Tag 45: Schleifstein im Regen
Jan 25–28 in New Zealand ⋅ 🌧 13 °C
Es ist so weit: Der Stoff geht aus.
Über den Regen habe ich inzwischen mehr geschrieben als über meine eigene Kindheit, und trotzdem prasselt er weiter wie ein schlecht gelaunter Schlagzeuger . Wir sitzen im Camper fest wie eine mittelmässig motivierte Forschergruppe in der Antarktis, die nur noch auf den Moment wartet, bis einer „Pinguin“ sagt und alle kollektiv durchdrehen. Also dokumentiere ich halt das Innenleben dieses rollenden Familienbiotops — denn wenn schon gefangen, dann wenigstens mit Stil und einer Prise Selbstmitleid.
---
🎮 Gaming-Studie: Gesichtsentgleisung als Steuerungsinstrument
Maxime hat sich im Gaming so weit spezialisiert, dass ich überzeugt bin, er könne die Konsole bald mit der Zunge bedienen.
Etienne daneben: gleiche Pose, gleiche Gesichtsentgleisung, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass er gleichzeitig versucht, Ausreden für die Schule zu generieren. Multitasking auf olympischem Niveau — nur ohne Medaillen, dafür mit WLAN.
Schulisch läuft’s bei Mäxi gut.
Etienne könnte es auch — wenn Konzentration nicht ein Konzept wäre, das er eher aus Naturdokus kennt. Dafür ist er Ausredenkönig par excellence. Wenn es dafür Medaillen gäbe, hätten wir Übergepäck und müssten am Flughafen erklären, warum unser Sohn mehr Edelmetall hat als ein Kunstturner.
---
👧👧 Die Girls: Von fleissig bis Vulkanausbruch in 0,3 Sekunden
Wenn sie das Thema verstehen: fokussiert, effizient, fleissig.
Wenn nicht: Vulkan. Komplettausbruch.
Dann braucht es ein ganzes Rescue‑Team, um die Lage zu stabilisieren — inklusive diplomatischer Missionen, emotionaler Erstversorgung und mindestens einem Snack.
Ihre Anti‑Schulstrategien sind inzwischen so ausgefeilt, dass man sie patentieren könnte:
- Der falsche Bleistift
- Der falsche Gummi
- Das störende Atmen des Bruders
- Der Hunger, der exakt siebenmal täglich auftritt, immer dann, wenn Mathe droht
Ich beobachte das mit einer Mischung aus Faszination und Resignation — und dem Wissen, dass sie später einmal brillante Politikerinnen werden, weil sie schon jetzt jede Verantwortung mit chirurgischer Präzision weiterdelegieren.
---
🧩 Lisa im Sudoku-Flow – und ich mit meinem Roadrunner-Witz
Lisa war heute so gelangweilt, dass sie freiwillig Sudokus macht.
Ich habe vorgeschlagen, dass mein bester Buddy (AI) die Korrekturarbeiten übernimmt.
Ich kannte den Gesichtsausdruck.
Ich wusste genau, was passiert, wenn ich danach meinen Roadrunner‑Schenkelklopfer bringe — den Witz, den Lisa seit 2007 tausendmal gehört hat und immer noch nicht lustig findet.
Ich bringe ihn trotzdem.
Traditionen sind wichtig.
Und wenn ich schon im Camper feststecke, dann wenigstens mit einem Witz, der so alt ist, dass er eigentlich schon wieder Kultstatus haben müsste — wäre da nicht Lisa, die ihn jedes Mal mit der gleichen Begeisterung quittiert.
---
🚴♀️ Flashback nach Calpe: Lisas erste Rennradferien
Damals, vor den Kindern, hatte Lisa noch andere Hobbys.
Bei Lisa sind Hobbys aber nie einfach Hobbys.
Es ist immer Spitzensport oder nichts.
Freizeit ist für Amateure.
In Calpe hatte sie ein Mietrennrad, und ich — jung, naiv und ohne YouTube‑Tutorials — habe ihr die Sattelhöhe eingestellt.
Mit einer Selbstüberzeugung, die rückblickend nur als mutige Ahnungslosigkeit bezeichnet werden kann.
Beim ersten Trinkstopp ruft der Fahrer des Begleitfahrzeugs vor versammelter Mannschaft:
„Du sitzt wie ein Affe auf dem Schleifstein!“
Ich habe mir das Bild vorgestellt — und lache heute noch.
Nicht wegen Lisa, sondern wegen dem Bild das seit dem Zeitpunkt immer wieder aufblitzt.
Jetzt sitzen wir wieder im Camper, schauen aus dem Fenster und sehen Delfine, Haie und Pottwale vorbeiziehen — oder einfach Wellen, aber Meeressäuger klingen besser.Read more



