24. Tag auf See 17.08. 2026
August 17, Pazifischer Ozean ⋅ 🌬 27 °C
Versegelt: 3399sm
Zum Ziel: 643sm
7°2'17.411135"S
129°27'21.749222"W
Über das Wochenende hat der Pazifik endlich ein wenig von seiner ruppigen Seite abgelegt. Die See hat sich deutlich beruhigt, und auch der Wind hat inzwischen auf Ost gedreht. Damit hat sich unser Bordleben wieder etwas entspannt. Statt kräftigem Schaukeln und Rollen laufen wir nun vergleichsweise gemütlich vor dem Wind unserem Ziel entgegen.
Seglerisch haben wir es uns dabei so einfach wie möglich gemacht: Das Groß bleibt geborgen, und wir fahren nur noch mit dem ausgebaumten Yankee. Der Wind kommt mit etwa 4 Beaufort aus Ost, die Bedingungen sind angenehm – allerdings hat die Sache einen kleinen Haken: Wir sind jetzt auch ein bis zwei Knoten langsamer unterwegs.
Was für den Komfort an Bord willkommen ist, gefällt unserer Reiseplanung weniger. Die verbleibenden Seemeilen ziehen sich dadurch etwas länger hin, und aus der ursprünglich erhofften Ankunft werden wohl noch zwei bis drei zusätzliche Tage auf See. Unser neues ETA für die Marquesas liegt damit voraussichtlich am kommenden Wochenende.
Eigentlich kein großes Problem. Nach inzwischen mehr als drei Wochen auf See kommt es auf ein paar Tage schließlich auch nicht mehr an.
Eigentlich.
Denn langsam entwickelt sich an Bord eine ganz andere Form der Versorgungskrise.
Nicht etwa Wasser, Reis oder Mehl werden knapp. Nein – es trifft uns viel härter:
Die schönen Dinge des Lebens gehen zur Neige!
Unsere Bestandsaufnahme fällt inzwischen erschreckend übersichtlich aus: Ganze vier Dosen Cola befinden sich noch an Bord. Die Schokolade ist bereits restlos verschwunden. Die Säfte sind ausgetrunken, und auch bei der Wurst ist die Auswahl mittlerweile auf das reduziert, was vermutlich jede längere Ozeanüberquerung überlebt: Schinken aus der Dose.
Immerhin befinden sich noch vier Dosen Bier in den Tiefen unserer Vorräte. Doch die stehen unter strengstem Verschluss. Hier gibt es keine Diskussion und keine vorzeitige Freigabe: Die werden erst geöffnet, wenn der Anker vor den Marquesas gefallen ist!
Und dann wäre da noch die wirklich dramatische Nachricht dieser Tage:
Der Rum ist alle!
Ausgerechnet jetzt.
Damit ist auch unser liebgewonnenes Ritual des Sundowners vorerst Geschichte. Kein kleiner Rum mehr im Cockpit, während die Sonne glutrot im Pazifik versinkt. Stattdessen gibt es Wasser – und einen sehnsüchtigen Blick nach Westen.
Man könnte sagen: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Schließlich warten irgendwo hinter dem Horizont die Marquesas. Und dort wird eine unserer ersten wichtigen Aufgaben nach dem Landfall wohl darin bestehen, die strategischen Rumreserven der Hägar wieder aufzufüllen.
Bei allen Luxusproblemen ist unsere eigentliche Versorgungslage allerdings ausgesprochen komfortabel. Trinkwasser, Nudeln, Reis, Mehl, Hefe, Kekse und andere Grundnahrungsmittel haben wir noch für viele Wochen an Bord. Verhungern oder verdursten werden wir also ganz sicher nicht. Es fehlt lediglich zunehmend an Dingen, die das Leben auf See ein kleines bisschen schöner machen.
Nach inzwischen mehr als drei Wochen auf dem Pazifik ist es aber auch einmal Zeit für eine kleine Bilanz – und die finden wir durchaus bemerkenswert.
Wir haben mittlerweile weit über 3.000 Seemeilen zurückgelegt. Das entspricht ungefähr 6.000 Kilometern – und dafür haben wir gerade einmal rund fünf Liter Diesel verbraucht.
Fünf Liter für eine Strecke, die auf dem Land ungefähr der Entfernung von Deutschland bis weit hinter den Ural entsprechen würde.
Und selbst diese fünf Liter haben wir nicht gebraucht, um Strecke zu machen. Der Diesel wurde im Wesentlichen für kurze Manöver unter Maschine, sowie für Tests des Wassermachers benötigt. Den Rest erledigen seit Wochen ausschließlich Wind und Segel.
Mehr als 3.000 Seemeilen nur mit der Kraft des Windes – wenn man sich das einmal bewusst macht, ist es immer wieder faszinierend, wie effizient ein Segelschiff sein kann.
Auch beim Müll zeigt sich inzwischen, wie sehr sich eine gute Vorbereitung auszahlt. Erst vor drei Tagen haben wir unsere zweite Mülltüte seit Beginn der Überfahrt angefangen.
Das funktioniert natürlich nur, weil wir bereits vor der Abfahrt versucht haben, möglichst verpackungsarm einzukaufen. Kartons, unnötige Umverpackungen und vieles andere haben wir schon an Land gelassen. Was gar nicht erst an Bord kommt, muss später auch nicht über Tausende Seemeilen transportiert werden.
Und dann gibt es natürlich noch unser berühmtes „blaues Regal“.
Dort landen die biologischen Abfälle, die zurück ins Meer dürfen. Sie werden Teil dessen, was Meeresbiologen als „marinen Schnee“ bezeichnen: organisches Material, das langsam durch die Wassersäule in die Tiefe sinkt und dort Bestandteil eines gewaltigen natürlichen Stoffkreislaufs wird.
Und tief ist es hier wirklich.
Unter unserem Kiel liegen momentan stellenweise über 4.000 Meter Wasser.
Vier Kilometer!
Während wir oben mit unserem kleinen Segelschiff über den Pazifik ziehen, beginnt unter uns eine Welt, von der wir bis heute erstaunlich wenig wissen. Mit jedem Meter wird es dunkler, kälter und der Druck größer. Irgendwann verschwindet das letzte Sonnenlicht vollständig – und weit unten liegt der Tiefseeboden in ewiger Dunkelheit.
Dort leben Lebewesen, die perfekt an diese extreme Umgebung angepasst sind. Fast alle davon haben noch nie ein Mensch gesehen. Ganze Lebensgemeinschaften existieren Kilometer unter unserem Kiel, während wir ahnungslos über sie hinweg segeln.
Und wer dort unten tatsächlich alles lebt?
So genau weiß das bis heute niemand.
Vielleicht ist gerade das eines der faszinierendsten Gefühle auf einer solchen Pazifiküberquerung: Wir sind seit Wochen weit entfernt von jedem Land und jeder Zivilisation. Über uns spannt sich nachts der Sternenhimmel, um uns herum reicht der Horizont scheinbar endlos in alle Richtungen – und unter uns liegen vier Kilometer nahezu unbekannter Ozean.
Wir bewegen uns nur mit der Kraft des Windes durch diese gewaltige Welt.
Wir sind nicht die Retter ohne Ruhm, wir sind die Segler ohne Rum.
Also setzen wir weiter Kurs nach Westen, hüten unsere letzten vier Dosen Cola, lassen die vier Biere unangetastet und hoffen, dass irgendwann am Horizont endlich die ersten steilen Berge der Marquesas auftauchen.
Und wenn dann der Anker fällt, wird eine dieser vier Dosen Bier vermutlich das beste Bier der gesamten Reise sein.Read more


TravelerHaltet durch 👍😊 auch ohne Rum und ohne Fassbier😉