Tag 81, 62 Km/12607 Km
November 18, 2024 in Sierra Leone ⋅ ⛅ 29 °C
In der Nacht regnet es heftig. Ich freue mich über die kurzzeitig angenehmen Temperaturen, die Freude hält am Morgen nicht an, da die Kombination aus Luftfeuchtigkeit und Hitze mir ordentlich zu schaffen macht. Jeder Handgriff ist anstrengend und wird mit Herzrasen und Schweißausbrüchen begleitet.
Leider muss ich mich auch heute wieder mit einer Behörde rumschlagen. Ich brauche noch ein letztes Visum, Ghana. Wenn ich Glück habe, ist das also der letzte Behördengang. Das Visum für Ghana ist eigentlich nur im Heimatland erhältlich, Freetown ist der einzige Ort, an dem das Visum noch verfügbar ist. Der Konsul hat einen Teil seiner Familie in Deutschland und drückt bei Deutschen gerne ein Auge zu. Ich bereite also alle Unterlagen vor, lasse alles in einem kleinen Copyshop an der Straße ausdrucken und fahre zur Botschaft. Wieder einmal muss das Geld bei einer Bank eingezahlt werden. Die Frau am Empfang in der Botschaft nennt mir die Adresse der Bank, diese ist 5 Minuten entfernt, also kein Problem denke ich. Die Odyssee beginnt, ich weiß es nur noch nicht: An der angegebenen Adresse gibt es keine Bank.
Ich suche also eine andere Bank mit dem gleichen Namen übers Internet, fahre quer durch die Stadt. Der Name der Bank steht dran, es gibt jedoch nur einen Geldautomaten. Geld auf ein Konto einzahlen geht nicht. Ich Frage mich durch, fahre links/rechts/hoch/runter durch eine Gegend, die durchaus auch in einer Favela in Rio de Janeiro sein könnte bis ich endlich eine passende Bank finde. Im gesamten Viertel liegen Leute auf der Straße. Obdachlos, Heroinabhängig, ohne Hose. Ich Frage zwei Straßenpolizisten, ob sie auf mein Auto aufpassen, während ich in der Bank bin. Machen sie. In der Bank totales Chaos, Müll auf dem Boden, zig Leute gleichzeitig an den Schaltern. Nach 20 Minuten habe ich mich bis vorne durchgeschlagen und gebe der Dame an der Kasse Kontonummer und das Geld. Diese zählt und es fehlen 35 Leone, umgerechnet 1,50€. Ich habe nirgendwo mehr Bargeld, muss also welches abheben. Am einzigen Automaten der nicht defekt ist wieder eine Schlange. Als ich endlich dran bin, werden alle drei Kreditkarten die ich habe abgewiesen. Es gibt noch einen anderen Geldautomaten 500 Meter weiter die Straße runter, also zu Fuß durch das Slum vorbei an Bettlern und schrägen Typen. Mehrfach werde ich auf dem Weg angesprochen. "Gib mir dein Portemonnaie", "Gib mir Geld" "Hey Weißer" gilt es zu ignorieren. Zum ersten Mal fühle ich mich auf der Reise berechtigt unsicher. Ich bekomme endlich Geld, laufe zurück, mache die Einzahlung, steige ins gut bewachte Auto. "Where is my lunch?" sagt die Polizistin. Den Kugelschreiber den ich ihr fürs Aufpassen auf das Auto schenke, kann sie zwar nicht essen, sie freut sich aber trotzdem. Schnell weg von hier und zurück zur Botschaft. Alle Unterlagen sind da und werden geprüft. Die Hotelreservierung, die ich brauche, ist in Deutsch. "Die muss auf Englisch sein". Also Sprache bei 'Booking.com' auf Englisch umstellen, neue Bestätigung runterladen, auf den Laptop ziehen, dann auf den USB-Stick und dann glücklicherweise in der Botschaft ausdrucken.
Der Konsul macht einen Check meiner Unterlagen und zitiert mich in sein Büro. 10 cm tiefer an seinem Mahagonischreibtisch sitzend als er, fragt er mich, wieso ich ein Irak-Visum im Pass habe. Das gefällt ihm nicht. Ich erkläre ihm glaubhaft, was ich dort gemacht habe und werde nach kurzem Small-Talk über seine Familie in Deutschland entlassen. 3 Tage dauert das Visum, ich werde angerufen, wenn es fertig ist. Das mit dem Anruf klappt ganz bestimmt.
Es ist zwar mittlerweile schon später Nachmittag, ich besichtige dennoch das Kriegsmuseum, welches den Bürgerkrieg thematisiert. Keine leichte Kost. Der Rundgang wird durch einen Museumsführer geleitet, drei Stunden dauern die Erklärungen. Die schlimmsten Fotos vom Krieg sind mit schwarzen Vorhängen verhangen und können angesehen werden, wenn einem nach Fotos von abgeschnittenen Köpfen oder verbrannten Kindern ist.
In der Kantine der benachbarten Universität kann ich mittendrin etwas essen. Ich darf aber niemandem verraten, dass ich kein Student bin, sagt der Museumsführer. Zum Glück fällt meine weiße Hautfarbe nicht auf, also bekomme ich als 'Jurastudent für einen Nachmittag' für 2€ Reis mit Salat und Zwiebeln.
Als ich am Nachmittag wieder zum Stellplatz zurückkehre, treffe ich zufällig zwei Reisende, mit denen ich schon mehrfach zusammen gereist bin. Ein erneuter Beweis dafür, wie klein die Welt ist. Ohne Wertsachen ziehen wir abends gemeinsam durch Freetown, trinken Bier in einer Bar. Manchmal reicht die Anwesenheit zweier weiterer Europäer gepaart mit mehreren Flaschen Bier um sich ein Stück wie zu Hause zu fühlen.Read more















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