• Tag 62: St. Arnaud Range Track

    February 11 in New Zealand ⋅ 🌙 16 °C

    Heute Morgen sind wir losgefahren, und ich musste ernsthaft fünf Minuten überlegen, wo wir geschlafen hatten. Nicht weil es so schlimm war. Sondern weil der Ort sich schlicht geweigert hat, irgendeine Form von Bedeutung zu entwickeln. Ein Platz, der im Gedächtnis nicht einmal als Fussnote durchgeht.

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    🧺 Waschhaus der Zeitgeschichte
    Im Waschhaus fühlte ich mich kurz wie in einem Museum.
    Die Waschmaschine lief mit Coins – charmant retro. Als ich dann sah, dass sie ungefähr meinen Jahrgang hatte, verliess ich das Gebäude reflexartig und liess Lisa allein waschen.
    Jahrgänger‑Treffen sind selten gut für die Stimmung und das Selbstvertrauen.

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    ☕ Kaffee, Pandas & Überwachung
    Im Dorf holte ich einen Kaffee. Der Besitzer wirkte überrascht, dass ein Kunde sein Geschäft betrat – vielleicht ein saisonales Ereignis. Drinnen war ich dann froh, nichts zu essen bestellt zu haben.
    Der Kaffee brauchte 15 Minuten, weil die Maschine „noch aufwärmen“ müsse. Vermutlich ein Gerät, das schon warm war, als Neuseeland noch eine Kolonie war.

    Während ich wartete, entdeckte ich eine Armee von Plüschpandas und etwa zehn Überwachungskameras. Wofür genau – unklar. Vielleicht zur Panda‑Sicherung. Vielleicht zur Kundenabschreckung.
    Ich trank den ersten Schluck jedenfalls mit Vorsicht. Man weiss ja nie, welche Pandas nachts nachtragend sind.

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    🚰 Wasserdrama in drei Akten
    Zurück am Campingplatz kam mir Maxime mit einer Wasserflasche entgegen: „Ob ich Durst habe.“
    Ich sagte nein.
    Ein Camper‑Nachbar sagte: „Trink das besser nicht.“
    Die Flasche war falsch abgefüllt. „Do not drink from this tap.“

    Unsere Rasselbande kann zwar kein Englisch, aber sie glauben, Zuschauen reiche für alles. Ich hielt eine kurze Standpauke, weil ich Angst hatte, jemand hätte davon getrunken.
    Wasser ist kein Experimentierfeld. Ich erklärte ihnen, dass man nur dort trinkt, wo ausdrücklich steht, dass man darf. Nicht dort, wo nichts steht.

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    🚐 Anfängerfehler deluxe
    Beim Dumpen sagte mir jemand, mein Dachfenster sei offen.
    Wir wirkten wie jene Camper, die zum ersten Mal einen Camper sehen.
    Ein Ensemble aus Unwissen, Improvisation und stillem Optimismus.

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    ⛰️ St. Arnaud – Wahrheit in Dosen
    Weiter ging es Richtung Picton, mit Pause in St. Arnaud. Schöner See, unendlich viele Hikes.
    Meine Garmin spuckte Höhenmeter und Kilometer aus, aber die ganze Wahrheit von Anfang an zu erzählen, hemmt die Stimmung der Wandergruppe. Also dosierte ich die Informationen wie ein Apotheker.

    Am Ende erreichten alle den Summit. Einige schubsten morsche Bäume um, andere zitierten Weisheiten wie „Go fast, go alone; go far, go together“.
    Ironischerweise gingen wir weder fast noch alone.

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    👥 Gruppenlogik in freier Wildbahn
    Heute hatte ich tatsächlich das Gefühl, mit einer Gruppe unterwegs zu sein – nicht nur mit Individuen, die zufällig denselben Weg gehen.
    Wenn einer meckert, leidet die ganze Gruppe.
    Wenn einer die Regeln ignoriert, tragen alle die Konsequenzen.
    Gesellschaft funktioniert nicht anders.
    Man kann sich nicht ausklinken, ohne dass es die anderen trifft.
    Ein stilles, aber hartnäckiges Gesetz.

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    🐍 Aal‑Trauma als Gruppenerlebnis
    Und seit Lake Brunner wissen die Kinder, wie Aale aussehen – jetzt traut sich niemand mehr ins Wasser oder schreit sofort los, als hätten sie einen Süsswasserhai gesehen.
    Lustigerweise hat Lisa beim Loop‑Schwimmtrack keine einzige Aal‑Sichtung gemeldet.
    Für sie war die Wandergruppe „Vogellisi“ schlicht zu langsam, also musste sie noch schwimmen gehen.
    Manche Menschen lösen Gruppendynamik eben nicht im Gespräch, sondern im Kraulstil.

    Ich bin gespannt auf den morgigen Feedback‑Loop.
    Bei unserer Truppe reicht das Spektrum erfahrungsgemäss von „Das war der beste Tag meines Lebens“ bis „Warum hast du uns in ein Aal‑verseuchtes Gebiet geführt“.
    Beides ist realistisch.
    Beides ist gruppentypisch.
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