• Warten

    October 10, 2023 in Israel ⋅ ⛅ 25 °C

    Der letzte Bericht war geschrieben, der Urlaub oder die Dienstreise abgeschlossen. Inzwischen sind zwei weitere Tage vergangen. Für das Land Israel sicher viel schlimmere als für mich. Ich suche nach einem Zustand oder einer Vorstellung davon.
    Das restaurant, das Tage vorher noch Essen für Studenten anbot, ist geschlossen für die Öffentlichkeit. Die Inhaber und weitere junge Leute packen Care-Pakete für die Armee. israel ist im Krieg. Militärjets fliegen in der Nacht über Haifa. An einer Straßenecke ist noch ein Kiosk offen. Der Fernseher zeigt israelische Kämpfer im Ego-Shooter-Modus das überfallene Grenzgebiet durchkämmen. Schreckliche Szenen, die selbst wir kaum im Fernsehen zeigen. Die Hamas hat den grennzaun durchbrochen und stieß wahrscheinlich für sie selber überraschend auf ein psychedelisches Fest in der Wüste - und mordete, mordete - über 1000 mal. die israelische Regierung war zunächst wie erstarrt, ihr Geheimdienst hatte versagt, ihr Iron Dome-Schutzschild hatte versagt, aber schon nachts im deutschen Fernsehen zeigte der israelische Botschaft die Sichtweise, wie man das Geschehen betrachten sollte. Israel war überfallen worden, man sprach von menschlichen Tieren, und Israel würde grausam zurückschöagen und erwartete die Rückendeckung durch Europa und wegen der Geschichte gerade auch von Deutschland.
    Möglich wäre auch etwas Anderes. Innezuhalten, zu verstehen, endlich zu verhandeln.
    Aber das ist nicht der Weg. Alternativlos, wie e sso schön heißt, wählt man die Waffengewalt.
    Ich denke immer wieder an den Ausblick über das karge hügerlige Land, nur zehn Stunden und wenige Kilometer von den Geschehnissen entfernt, die wahrscheinlich lange die Weltpolitik prägen werden. Nach einem Tag am Toten Meer, nach einem Tag in Masada.

    Ich habe Zeit. Die hatte ich sonst auch, doch sie war klar bestimmt: Das und das will ich sehen, meinem Wissen hinzufügen. Eindrücke sammeln. Und dann weiterziehen, am Ende nach Hause fahren, wo alles für eine einwöchige Unterbrechung vorbereitet war. Nun dauert sie fast eine Woche länger.
    Die Ereignisse vom Samstag sind nicht aus dem Kopf. War es gefährlich, als ich beim zweiten Angriff nichtsahnend auf der Terrasse stand? Wie sorglos war Tel Aviv am Freitagabend, ich selber. Wie habe ich noch am Freitag nur ein paar Kilometer entfernt von den grausamen Ereignissen über die Wüste geschaut.

    In den Zeitungen, im Netz gibt es inzwischen andere Bilder, die die weitere Diskussion bestimmen. Wie immer stehe ich da etwas außerhalb, da ich sie kaum nutze.

    Haifa wieder. Kilometerlange Promenade zwischen sieben und acht Uhr. Eine riesige Bauruine, jetzt von der Sonne angestrahlt. Mit ihren Betonfundamenten steht sie in den unendlich heranwogenden Wellen. Viele Jogger, Spaziergänger, hier ein Wiesenstück mit Picknickbänken, in weiss und hellem Violett, der Boden weich vom nächtlichen Regen.

    Warten. Ich habe an die Menschen im Exil gedacht. Ihre Blicke über das Meer, ihr Versuch in fremder Sprache an Informationen zu kommen und ihr Versuch wegzukommen. Heute ist es das dauernde Eintippen von Daten in Internetportale, um dann doch wieder zu lesen, dass der Flug ausgebucht ist. Wo bin ich? Nicht daheim, bei meiner Arbeit, bei den Kinos, den Menschen dort. Alles, was dort ist, die Zahlen zum Beispiel, Filmtitel, wirken weit weg und völlig unwichtig. Sie gehören dorthin und nicht hierhin.
    Hier ist die hellviolette Verkaufsbude, bei der ich frisch gepressten Orangensaft, einen Espresso und ein Croissant für 10 Euro gekauft habe.

    Nicht weit weg die Grenze zum Libanon.
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