• Vinicunca

    September 10, 2025 in Peru ⋅ ☀️ 0 °C

    Vinicunca ist eine meiner persönlichen Favoriten der Reise.

    Um 3:30 Uhr, nach nur 4,5 Stunden Schlaf mit vielen Unterbrechungen, klingelt der Wecker.

    Die Anfahrt zu den bunten Bergen dauert fast 4 Stunden. Beim Abholen im Hotel freut sich Christian – unser Guide für heute – über mein Spanisch.

    „Setz dich zu uns nach vorne, dann können wir unterwegs quatschen“, sagt er im Auto.

    Obwohl ich eigentlich hinten im Van schlafen bevorzugen würde, kann ich das Angebot nicht abschlagen.

    Auf diese Weise erfahre ich von Jaime – unserem Fahrer – und Christian eine Menge über das Land und die Leute.

    Hinter den Städten ändert sich die asphaltierte Straße. Rechts geht der rote Schotterweg über die Dörfer. Unterwegs begegnen wir deren Einwohnern, die traditionell gekleidet sind.

    Dieser Distrikt wird von Quechuas bewohnt. Quechua ist hier die Amtssprache und Spanisch die Zweitsprache. Seit etwa 10 Jahren findet in der Region von Cusco ein Umdenken statt. Früher galten die Quechuas als ärmliche, ethnische Untergruppe und wurden von den restlichen Peruanern eher diskriminiert, so Christian. Die Touristen spendeten dem Volk Kleider, wodurch die Einheimischen ihr authentisches Erscheinungsbild aufgaben. Schnell wurde klar, dass dies weder von den Touristen noch von den Menschen vor Ort gewünscht ist. Nach und nach entwickelt sich ein ethnisches Bewusstsein. Die Menschen sind stolz auf ihre Kultur, Bräuche und Sprache.

    Erstaunlicherweise sind die kleinen Dörfchen, die häufig nur aus wenigen Häusern bestehen, sauberer als die Städte. Obwohl es schwer fällt, sich vorzustellen, wie in so einem kleinen Häuschen eine ganze Familie leben kann.

    Die Menschen hier in den Bergen leben von der Landwirtschaft, vor allem vom Anbau von Kartoffeln und Mais. Das Wasser kommt aus dem nahe gelegenen Gletscher. Internet gibt es hier oben nicht. Für die Arbeit ist es Pflicht, Quechua zu beherrschen, so Christian.

    Am Rande der Schotterstraße grasen Alpakas und Lamas. Ich kann mich nicht sattsehen an den Wänden der Berge, die immer höher werden. Die Erde ist hier rot mit grünen Pflanzen bewachsen. Unten verläuft ein Fluss, an dem ich jetzt am liebsten eine Pause machen würde. Spektakuläre Kulissen! Die Aussicht ist atemberaubend, und der Weg wird immer abenteuerlicher. Eigentlich passt hier nur ein Auto. Hin und wieder gibt es eine kleine Fläche, damit der Gegenverkehr passieren kann. Es gibt aber keine Leitplanken. Es fällt mir auf, dass ich nicht angeschnallt bin. Eigentlich ist das fällig, egal. Wenn wir hier einen Unfall haben, kommt wohl keiner lebend heraus. Das Leben kann so einfach sein.

    Genauso einfach ist es hier in Peru, den Führerschein zu machen. Es gibt außerhalb der Stadt einen Platz, wo man die Prüfung ablegt. Ganz fern vom Verkehr, versteht sich. Daneben gibt es einen weiteren Platz, wo man bei Bedarf ein wenig das Autofahren üben kann, vor oder nach der Prüfung. Das könnte vielleicht den Verkehr und die Fahrweise in Peru erklären. Der Verkehr in Paris und Süditalien ist nichts im Vergleich zu Peru. Vielleicht könnte Vietnam noch dicht dran kommen.

    Wir kommen immer näher dem berühmten Berg Vinicunca, der als einziger von den Touristenattraktionen nicht von der Regierung verwaltet wird, sondern von den umliegenden Gemeinden. Jedes Tag besuchen zwischen 2.000 und 3.000 Touristen Vinicunca. Der Gewinn kommt somit direkt den Menschen vor Ort zugute. Die Bewohner der weiter liegenden Gemeinden finden ebenfalls Beschäftigung, sei es beim Verkauf von Souvenirs oder beim Verwaltens der sanitären Anlagen (eine Toilette oben am Berg kostet fast genauso viel wie eine Empanada in der Stadt). So verdienen hier alle Menschen ihren Lebensunterhalt.

    In Cusco gibt es neben dem Tourismus auch noch den Abbau von Kupfer. Allerdings ist die Kupfermine in der Hand der Chinesen. Des Weiteren bedarf es an entsprechender Bildung, um dort beschäftigt zu sein. Gleichzeitig mangelt es an Studienplätzen und an den entsprechenden Fakultäten in Cusco. So bietet die Mine nur wenige Arbeitsplätze für die Region.

    Die Vans, die ebenfalls zur Vinicunca fahren, werden immer kleiner unter oder über uns. Das spricht für die zunehmende Höhe, die zwischen uns liegt. Einfach nur krass! Um 9:30 kommen wir am Parkplatz an. Christian stellt das Zeitmanagement vor. Insgesamt stehen uns 3 Stunden zur Verfügung, um an die Spitze zu gelangen und wieder am Auto zu sein. Für nur 4 km hin und zurück scheint es zunächst viel Zeit zu sein, doch die 400 m Höhenunterschied auf fast 5.000 m machen die Sache schwierig. Wörtlich wird die Luft mit jedem Schritt dünner und das Herz schlägt schneller. Nach nur wenigen hundert Metern ist mir klar: Ich muss ein Pferd mieten, sonst komme ich mit der Zeit nicht zurecht. Der Ritt verschafft mir 30 Minuten mehr Zeit.

    Den letzten Anstieg – vielleicht nur noch 100 m – lege ich zu Fuß zurück. Dafür ist es am steilsten. Ich brauche dafür ca. 30 Minuten, bin aber glücklich, oben auf 5.000 m über dem Meeresspiegel angekommen zu sein. Die Aussicht ist grandios! Mit Abstand das Spektakulärste, was ich je gesehen habe. Keine Kamera und kein Bild können die Schönheit der Landschaft eins zu eins wiedergeben, wie sie das Auge erfasst.

    Es gibt 3 Zugangswege, um diese Kulissen zu genießen. Einer davon dauert ein paar Tage. Wenn das sich nicht verführerisch anhört... 😄 Vorerst muss ich aber wieder zurückFür die 2 km nach unten brauche ich eine Stunde. Die Reaktion meines Körpers auf die Höhe fand ich schon interessant. Wäre dann unter "Höhenkrankheit" zu lesen.

    Unten angekommen müssen wir die Rückreise starten. Am Nachmittag ist Cusco völlig verstopft. Wir kommen erst gegen 17:30 Uhr an. Die lange Rückfahrt bietet Zeit zum Dösen, aber auch zum Quatschen.

    Jaime erzählt mir, wie man das Reisen kostengünstig gestalten kann. Für uns zu spät, aber seine Tipps sind trotzdem wertvoll. Christian berichtet viele Details aus dem alltäglichen Leben, die wir wegweisend für unsere Sicherheit nutzen können.

    Meine Neugier kennt keine Grenzen. Christian ist noch nicht verheiratet. Er hat eine Freundin. Früher haben die Eltern die Ehe arrangiert. Heute ist das anders, meint er. Das Umdenken findet in allen Facetten des Lebens statt. Die jungen Menschen verhüten, und die LGBT-Community findet langsam Raum in der Gesellschaft, zumindest in der Theorie. Praktisch unverheiratet zusammenzuleben, ist hier jedoch nicht einfach. Ich frage mich, woher sie hier die Pille bekommen, wenn es einen Arzt, eine Apotheke oder ein Krankenhaus nur in den Städten gibt...

    Wenn es um die Ausrichtung von Festen geht oder um Hilfestellungen, hält die Bevölkerung zusammen. So sind die Sitten hier. Wobei die Region Cusco nicht so reich ist wie die in Puno an der bolivianischen Grenze. Dort haben die Menschen viel mehr Geld, nicht zuletzt aus dem Narco-Handel.

    Schließlich frage ich Christian, warum die meisten Häuser hier nicht fertig gebaut werden. Die Erklärung: Das größte Problem ist schlechte Planung. Die Eltern bauen die erste Etage, um drinnen zu wohnen, und nehmen an, dass die Kinder irgendwann weitermachen. Die Kinder ziehen aber weg, wenn sie erwachsen sind. Manchmal fehlt das Geld, um weiterzubauen. Nur wenige der Häuser sind halbwegs fertig. Und selbst dann sehen sie aus, als ob vor kurzem eine Bombe eingeschlagen hätte
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