• Tag 60: Pancake- Rocks & Cantaps

    February 9 in New Zealand ⋅ 🌙 16 °C

    Heute war ich müde. Nicht das normale Müde, bei dem man einfach ein bisschen gähnt und weiterlebt.
    Nein, ein fortgeschrittenes Müde, das man sonst nur aus Dokumentationen über Zugvögel kennt. Aber es geht hier ja nicht um mich.

    Trotzdem eine kurze, völlig objektive und selbstverständlich wissenschaftlich fundierte Analyse:

    💤 1. Der Powernap, der keiner war

    Ich war überzeugt, ich hätte nur kurz gedöst.
    Lisa behauptet, ich hätte geschnarcht.
    Ich habe beschlossen, dass wir beide recht haben:
    Sie, weil sie es sagt.
    Ich, weil ich keine Energie für Gegenbeweise habe.

    📚 2. Literaturversuche unter Erschöpfung

    Ich habe dann ein neues Buch begonnen.
    Man muss wissen: Ich bin keiner, der gerne Bücher liest.
    Ich lese News, Artikel, Dinge, die in drei Absätzen sagen, was Sache ist.
    Kurz, knapp, effizient.

    Aus purer Langeweile habe ich ein Kiwi‑Buch über Alltagsgegenstände angefangen.
    Nach der Hälfte musste ich aufhören.
    Es war so langweilig, dass ich mich gefragt habe, ob es vielleicht ein Test war, um die Geduld der Leser zu messen.

    Danach habe ich einen Krimi begonnen.
    Der ist so breit erklärt, dass ich manchmal denke:
    „So, chum jetzt, ufe Punkt. Es isch doch egal, wie genau das Opfer usgseht…“
    Aber dann ist er wieder so fesselnd, dass ich nach der Hälfte nicht mehr aufhören werde.
    Konsequenz ist ja auch eine Form von Charakterstärke.

    Unsere Kinder kommen, was das Lesen angeht, eher nach mir.
    Wenn Lisa hingegen ein Buch beginnt, frisst sie es.
    Ausser die finnischen Harry‑Potter‑Bücher, die wir vor Jahren gekauft haben.
    Die liegen vermutlich noch heute irgendwo in einer Kiste.
    Ich wage zu behaupten: ungelesen und ohne Zukunft.

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    🦗 Zikaden, Kiwis & andere nächtliche Feinde der Ruhe

    Die Zikaden haben bis zur Dunkelheit durchgezogen.
    Es klingt wie Grillen – nur lauter, näher und mit einer gewissen Grundaggressivität.

    Kaum waren die Zikaden fertig, haben die Kiwis übernommen.
    Lisa hat mir ein YouTube‑Video vorgespielt, damit ich weiss, was ich da höre.
    Ich hätte es auch ohne Video geglaubt.
    Es gibt nicht viele Tiere, die nachts klingen wie unsere Kinder wenn sie etwas wollen.
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    🥇 Olympia um 4 Uhr morgens

    Ich habe kurz überlegt, um 3:50 rennen zu gehen.
    Dann habe ich mich dagegen entschieden – ich kenne mich.

    Als Lisa um 4 Uhr auch wach war, habe ich ihr die Aufgabe gegeben, die Olympia-Abfahrt zu prüfen.
    Sie ist heimlicher Lindsey‑Vonn‑Fan.
    Für mich bleibt sie Lindsey Mittelpunkt.

    Ich wünsche ihr alles Gute auf dem Genesungsweg, aber ein Hauch Schadenfreude gehört zum Sport.
    Vor allem, wenn Österreicher oder Fräulein Mittelpunkt beteiligt sind.

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    🗺️ Greymouth – das Déjà-vu der Mittelmässigkeit
    Ich bin heute etwas langsamer gefahren. Müdigkeit, Vernunft oder einfach die Strasse.

    Greymouth ist vermutlich die unspektakulärste Stadt Neuseelands.
    Der Zug hält dort ungefähr einmal am Tag, vermutlich aus Höflichkeit.

    Und trotzdem: Ich habe mich an alles erinnert.
    Jeden Laden, jede Ecke.
    Ohne Navi.
    Mein Gehirn vergisst Geburtstage, aber Greymouth speichert es wie ein UNESCO‑Kulturerbe.
    Beunruhigend.

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    🌊 Westküste – Steine, Wellen, Flip‑Flops
    Die Küste war eindrücklich.
    Wir haben Fotos gemacht, wie es die Pflicht verlangt.
    Dann haben wir Steine gesammelt.
    Ich wollte zuerst nicht – wir haben zuhause genug.
    Am Ende hatte ich die Taschen voll.
    So läuft das.

    Liina hat einen Flip‑Flop verloren.
    Die Jagd danach hätte eine eigene Reality‑Show verdient.
    Étienne war garde am Steine sammeln und hatte keine Zeit zum Filmen.

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    🗑️ Alternative Bildung: Müllpädagogik

    Währenddessen betreiben die Kinder ihre eigene Form von Weiterbildung.
    Sie wühlen im Müll und suchen nach den Verschlüssen von Aludosen.
    Ja, richtig gehört.
    Wie Obdachlose gehen sie bei jedem NZMCA‑Container schauen, ob es noch Deckel hat.
    Scheinbar kann man die für einen guten Zweck sammeln.
    Ich weiss noch nicht genau, was ich davon halten soll.

    Glas‑halbvoll‑Version:
    Wenn sie nach dem Trip in der Schule nichts gelernt haben,
    dann wissen sie zumindest schon, wie man im Müll wühlt.
    Auch eine Kompetenz.

    Die Cantaps werden gesammelt für Kinder, die auf Dialyse angewiesen sind – ein kleiner Beitrag von uns, der für sie eine grosse Wirkung hat.
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