen den Blick über den See schweifen. Sogar einige Sonnenstrahlen bahnen sich inzwischen hin und wieder den Weg durch die Wolken. Auf der Weiterfahrt kommt dann auch die Derbent-Talsperre ins Blickfeld. Sie wurde in den Jahren 1984–1990 von der staatlichen Wasserbehörde erbaut und dient der Energieerzeugung und Bewässerung. Der Stausee dient, was kaum zu übersehen ist, auch für die Fischzucht. Als unterste einer Reihe von Talsperren am Kızılırmak liegt sie 15 km südlich von der Stadt Bafra und etwa 35 km von der Flussmündung ins Schwarze Meer entfernt. Die letzten Kilometer bis Bafra sind auf ebener Strecke schnell zurückgelegt, plötzlich sind wir mitten in einer großen lauten Stadt. Eigentlich wollten wir diese nur durchqueren und heute noch den Strand am Schwarzen Meer erreichen. Wir disponieren aber nach einigen Überlegungen um und planen eine Hotelübernachtung in Bafra. So können wir in Ruhe notwendige Dinge regeln und morgen früh die letzten zwanzig Kilometer ans Meer radeln. Unser erstes Ziel in der Stadt ist ein Turkcell-Laden, um eine neue SIM-Karte zu erwerben. Ein Geschäft ist schnell gefunden, der Besuch in selbigem gestaltet sich sehr skurril. Wir werden von mehreren Mitarbeitenden in Empfang genommen, das Interesse an uns scheint ziemlich groß. Man serviert uns Tee und stets ist jemand an der Tür postiert und hat unsere Räder im Blick. Plötzlich hören wir Claudias Fahrradklingel und stellen fest, dass gleich drei oder vier Turkcell-Mitarbeitende interessiert an unseren Rädern stehen, die Klingel ausprobieren, probeweise ein Rad schieben...! Während eine Mitarbeiterin uns nach leichten Schwierigkeiten erfolgreich eine neue SIM-Karte verkauft, fragen die anderen uns nach unserer Reise, ob wir Kinder haben und so weiter. Etwas verwundert sind wir, dass Heiko für den Kauf der Karte sogar die Namen seiner Eltern angeben muss. Schräg! Das Geschäftliche ist irgendwann tatsächlich vollzogen, fertig sind wir damit aber noch nicht. Die Crew bittet um ein gemeinsames Foto, welches als Selfie vor dem Laden entsteht (...nachdem die Fotografin sich noch schnell die Haare gestylt hat...). Wieder mit dem World Wide Web verbunden machen wir uns als nächstes auf die Suche nach einem Hotelzimmer. Die Auswahl in der Stadt ist laut Google sehr beschränkt und die Bewertungen lesen sich gruselig. Das erste der zwei Hotels in der Nähe schauen wir uns von außen an und beschließen: Entweder wir checken in dem anderen Hotel ein oder wir fahren doch weiter. Das "Sevgi-Otel" zeigt dann aber besser als erwartet, also checken wir ein. Duschen, Steckdosen in Beschlag nehmen, Wäsche waschen..., das übliche Programm bei Übernachtungen in festen Behausungen. Wir erledigen noch schnell den Einkauf für den morgigen Tag, bevor wir in einem Restaurant um die Ecke ausgesprochen köstlich essen. Auf dem Rückweg zum Hotel kehren wir noch in einem Café ein und gönnen uns Tee sowie dezent zu viel Baklava...Read more










