• 20. Tag auf See 13.08.2026

    August 13, Pazifischer Ozean ⋅ 🌬 27 °C

    05°02,7´S
    119°47,38,0´W

    Versegelt: 2808 sm
    Zum Ziel: 1176 sm

    Nun hat uns auch der letzte unserer gefiederten Mitsegler verlassen. Der Tölpel, der uns über viele Tage hinweg begleitet und die **Hägar** immer wieder als willkommenen Rastplatz genutzt hatte, ist endgültig in den Weiten des Pazifiks verschwunden. Irgendwann hob er ab, zog noch eine Weile über dem Meer seine Kreise – und war schließlich nur noch ein kleiner Punkt am Horizont.

    Seitdem sind wir wieder allein. Kein Vogel mehr am Bugkorb, kein Flügelschlag über dem Deck. Nur die Hägar, der Wind, das Meer – und über uns ein Himmel, der in diesen Nächten eine ganz besondere Vorstellung bietet.

    Eigentlich hatten wir gehofft, von unserer Position aus zumindest etwas von der Sonnenfinsternis mitzubekommen. Doch daraus wurde leider nichts. Dafür machte uns der Neumond ein anderes Geschenk: **eine nahezu vollkommen dunkle, sternenklare Nacht mitten auf dem Pazifik.**

    Und wenn man Tausende Seemeilen vom nächsten Kontinent entfernt ist, fernab von Städten, Straßenlaternen und jeder anderen künstlichen Lichtquelle, bekommt der Begriff „Sternenhimmel“ plötzlich eine ganz andere Bedeutung.

    Also wird es heute einmal ein wenig astronomisch.

    Wir segeln nicht nur nach Westen – wir segeln der Zeit hinterher

    Seit unserer Abfahrt in Panama haben wir inzwischen rund 40 Längengrade nach Westen zurückgelegt. Eine Zahl, die zunächst recht abstrakt klingt, deren Auswirkungen wir aber jeden Tag unmittelbar erleben.

    Die Erde dreht sich in 24 Stunden einmal um ihre Achse, also um 360 Grad. Damit entsprechen 15 Längengrade ziemlich genau einer Stunde**.

    Mit unseren 40 Grad Westkurs haben wir die Sonne also bereits um rund 2 Stunden und 40 Minuten nach hinten verschoben. Sonnenauf- und Sonnenuntergang finden – bezogen auf die Zeit von Panama – inzwischen fast drei Stunden später statt.

    Und noch sind wir nicht am Ziel.

    Die Marquesas liegen ungefähr bei 140° westlicher Länge. Vor uns liegt also noch einmal etwas mehr als eine „Sonnenstunde“. Wenn wir auch die hinter uns gebracht haben, dann sollten irgendwann die gewaltigen Vulkanberge der Marquesas aus dem Horizont wachsen.

    Doch bis dahin bestimmt weiterhin der Pazifik unseren Tagesrhythmus.

    Kurz nach Sonnenuntergang beginnt über uns die große Vorstellung.

    Noch bevor der Himmel vollkommen dunkel geworden ist, erscheint im Westen die Venus. Sie steht derzeit im Bereich des Sternbildes Jungfrau und ist mit ungefähr **−4 mag** so hell, dass sie kaum zu übersehen ist. In den kommenden Tagen wird sich noch der junge Mond dazu gesellen.

    Hier draußen, wo am Horizont kein einziges künstliches Licht stört, ist ihr Schein beeindruckend. Bei ruhiger See zeichnet sich ihr Licht sogar als schimmernde Spur auf der Wasseroberfläche ab – fast wie eine kleine, silberne Straße, die von unserem Schiff bis zum westlichen Horizont führt.

    Nach einiger Zeit versinkt auch die Venus im Meer.

    Und dann gehört der Himmel endgültig den Sternen.

    Im Osten steigt dann die Milchstraße empor. Zunächst nur als heller, diffuser Schleier zu erkennen, wird sie mit zunehmender Dunkelheit immer deutlicher. Milliarden Sterne verschmelzen zu einem leuchtenden Band, das sich über den Himmel spannt.

    Um Mitternacht zieht sie sich vom östlichen Horizont hoch durch den Zenit, direkt über unseren Köpfen, und weiter bis in den Westen.

    Manchmal steht man während der Nachtwache einfach nur im Cockpit und schaut nach oben.

    Kein Streulicht. Keine Stadt am Horizont. Kein beleuchteter Hafen. Nur die Positionslichter der Hägar, das schwache Leuchten der Instrumente – und darüber dieser gewaltige Sternenhimmel.

    Erst gegen Morgen verändert sich das Bild wieder und die Milchstraße neigt sich weiter dem Horizont entgegen.

    Einige unserer vertrauten Sternbilder begleiten uns auch hier.
    Vor Sonnenaufgang erscheinen am Osthimmel die Plejaden, der Stier mit seinem roten Auge, dem Aldebaran, und schließlich der Orion. Sternbilder, die wir seit unserer Kindheit kennen und die plötzlich auf der anderen Seite der Erde über einem völlig anderen Ozean stehen.

    Im Norden zieht der Schwanseine Bahn, gefegt von der Leier mit der Vega. Auch dies sind alte Bekannter aus unseren heimischen Nächten.

    Doch je weiter wir nach Süden und Westen gekommen sind, desto mehr verändert sich der Sternenhimmel.

    Plötzlich tauchen Sternbilder auf, mit denen wir bisher kaum etwas anfangen konnten. Pfau, Oktant und andere Sternbilder des Südhimmels gehören hier ganz selbstverständlich zum nächtlichen Firmament. Noch müssen wir uns daran gewöhnen, sie zwischen all den Sternen zu erkennen.

    Besonders beeindruckend bleibt natürlich das Kreuz des Südens.

    In der ersten Nachthälfte steht es noch gut sichtbar am Himmel. Für Generationen von Seefahrern war es weit mehr als nur ein schönes Sternbild: Es war ein Wegweiser. Seine Längsachse weist – entsprechend verlängert – in Richtung des südlichen Himmelspols und half den Navigatoren früherer Zeiten, auf der Südhalbkugel ihre Orientierung zu finden.

    Und nun steht es Nacht für Nacht auch über unserer Hägar.

    Als wäre dieser Himmel nicht schon eindrucksvoll genug, wird die Dunkelheit derzeit immer wieder von Sternschnuppen durchschnitten.

    Manchmal nur ein kurzer Lichtstrich am Rand des Blickfeldes. Manchmal eine helle Spur, die scheinbar quer über den halben Himmel zieht und für einen Augenblick nachleuchtet.

    Und manchmal folgen gleich mehrere kurz hintereinander.

    So sitzen wir während der Nachtwachen im Cockpit, während die Hägar mit gleichmäßigem Tempo durch den dunklen Pazifik rauscht. Das Kielwasser leuchtet schwach hinter uns, über dem Mast spannt sich die Milchstraße, im Westen versinkt die Venus im Meer und irgendwo dazwischen ziehen Sternschnuppen ihre leuchtenden Bahnen.

    Der Tölpel hat uns verlassen. Die Seeschwalben sind verschwunden. Um uns herum liegen Tausende Quadratkilometer offener Ozean.

    Aber allein sind wir deshalb noch lange nicht
    Über uns begleiten uns Nacht für Nacht Milliarden Sterne.
    Und irgendwo vor unserem Bug, noch verborgen hinter dem Horizont, warten die Marquesas.

    Vielleicht werden es am Ende wieder die Vögel sein, die uns als Erste verraten, dass das Land näher kommt.

    Bis dahin schauen wir nachts eben nach oben.
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