• Tag 80, 313 Km/12545 Km

    November 17, 2024 in Sierra Leone ⋅ ☁️ 29 °C

    Die Nacht ist leider sehr unruhig, Guinea hat gegen Kongo Fußball gespielt und in der Nachspielzeit das 1:0 geschossen und gewonnen, entsprechend ist die Stimmung auf den Straßen bis tief in die Nacht. Ich starte am frühen Morgen trotzdem wie geplant, wenn auch müde und verlasse Conakry. Es ist Sonntag, ich hoffe auf leere Straßen, die Realität ist jedoch eine Andere. Die Fahrt raus aus der Stadt dauert noch etwas länger als die Fahrt hinein, mehrere Stunden stehe ich immer wieder im Stau. Auf dem Weg zur Grenze nach Sierra Leone gibt es mehrere Stellen, wo Einheimische mit Palmenblättern demonstrativ die Straße fegen und für diese Farce Geld möchten. Die Streckenabschnitte sind durch Palmenblätter, die von ihren selbstgebastelten Besen abgebrochen sind derart dreckig, dass ich mich dazu entscheide ohne Zahlung durchzufahren. Kommt nicht gut an, außer wildes Gebrülle passiert jedoch nichts.
    Ich komme am Vormittag an der Grenze an. Der Pass ist innerhalb von Minuten gestempelt, nur noch zum Zoll denke ich. An der Zollabfertigung sitzt ein in Tarnuniform gekleideter Beamte barfuß. Es sind schließlich 35 Grad, da braucht man Tarnuniform, Pistole, Schlagstock aber sicherlich keine Schuhe. "LKW-Fahrer oder Tourist" fragt er. "Tourist" antworte ich. Ich werde allen anderen wartenden LKW-Fahrern vorgezogen und direkt zum Oberzöllner geführt. Die LKW-Fahrer liegen auf dem Boden, warten bereits Stunden auf ihre Abfertigung. Der Oberzöllner, rote Mütze, kräftig gebaut, als einziger in blauer Uniform, sitzt vor seinem Büro und lässt sich von einem ungefähr 12 Jahre alten Mädchen gerade eine Orange schälen. Er bekommt meine Papiere und ist unglaublich freundlich, nimmt mich mit in sein Büro und plaudert über meine Reise und darüber, dass er schon in Europa war. "Möchtest du einen Kaffee?" Fragt er plötzlich. "Äh, ja wieso nicht." antworte ich. Er holt eine Hightech-Akkukaffeemaschine aus seinem Schrank und nach meiner Wahl ob Espresso oder Café-Creme bereitet er mir einen wunderbaren Espresso zu. Die Tür geht zaghaft auf und das kleine Mädchen fragt, was mit seiner Orange ist. Er blafft zurück: "Ich bin gerade beschäftigt. Schäl einen ganzen Sack!" Nach weiterem Small-Talk verlasse ich schließlich sein Büro und damit auch Guinea mit gestempelten Dokumenten, einem halb ausgetrunkenem Espresso und einem ganzen Sack voll geschälter Orangen.
    Auf der Seite von Sierra Leone geht es auf Englisch weiter, ich werde den ganzen Tag brauchen um mich in der Denkweise der Sprache umzustellen. Dem Zöller an der Passkontrolle fällt es nicht auf, dass mein Visum noch nicht gültig ist, das Geräusch des Stempels, der in meinen Pass gehämmert wird gleicht dem Geräusch welches der Stein macht, der mir in diesem Moment vom Herzen fällt. Nachdem der übliche Kram zügig erledigt ist, geht's zuletzt noch ins Büro vom Straßenverkehrsamt. Hier muss Straßenmaut gezahlt werden. Der Beamte mit Bauchtasche, Unterhemd und Sonnenbrille sitzt in einem kitschig eingerichteten Büro und heißt mich in seinem wunderschönen Land herzliche Willkommen. "Sogar Tiger gibt es!" erzählt er mir. Ich lasse ihn in dem Glauben, dass es in Afrika Tiger gibt, vielleicht meinte er auch einfach Löwen.
    Es geht über einen erstklassigen Highway, der die Straßenmaut von 25€ absolut wert ist bis nach Freetown. Es gibt wieder diverse Checkpoints, deren Polizisten vor Begeisterung kaum wissen, was sie fragen oder welche Dokumente sie verlangen sollen. Nach vielen Jahren Bürgerkrieg ist Sierra Leone mittlerweile wieder zur Normalität zurückgekehrt und Touristen, wenn auch bislang nur vereinzelt, bestätigen dies. Kurz vor Freetown fährt vor mir ein Sammeltaxi, der Fahrer fährt rechts ran um Fahrgäste abzusetzen. Eine Situation, die es bereits hundertfach gegeben hat und die für mich das Signal zum Überholen ist. In dem Moment, als ich überhole, sehe ich, dass keine Fahrgäste abgesetzt werden, sondern dass aufgrund einer Polizeikontrolle angehalten wird. Der Polizist ist außer sich und brüllt schon, bevor ich überhaupt stehe. Ich rechne fest damit, jetzt zahlen zu müssen, schaffe es aber irgendwie aus dieser Situation raus und werde nach rund 5 Minuten intensiver Vorwürfe plötzlich weitergeschickt. Puh, nochmal gut gegangen.
    Das Stadtzentrum von Freetown taucht auf, unterscheidet sich optisch deutlich von Conakry. Die Stadt ist sehr hügelig, die Häuser am Berg gebaut. Der Verkehr ist jedoch 1:1 der gleiche wie am frühen Morgen. Ich fahre bis tief ins Stadtzentrum und finde einen Platz zum Campen im Hof eines Gästehauses. Ich bin der einzige Gast und die Besitzerin hat keine Ahnung, was sie für eine Nacht im Auto verlangen kann. Ich biete ihr 15€, was sie mit "Das ist mehr als genug." kommentiert.
    Mit dem Erreichen von Sierra Leone bereise ich gleichzeitig auch meinen insgesamt 100. Staat. Welch ein Meilenstein.
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