Dar es Salam
Aug 26–30, 2024 in Tanzania ⋅ ☁️ 29 °C
Was für eine Stadt! Wir wissen sofort: gut, dass wir nur 4 Nächte gebucht haben, inzwischen schauen wir sehr entspannt 2 Tage vorher, wohin es weitergeht und wo wohnen. Jeder Tag in dieser Stadt gräbt an deiner Lebenserwartung. Aber langsam, langsam - pole, pole: der VIP Bus aus Arusha ist eine laute Rumpelkiste mit kreischendem Keilriemen beim Zwischengas zum Schalten, aber Luxusreisen gegenüber den Daladalas. Bei 8 angekündigten Fahrstunden ist das auch nötig und wir haben uns bewusst gegen einen Inlandflug entschieden. Wir sehen viel von Land und Leuten, nach 13 Std. tatsächlicher Fahrt sind wir in Dar es Salam. "Himmel des Friedens" nannte ursprünglich ein Sultan seinen Palast an diesem natürlichen Hafenbecken, etwas südlicher als Zanzibar. Niemand ahnte, dass sich Dar, oder cooler "Bongo", zur heimlichen Hauptstadt und zweitgrößten Hafenmetropole Ostafrikas entwickeln würde.
Bis zum Hotel im Zentrum sind es dann im Stockdunkeln noch 10km im Tuktuk, souverän benennen wir einen großzügigen Preis und vermeiden so Gehandele und zeigen dem Fahrer, wo er abbiegen soll.
Das Zimmer ist leider schäbig, daher nix wie raus: beeindruckender Fischmarkt, Kirchen (mit 4-5 Messen am Tag, immer mit Chor und Band) botanischer Garten, Regierungs- und Botschaftsviertel ohne Straßenverkauf, Nationalmuseum mit differenzierter Historie zum britischen und deutschen Kolonialismus sowie zur Wiege der Menschheit. Aber sonst kaum Kultur, nur Handel.
Die Stadt ist wahnsinnig quirlig: Gehwege sind komplett mit Waren zugepflastert, Fahrspuren werden von Motorradfahrern in alle Richtungen genutzt, Autos drängeln, Tuktuks quetschen sich in 3. Reihe auf einer Fahrbahn und dazwischen laufen wir. Ach ja und die 8 Mio. Einwohner*innen. Wobei die eine Hälfte Handel betreibt und die andere durch die Stadt läuft oder fährt. Die mehrgeschossige Markthalle Kariakoo ist nach einem Brand noch nicht wieder aufgebaut, daher bieten tausende Händler ihre Waren direkt auf Straße sitzend an. Manchmal entdecken wir eine Struktur, so wie in Hannover die kleine Packhofstraße alle nur "Schuhstraße" nennen: Da wechseln straßenweise Autoteile zum Tiermarkt oder Haushaltswaren zu Gemüse. Stell dir jetzt keinen Laden vor! Alles auf der Straße! Aber meist geht das Angebot bunt durcheinander, die Devise ist verkaufen! Irgendwie, irgendwo, irgendwas! Aber wer?
Uns scheint, dass es ein Überangebot und zu wenig Kaufkraft gibt. Das bedeutet: Aufmerksamkeit um jeden Preis: Hupen, Rufe, Winken, Pfeifen, Megaphone. Auch raffinierte visuelle Werbung: der Kanister mit Kaltgetränk wird auf dem Kopf balanciert oder auf der Schirmmütze das Warenangebot angenäht.
Das ist so ganz freie Marktwirtschaft.
Hier könnte Lindner sehen, wo der Haken daran ist.
Als weiße Menschen fallen wir immer auf, denn wir sind, wie sooft, die einzigen. Außerdem stehen wir in der Gegend rum, sind weder Käufer noch Händler, also fehl am Platz. Was passiert dann? Freundliche Blicke, neugieriger Austausch und natürlich auch Kaufavancen, die mit Wertschätzung für die Sache und Respekt zum Händler viel einfacher ablehnbar sind als den Kontakt barsch oder ängstlich zu verneinen. Wenn das geklärt ist, ergeben sich immer wieder gute Gespräche.
Die allermeisten Touristen bleiben üblicherweise im Hotel, werden von dort zu den gebuchten und geführten Unternehmungen kutschiert und fliegen nach Sansibar, zu Safari oder Kaffeefarm und wieder nach Hause.
Die Sinne sind nach 2 Std. Innenstadt überreizt: Schwüle, Tempo, Geräuschpegel, ungewollte Kommunikation ohne Pause. WIR! BRAUCHEN! KAFFEE! Das ist hier so nicht üblich. Es gibt 10x mehr Banken als Cafés, alternativ auf dem Bürgersteig rauchige Plörre aus Thermoskanne. Der Vorsatz "das Fremde wahrnehmen ohne zu urteilen" hört genau hier auf. Tee geht dafür immer: Junge Männer schleppen Kessel durch die Straßen unter denen eine Pfanne mit glühenden Kohlen geschnallt ist, das Teesortiment mit Bechern in der anderen Hand. Weitere praktische Dinge im Land von denen wir lernen können: eine Schnellbusspur an den Ausfallfallsttaßen, Möglichkeiten zum Händewaschen überall, wo es Essen zu kaufen gibt (also überall), Arschduschen an wirklich jeder Toilette, Plasiktütenverbot, tiefgekühlte Gläser für's Bier, Security für alles Mögliche. Personal scheint im Überschuss vorhanden zu sein. Ein kolonialistischer Gedanke blitzt aber auch auf: hey, wie wäre es mit Verkehrswende? Fußgängerzone, Abgas-TÜV, Frischwasserleitungen, Frauenfußball - äh und: Cafés?
Ein Strandtag auf Msasani Peninsula (also Halbinsel) nördlich der Stadt tut gut, baden, ganzen Fisch essen ohne Besteck. Hier gibt es Kunst, Pärchen beim Fotoshooting und Familienausflüge, wieder keine weißen Touris. Irgendwas machen wir richtig.
Der letzte Abend in Hyatt Rooftopbar international verleiht dieser Stadt einen für uns untypisch und europäischen Abschluss mit rotem Teppich, Schaumwein, Blick aus dem 8. Stock, Fledermäusen, Menue und Bar. Auch mal schön!Read more














TravelerHanoi ist ähnlich, nur mit Cafés, wird euch freuen! Ich reise mit euch in Gedanken mit, aber ohne schäbiges Zimmer, vielen Dank!