• Tag 90, 182 Km/13435 Km

    November 27, 2024 in Liberia ⋅ ☀️ 29 °C

    Am Abend regnet es heftig. Nein, es schüttet regelrecht. Donner, Blitz, das volle Programm. Mit jeder Minute Starkregen schwindet meine Hoffnung, die Piste am nächsten Morgen problemlos zurückfahren zu können. Am Morgen tröpfelt es noch immer und meine beiden Reisebegleitungen brechen mit dem ersten Licht auf um mehr Zeit für die Piste zu haben. Aktuell habe ich keinen Zeitdruck und denke sogar darüber nach noch einen Tag zu bleiben und besseres Wetter abzuwarten, starte dann aber schließlich doch, immerhin sind die beiden noch nicht schlammbesudelt zu Fuß zurück gekommen. Mittlerweile ist auch die Sonne da und die Piste angetrocknet, für den Defender ist der Lehm tatsächlich kein Problem. Fahrtechnisch ziehe ich noch längst nicht alle Register, erreiche die Asphaltstraße und mache mich auf den Weg nach Liberia.
    Bei der Ausreise aus Sierra Leone läuft alles vollkommen entspannt, einer der Zöllner spricht deutsch, wurde in Deutschland ausgebildet. Er weicht nicht von meiner Seite bis seine Kollegen alles gestempelt haben, übt mit mir währenddessen deutsch. Es wird das Carnet gestempelt, meine Daten in ein Buch geschrieben. Dann der Pass, meine Daten werden in ein Buch geschrieben. Dann Kontrolle der Gelbfieberimpfung, meine Daten werden in ein Buch geschrieben. Anschließend muss ich in ein Büro, in dem man mir zeigt, wie man richtig hustet und wie man sich die Hände desinfiziert, meine Daten werden in ein Buch geschrieben. Zuletzt gibt es ein weiteres Büro, wo zum Abschluss ohne weiteren Grund meine Daten in ein Buch geschrieben werden. "Wer schreibt, der bleibt" sagt mein halbdeutscher Zöllner - ich darf jedoch ausreisen.
    Die Grenze auf liberianischer Seite ist deutlich hektischer, es ist viel Betrieb. Im ersten Büro guckt ein Beamter Tarzan auf einem Laptop und schreibt die Daten meiner Gelbfieberimpfung in ein Buch, während er seinen Blick kaum vom Bildschirm lassen kann. Entsprechend sieht sein Geschmiere in dem Buch aus. Zweites Büro, auch hier noch einmal Kontrolle der Impfung, wieder gibt es ein Buch, hier jedoch ohne Tarzan. Doppelt hält ja bekanntlich auch besser! Es gibt hier extra ein Buch 'für Leute wie mich', also für Weiße. Ich frage mich an der Stelle nicht zum ersten Mal, was mit den Büchern passiert. Es muss ganze Zimmer voll davon geben.
    Beim Einstempeln frage ich den Oberzöllner, der gerade Fußball auf einem XXL-Flachbildschirm schaut, ob ich ein Zertifikat für meinen Feuerlöscher benötige. Andere Reisende haben berichtet, dass es ohne dieses Zertifikat zu Problemen kommen kann, einer davon wurde sogar zur Strafe an einem Checkpoint am Kragen gepackt und geschüttelt. Es gibt tatsächlich ein offizielles Büro für die Prüfung des Feuerlöschers und obwohl meiner brandneu und in der EU zugelassen ist, benötige ich das Prüfzertifikat. Der Prüfer ist derart fähig, dass er den Feuerlöscher prüfen kann ohne ihn zu sehen. Die Prüfung besteht darin, mich zu fragen, ob ich einen Feuerlöscher habe. Ja = Prüfung bestanden. Das Zertifikat kostet 15€, mehr als der Feuerlöscher bei Amazon. Nach bestandener Prüfung fühle ich mich mit dem frisch geprüften Feuerlöscher deutlich sicherer als vorher und kann endlich einreisen. Ich kaufe eine SIM-Karte, 2 Gigabyte kosten 700 Liberian Dollar. Ich brauche 4 Gigabyte, der Verkäufer sagt mir, um das auszurechnen müssen wir erst zu jemandem gehen der rechnen kann. In einem Holzverschlag sitzt einer auf einem Plastikstuhl, für ein paar Cent kann man von ihm das Gewünschte im Kopf ausrechnen lassen. 2x700=1400 Liberian Dollar sind nun also für das Datenvolumen zu zahlen.
    Ich fahre in den Ort Robertsport, finde einen Platz neben einer kleinen Lodge direkt am Meer. Es gibt eine Bar und ein Restaurant, ich bestelle Abendessen für 18:00. Als sich kurz vor 18:00 noch nichts tut, frage ich nochmal nach. "Das Essen wird gerade gekocht, ist gleich fertig!" sagt man mir. "Kann ich etwas zu trinken bekommen?" "Leider nicht, der Schlüssel von der Bar ist weg." 3 Minuten später kommt einer der Herren aus dem Restaurant zu mir: "Es gibt auch kein Essen. Es hat niemand eingekauft". Willkommen in Liberia.
    Ich könnte zwar selber kochen, hab aber kaum mehr etwas verfügbar, der letzte Supermarkt war in Freetown. Also gehe ich zum Strand, frage einen der Fischer, mit dem ich am Nachmittag kurz gesprochen habe, ob er mir etwas kochen kann. Er braucht erst Geld, um einzukaufen. "Das Essen ist in einer Stunde fertig." Als er mir nach 30 Minuten Reis mit Hühnchen bis ans Auto bringt, kann ich es kaum glauben und bestelle direkt für den nächsten Tag vor. Liberia kann offenbar auch anders.
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