Zubiri - Pamplona (~20+4km)
March 19, 2022 in Spain ⋅ ⛅ 12 °C
Manche Leute sind echt verrückt. Um halb 4 (!) packt heute der Erste seine Sachen ein und auch wenn er sich bemüht, leise zu sein, ist das Rascheln nicht zu überhören. Um 5 folgen die nächsten Beiden und als um 10 nach 6 ein Wecker klingelt, gebe ich auf und setze mich auch im Bett auf, was dazu führt, dass jemand das Licht einschaltet, da wohl eh alle wach sind. Früh aufbrechen ist ja in Ordnung, mein Wecker hätte ne halbe Stunde später geklingelt, aber ich nutze nur den Vibrationsalarm um nicht alle anderen zu stören. Ich packe in Ruhe ein und als ich um kurz nach 7 die Herberge verlasse, stehen außer meinen nur noch ein anderes paar Schuhe im Regal. Zumindest können mich dann heute nicht so viele Leute überholen und ich fühle mich weniger gehetzt.
Heute läuft es sich viel besser, da es einerseits flacher (wenn auch nicht komplett ohne Auf- und Abstiege) geht und andererseits das Wetter deutlich besser ist. Welchen Einfluss das doch direkt auf die Laune hat. Es ist zwar morgens noch sehr neblig, aber trotzdem nicht so trüb wie gestern. Gegen halb 9 erreiche ich einen kleinen Ort und sehe kurz davor im Wald mehrere Hinweisschilder auf eine kleine Bar, die Kaffee und einen kleinen Supermarkt anpreist. Während ich noch darüber nachdenke, ob es den Umweg wert ist, wenn ich nicht mal sicher sein kann, dass wirklich geöffnet ist, sehe ich Rob und die zwei deutschen Männer, mit denen er gestern schon unterwegs war, die mir von der Brücke zum Ort fröhlich entgegenwirken. Als ich zu ihnen komme, stellen sie mir Olivier vor, dem besagte Kaffee-Bar gehört und so fällt die Entscheidung nicht schwer. Der Camino gibt dir, was du brauchst und ich brauche heute nach der kurzen Nacht anscheinend erstmal einen Kaffee, weshalb ich Olivier zu seinem Laden begleite.
Der kleine Shop bietet tatsächlich alles, was ein Pilger brauchen könnte: vom Regenponcho (den ich nun schon habe) über frische Zahnbürsten und Sonnencreme bis hin zu einigen Lebensmitteln ist alles in dem kleinen Raum verfügbar. Ich weiß nicht, ob es viele Leute gibt, die bereits nach 3 Tagen eine neue Zahnbürste brauchen oder ob es genug gibt, die schon länger durch Frankreich gelaufen sind und sich über einen frischen Rasierer freuen, aber Olivier ist mit dem Laden voll in seinem Element, zeigt mir alles und gibt mir jede Menge Tipps für die nächsten Tage, während ich einen heißen Kaffee genieße. Er ist ursprünglich aus Frankreich, hat sein Leben aber komplett umgestellt, nachdem er den Camino vor ein paar Jahren gelaufen ist und ist vor anderthalb Jahren mit seiner Frau in den kleinen Ort gezogen, um Pilgern alles zu bieten, was sie brauchen könnten. Es gibt sogar vegetarische Mikrowellengerichte, was in Spanien tatsächlich eine Besonderheit ist.
Nach 20 Minuten, in denen ich alles wichtige erfahre, z.b. wo ich die nächsten Tage deutsches Bier finden kann, dass ein paar Kilometer weiter ein berühmter spanischer Radfahrer wohnt, der mehrmals die Tour de France gewonnen hat und das Olivier sich bemüht, wenigstens eine Sätze in allen Sprachen der Pilger zu lernen, kaufe ich noch eine Tafel Schokolade für den Weg und Olivier bringt mich zurück zur Brücke. Er gibt mir noch die Ermahnung mit, in Pamplona auf jeden Fall genug Proviant für morgen zu kaufen, da sonntags selbst die Bars in Spanien geschlossen wären, bevor er den nächsten sich nähernden Pilger in Empfang nimmt und mich mit einem Buen Camino verabschiedet.
Das Wetter ist heute perfekt zum Wandern und gegen Mittag sogar so warm, dass ich nur im T-Shirt laufe, nachdem ich bei einer kurzen Pause die Sonnencreme aus dem Rucksack gesucht habe. Da heute Samstag ist, nutzen wohl auch viele Spanier*innen das schöne Wetter und mir kommen einige zu Fuß oder mit dem Rad entgegen, wovon die meisten sogar freundlich grüßen.
Das letzte Stück führt heute durch einen Vorort von Pamplona und bereits hier sind mir zu viele Menschen unterwegs. Ich beschließe deshalb, lieber in der von deutschen Freiwilligen betreuten Herberge etwas außerhalb von Pamplona zu übernachten, die schön an einem Fluss gelegen ist. Hier muss ich tatsächlich das erste mal meinen Impfausweis vorzeigen. In der Herberge selbst ist sehr wenig los und ich teile mir den Schlafsaal, der eigentlich für bis zu 8 Personen ist, heute nur mit einem Herrn. Anscheinend sind alle anderen doch lieber direkt in der Stadt abgestiegen.
Die Blase an meiner Ferse sieht schlimmer aus und hat den Socken vollgenässt, tut aber zum Glück nicht weiter weh. Ich gönne mir aber für 3.5€ den Luxus, einen Teil meiner Sachen waschen zu lassen, da es keine Möglichkeit zur Handwäsche gibt und die Sachen ordentlich geschleudert über Nacht auch sicher schnell genug trocknen. Währenddessen mache ich noch einen kleinen Stadtrundgang und erledige meine Einkäufe.
Pamplona ist wie erwartet eine ziemlich normale Touristenstadt und ich mache mir einen Spaß daraus, bei den Fotos, die viele Möchtegern-Influencerinnen super gestylt in seltsamen Posen aufnehmen, auffällig im Hintergrund zu stehen. Mit meinem tollen Outfit (Blümchenleggins, T-Shirt und pinke Socken in Wandersandalen) können die eh nicht mithalten. Da ich keine der anderen Pilger treffe, esse ich ein Bocadillo aus der Hand, die Bars sind mir eh zu voll und Corona kann ich nun wirklich nicht brauchen. Der Stadtrundgang ist ohne Rucksack zwar relativ entspannt, dehnt sich aber doch auf weitere 4-5km aus, sodass ich anschließend den Abend einfach entspannt auf dem Bett verbringe und die Füße hochlege. Morgen gibt es um 7 Frühstück und vorher weckt mich hier sicher keiner.Read more














