• Tag 66, 0 Km/11185 Km

    3. november 2024, Guinea-Bissau ⋅ ☁️ 33 °C

    Am Morgen nehme ich ein Taxi ins Zentrum von Bissau. Es gibt ausschließlich Sammeltaxis, die dafür spottbillig sind. Für die 30 Minuten zahle ich 1.50€, teile das Taxi auf der Strecke immer wieder mit anderen Personen die zu- oder aussteigen. Das Taxi ist vermutlich das kaputteste Fahrzeug, in dem ich jemals gefahren bin. So gut wie alle Warnleuchten im Display sind an, Frontscheibe komplett gerissen, bei jedem Anfahren schwere mechanische Schläge aus dem Getriebe. Der Taxifahrer spricht französisch und wir plaudern so gut wir können (zugegeben nicht einfach, bei dem kreischenden Geräusch welches seine Radlager beim Fahren machen), als uns die Polizei auf einem Motorrad anhält. Alle Seitenstraßen werden abgeriegelt, wir stehen mitten auf der Kreuzung, als drei gepanzerte Fahrzeuge mit vermummten Soldaten und schwerem Maschinengewehr auf der Ladefläche an uns vorbeifahren. "Der Präsident kommt" sagt der Taxifahrer. Und tatsächlich, zwei schwarze SUV mit getönten Scheiben folgen, anschließend weitere Soldaten auf Pickups. Ich steige im Stadtzentrum aus, laufe ein bisschen durch die Straßen und suche mir im Anschluss ein weiteres Sammeltaxi. Von einem Einheimischen habe ich den Tipp bekommen, den Zentralmarkt in einem der Vororte zu besuchen. Das Risiko den Markt zu besichtigen ist nicht unerheblich aber tagsüber für mich akzeptabel, der Taxifahrer erklärt mir, je tiefer ich in den Markt hineingehe desto unsicherer. Touristisch ist dieser Ort in jedem Fall vollkommen unerschlossen.
    Ich laufe gut 15 Minuten über den Markt, schieße ein Foto, als ich von der Seite am Handgelenk festgehalten werde. "Zivilpolizei, Fotos machen ist hier verboten!" Der Polizist zeigt mir seinen Ausweis, hält ein Walkie-Talkie in der Hand. Er ist ziemlich aggressiv, spricht französisch und erklärt mir, dass ich ein schweres Vergehen getätigt habe. Er möchte meinen Pass sehen und ich muss mit aufs Revier. 100€ wird es kosten sagt er, ins Gefängnis müsste ich auch, das entscheidet aber der Polizeichef. Noch bin ich eingeschüchtert, das wird sich aber in ein paar Minuten ändern. Er geht mit meinem Ausweis in der Hand zu einem Zivilfahrzeug, ich soll einsteigen. "Auf keinen Fall wird das geschehen" sage ich. Er brüllt weiter: "Wir fahren zusammen auf das Revier! Oder du zahlst jetzt hier direkt die 100€!" So langsam bin ich angepisst und ich spüre, dass an der Situation etwas nicht stimmt. 100€ für ein Foto und ins Gefängnis? Der Typ keine Uniform? So richtig gesehen habe ich seinen Polizeiausweis auch nicht..."Ich möchte noch einmal den Dienstausweis sehen" sage ich. Er zeigt mir noch einmal sein Dokument und auch wenn ich kein portugiesisch spreche und das Foto auf dem Ausweis in Uniform ist, erkenne ich hier einen Führerschein. "Du bist kein Polizist" sage ich ihm, was ihn mangels Respekt noch wütender macht. "Und was ist das hier?" Sagt er und hält das Walkie-Talkie hoch. "Eins, zwei, drei, vier" spricht er hinein, niemand antwortet. "Ich zahle gar nichts. Wir können gerne zu Fuß aufs Revier und da alles besprechen. Ich kann auch die deutsche Botschaft anrufen und wir klären mein Vergehen da." "Na gut, 30€!" Sagt er. Auch wenn ich spätestens jetzt weiß, dass ich die Nacht nicht in einer Sammelzelle im Zentralgefängnis von Bissau verbringen muss, ist mir klar, dass ich meinen Pass nicht ohne eine Zahlung zurückbekomme. Nach 15 weiteren Minuten sind wir bei 7€, die ich dann aufgrund fehlender weiterer Motivation auch zahle. Vom Weißen in seinem Viertel möchte der selbsternannte Geheimpolizist noch ein Selfie. Mit dem Satz: "Selfie kostet 100€" bringe ich ihn tatsächlich am Ende noch kurz zum Lachen, ich darf auch noch eins von ihm schießen. Die Zahlung von 7€ lehrt mich außerdem, nicht nur in Polizeikontrollen im Auto auf der Straße, sondern ab sofort auch zu Fuß ausschließlich meinen kopierten und einlaminierten Ausweis zu zeigen.
    Am Abend plane ich die weitere Route der nächsten Tage. Ziel ist das Hochland von Guinea, das Fouta Djallon. Der Weg dorthin beträgt rund 800 Kilometer und wird aufgrund der Straßenqualität rund 3 Tage, ggf. 4 Tage dauern. Ich werde Bissau am frühen Morgen verlassen und versuchen, bis an die Grenze zu Guinea im Osten zu reisen. Guinea-Bissau verlasse ich mit gemischten Gefühlen. Sprache und Flair erinnern mich eher an Südamerika als an Afrika, Tourismus ist hier eigentlich nicht vorhanden. Die Kriminalitätsrate ist im Zentrum nicht zu verachten, zudem gibt es ein gewaltiges Problem mit Drogenschmuggel, wovon ich jedoch glücklicherweise nichts mitbekommen habe. Guinea-Bissau ist subjektiv das ärmste Land, was ich in meinem Leben jemals bereist habe, das Bruttoinlandsprodukt beträgt 0.1% von Deutschland. Das Highlight des Landes, die Bijagos-Inseln, musste ich leider auslassen. Es gibt bis heute keine zuverlässige Fährverbindung auf die vorgelagerten Inseln.
    Ab dem heutigen Tag reise ich wieder alleine.
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