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    23 settembre 2023, Turchia ⋅ ☀️ 23 °C

    Bitterkalt fühlt es sich an, als um 6 Uhr der Wecker klingelt. Wir schlafen bzw. dösen noch ein Stündchen weiter, bevor wir aus den warmen Schlafsäcken kriechen und in den Tag starten. Während Heiko das Zelt abbaut, macht Claudia sich mit dem unbeladenen Rad auf den Weg zurück zu dem Platz, den wir gestern aus "tierischen" Gründen verlassen haben. In der Hektik des Aufbruchs hatten wir vergessen, unsere Mülltüte mitzunehmen, die wir dort an den Ast eines Baumes gehängt hatten und nun nachträglich abgeholt werden soll. Unterwegs fallen Claudia Schilder auf, die vor Wildschweinen warnen. Hatten wir gestern Abend Besuch von Wildschweinen? Knurren Wildschweine? Unter dem Baum mit der Mülltüte sitzt am heutigen Morgen jedenfalls glücklicherweise nur ein ganz reizendes Eichhörnchen. Mit dem Müll zurück am Ausgangspunkt hat Heiko unser Lager bereits geräumt und so kann unsere Reise nun weitergehen. Die Sonne hat es noch nicht über den Berg geschafft, unsere Füße sind noch kalt und langärmelige Oberteile sind auch noch angesagt. Das erste sonnige Fleckchen und die damit einhergehende Wärme nach wenigen Kilometern nutzen wir, um bei Tee und Kaffee zu frühstücken. Mit vollen Bäuchen warten nun 17 Bergaufkilometer auf uns. Los geht es sehr moderat, bei ein bis vier Prozent Steigung radelt es sich bequem und dennoch gewinnen wir ganz nebenbei an Höhe. Auf fast autofreier Straße sind wir umgeben von toll aussehenden bewaldeten Bergen, immer mal wieder lugt der eine oder andere imposante Felsen hervor. Da die Zielhöhe bekannt ist, war eigentlich klar, dass die Steigung nicht dauerhaft so schön milde bleibt. Die zweite Hälfte bis zum Gipfel bedeutet richtig Arbeit und wir sind der Meinung, dass wir unsere Heißgetränke und die Tüte Chips auf dem 1280m-Gipfel redlich verdient haben. Die Strecke ist aber noch nicht fertig mit uns..., nach nur sehr kurzer Abfahrt sollen wir erneut steil bergauf. Die zu bewältigenden 300 Höhenmeter verlangen alles von uns ab, keuchend und schweißgebadet erreichen wir schließlich ein Plateau mit einem kleinen Gebetshaus und einem Brunnen auf einer Höhe von 1468m. Eigentlich wollen wir nur kurz unsere Wasserflaschen auffüllen, aber es kommt mal wieder anders. Eine große Familie, die wir hier oben antreffen, lädt uns zum Picknick ein. Wir werden in die Familienverhältnisse eingewiesen, können uns aber natürlich mal wieder nicht merken, wer Cousine, Bruder, Schwester, Mutter etc. von wem ist. Auf jedem Fall handelt es sich um eine sehr, sehr herzliche Familie mit der wir gemeinsam am Tisch sitzen. Es gibt Melone, Börek, Brot, Tomatensalat und über einem kleinen Feuer brutzeln Chicken Wings. Etwas abseits vom Tisch sitzt die hochbetagte Oma. Sie ist dement und kann nicht mehr sprechen, hat aber augenscheinlich Freude am Geschehen. Abwechselnd kümmern die Familienmitglieder sich um sie, stecken ihr etwas Hühnchen oder Börek in den Mund oder setzen sich einfach nur zu ihr. Angesichts guter Englischkenntnisse fällt die Konversation leicht und wir verbringen eine sehr nette (und leckere) Zeit mir der Familie. Wir erfahren u.a. auch, dass dieses Plateau bekannt dafür ist, dass viele Menschen hier heraufkommen, um den Frühling zu begrüßen. Als die Familie kurz vor unserem Aufbruch mitbekommt, dass wir mit einem Zelt unterwegs sind, rät sie uns dringend vom Campieren hier in den Bergen ab. Wildschweine und Bären soll es hier geben..., hmmm, knurren Bären? Nach wie vor wüssten wir zu gerne, wer oder was uns da am gestrigen Abend besucht und in die Flucht geschlagen hat. Wir sind uns einig, dass wir NICHT im Wald auf dem Berg nächtigen wollen und rollen stattdessen gegen viertel vor fünf weiter. Es geht bergab und die Landschaft wird offener, die Fahrt ist ein Genuss! Linker Hand erreichen wir nach einigen Kilometern einen Abzweig zu einem kleinen Dorf. In der Hoffnung auf einen schönen und vor allem sicheren Platz für die Nacht biegen wir ab in Richtung der Häuser. Plötzlich tauchen vier wunderschöne Pferde auf. Sie kommen an uns vorbei, galoppieren erst einen Hügel hinauf und entfernen sich dann über die Felder. Was für ein magischer Anblick! Ein kleines Stück weiter sehen wir zwei Frauen und einen Mann, die gerade vom Feld in unsere Richtung kommen. Wir kommen ins Gespräch und sehr schnell ist klar, dass wir uns um unsere Bleibe für die kommende Nacht keine Sorgen machen müssen. Nicht einmal das Zelt müssen wir auspacken. Der freundliche Herr holt einen Schlüssel und präsentiert uns ein kleines, leerstehendes Haus, in welchem wir übernachten dürfen. Bald darauf kommt er mit einem zweiten Mann zu uns, der nach 27 Arbeitsjahren in Landsberg am Lech gut deutsch spricht. Von ihm erfahren wir, dass in diesem Dorf namens Çömlekçiler lediglich zwei Familien leben und "unser" Haus zur ehemaligen Schule gehörte. Die beiden Männer bemühen sich sehr engagiert um Elektrizität und Wasser in unserer Herberge, obwohl wir mehrfach betonen, dass dies nicht nötig ist. Am Ende können sie verkünden, dass der Strom fließt, das Wasser jedoch nicht. Im letzten Winter ist wohl die Leitung zugefroren und hat Schaden genommen. Wir beteuern, dass wir genug Wasser haben, dennoch eilt Heiko kurz darauf einer Frau entgegen, die uns gerade drei 5-Liter-Kanister entgegenschleppt. Bei ihrem nächsten Besuch bringt sie uns einen Teller Börek, frisch zubereitet und noch warm. Ein jüngerer Mann, den wir zuvor bereits mit seiner Kuhherde gesehen haben, schaut auch noch vorbei und erkundigt sich, ob wir etwas brauchen. Wahnsinn! Immer wieder aufs Neue sind wir begeistert von der aufrichtigen Herzlichkeit der einheimischen Menschen. Im herrlichen Abendlicht lässt Heiko die Drohne über dem Dorf kreisen und wir futtern Börek sowie unsere bereits vorher gekochten Nudeln. Als es dunkel wird, verlagern wir die Campingstühle ins Haus, wo wir heute doch den Luxus des elektrischen Lichts nutzen können. Ein kleines Missgeschick soll nicht unerwähnt bleiben: Claudia zieht die Haustür von innen zu, um erst danach festzustellen, dass es keine Klinke, sondern nur einen unbeweglichen Türknauf gibt. Und der Schlüssel? Der steckt natürlich draußen...! Wir sind tatsächlich eingesperrt. Die Fenster lassen sich zwar von innen öffnen, rausklettern kann man aber trotzdem nicht. Die davor angebrachten Fensterläden sind leider verschraubt. Heiko ist bereits dabei, das Werkzeug aus den Packtaschen zu wühlen, da entdeckt Claudia, dass die Fensterläden vor dem Küchenfenster durch zwei einfache Riegel zu öffnen sind. An einem alten Vogelnest vorbei klettert Heiko ins Freie und kommt mit dem Schlüssel wieder ins Haus. In einem bis auf eine Couch leeren Raum breiten wir die Zeltunterlage aus und bauen darauf unser Lager aus Isomatten und Schlafsäcken. Eine Weile wird noch gelesen und im Internet gesurft, dann gehen im alten Schulhaus die Lichter aus.Leggi altro