• Der Sonne entgegen aber erst noch eine Geschichte

    May 30 in Norway ⋅ ☁️ 12 °C

    Eine Geschichte über die Mine von Folldal 🤩🤗

    In der Nacht, als der Wind durch die Täler von Folldal strich, konnte man manchmal ein seltsames Geräusch hören. Die Alten nannten es das „Singen des Berges“. Die Kinder glaubten, tief unter den Felsen würden noch immer die Stimmen der Bergleute leben.

    Eines Winters, als der Schnee höher lag als die Fensterbänke, saß die zwölfjährige Liv am Rand des Flusses Folla. Ihr Großvater hatte ihr oft Geschichten erzählt: Dass hier schon vor fast 300 Jahren Kupfer entdeckt wurde, als ein Bauer namens Ole Husum merkwürdige Steine fand. Aus dieser Entdeckung entstand eine der bedeutendsten Bergbauregionen Norwegens.  

    Liv glaubte solche Geschichten eigentlich nicht. Doch an diesem Abend bemerkte sie etwas Seltsames. Zwischen den Schneeflocken schimmerte ein grünes Licht am alten Förderturm der Mine.

    Neugierig folgte sie dem Licht.

    Der Turm stand still wie ein schlafender Riese. Die Mine selbst war längst geschlossen; nach 245 Jahren Bergbau hatte man die letzten wirtschaftlich nutzbaren Erze gefördert.   Doch als Liv näherkam, hörte sie ein leises Klopfen.

    Klong.

    Klong.

    Wie ein Pickel gegen Stein.

    „Hallo?“, rief sie.

    Das Licht wurde heller. Vor ihr erschien die Gestalt eines Bergmanns, nicht ganz Mensch, nicht ganz Nebel. Sein Gesicht war von Kupferstaub gefärbt.

    „Du bist spät unterwegs“, sagte er freundlich.

    „Wer bist du?“

    „Einer von vielen. Wir haben hier gearbeitet, als die Welt noch langsamer war.“

    Mit einer Bewegung seiner Hand öffnete sich die Bergwand. Dahinter erschien eine unterirdische Stadt aus Licht. Liv sah Seilbahnen, Werkstätten, kleine Häuser und Menschen, die lachten. Der Bergmann erklärte, dass Folldal einst mehr als nur eine Mine gewesen sei. Es war eine ganze Gemeinschaft mit Arbeiterwohnungen, Bäckerei, Badehaus und sogar einer Villa für den Direktor. In Spitzenzeiten arbeiteten hier bis zu 550 Menschen.  

    „Aber warum zeigt ihr mir das?“

    Der Bergmann lächelte.

    „Weil Orte sterben, wenn niemand ihre Geschichten erinnert.“

    Sie gingen weiter durch die leuchtenden Gänge. An den Wänden glitzerten Kupfer, Zink und Schwefelkies. Der Bergmann erzählte von Streiks, harten Wintern und dem Mut der Menschen, die tief unter der Erde arbeiteten. Er erzählte auch von der riesigen Seilbahn, die das Erz kilometerweit durch die Berge transportierte – damals eine technische Sensation.  

    Als sie schließlich wieder ans Tageslicht kamen, färbte die Morgendämmerung die Gipfel rosa. In der Ferne ragten die Berge von Rondane und Dovre in den Himmel. Fast die Hälfte der Gemeinde besteht heute aus geschützten Naturgebieten und Nationalparks.  

    Der Bergmann begann zu verblassen.

    „Wirst du wiederkommen?“, fragte Liv.

    „Immer wenn jemand zuhört.“

    Dann war er verschwunden.

    Viele Jahre später wurde Liv Historikerin. Besucher fragten sie oft, warum sie sich so für die alten Minen interessierte.

    Sie lächelte dann nur und blickte hinauf zu den Bergen.

    „Weil manche Orte Gold besitzen“, sagte sie.

    „Und andere besitzen Geschichten.“

    Und tief unter Folldal, dort wo das Gestein seit Jahrhunderten schweigt, klang vielleicht noch immer ein fernes, freundliches:

    Klong.

    Klong.
    Read more