10.Etappe:Und es muss „Verrückte“ geben!
March 31 in Spain ⋅ ☀️ 22 °C
Und es muss „Verrückte“ geben!
Muss es das? Ich finde ja!
Auf jeden Fall wenn man verrückt in die zwei Wort ver- und -rückt teilt.
Es soll weg-gerückte benennen. Menschen, die nicht das normale Leben führen, sondern die weg gerückt sind vom „Standard“. Menschen die Dinge tun, die außergewöhnlich, die schräg, die spleenig sind.
Einen solchen Typen hab‘ ich heute getroffen. Alejandro! Der Mann am Wegesrand, der Stempel in ein Wachsbett gießt, dessen Farbe/Farben jeder selbst bestimmten kann.
Wollen wir jedoch den Tag mit dem beginnen, mit dem er normalerweise beginnt: Mit dem Morgen!
Kurz vor 8 Uhr war‘s als ich meine Äuglein öffnete und die Ü60 Träume beendete.
Eine interessierte Dame schrieb mir, was ich denn bei den Ü60 Träumen träume?
Meine sehr verehrte Mitleserin, was wohl?
Natürlich Sex, Drugs und Rock n‘ Roll! Ganz klar!
Denn Träume über/mit Schnabeltasse, Toilettenstuhl und Rollator sind nicht wirklich Alternativen 😁.
Dies geklärt, geht‘s nun weiter mit der Feststellung, dass es heute morgen kein Frühstück gab. Warum? Nun ja, mein Restaurant von gestern hat heute Ruhetag und ist ansonsten die einzige Kneipe im Ort. Nicht schlimm dachte ich, denn der Camino versorgt seine Pilger. Auf der Karte geschaut und gesehen, dass nach wenigen Kilometern ein Café kommen soll. Perfekt!
Rucksack geschultert und raus in einen fantastischen Morgen. Keine Wolke am Himmel und die Temperaturen angenehm. Zwar zog ich Weste und Windbreaker übereinander an, aber wie sich herausstellte reichte T-Shirt und Weste vollends. Es war ein angenehmer Morgen. Der Weg ging wie gewohnt hoch und runter. Ein munteres Spielchen, welches durchaus Hunger und vor allem Durst machte.
Der Mensch -vor allem der Pilger in der Karwoche- hält ja vieles aus, so dass ich zwar nach Frühstück (Cola, Kaffee, Brötchen) lechzte, aber dies meine gute Laune nicht trübte. Gute Laune deshalb, weil sich mein rechter Fuß -wie bekannt mein Sorgenkind- von einer 7,5 auf eine 8,5 hochgeschoben hatte. Will heißen, heute morgen hat er nicht gezwickt, sondern sich mit vollem Einsatz zum Wanderdienst gemeldet. Sehr schön, dachte ich, das wird noch was mit dem „Wunder von Santiago“.
Ein leichter Dämpfer erhielt dieser schöne Morgen, als das potentielle Kaffee sein Potential nicht ansatzweise ausschöpfte, da es noch komplett zu war.
Na ja, na ja, da kommt bestimmt bald was, so sprach ich zu meiner Verdauung.
Bevor jedoch das Highlight Frühstück kommen konnte, gab es mitten auf‘m Weg einen kleinen Menschenauflauf. Nanu, was ist denn da los?
Interessiert schaut ich mir an was so interessantes am Wegesrand geschah!
Da saß ein Mann, dessen Arbeitskleidung wenig an einen Geschäftsmann erinnerte, der jedoch unentwegt quasselte und mit einem Bunsenbrenner hantierte. Die Pilger standen in Schlange und hielten alle ihre Pilgerpässe bereit.
Jetzt kapierte ich: Hier gab‘s einen Stempel für den Pilgerpasse.
Aber Hallo, nicht nur irgendeinen, sondern ein Very-Super-Special-Wax-Edition.
Der Hersteller der Stempel hieß/heißt Alejandro. Ob Künstlername oder nicht, jedenfalls versteht er sein Geschäft als Dienstleister im Auftrag des Herren für die Schäflein des Herrn.
Alejandro hatte viele verschieden farbige Wachskerzen. Er fragte denjenigen, der an der Reihe war, welche Farben er den wünschte. Da die Reihe länger war hatte man etwas Zeit sich auf diese knifflige Frage vor zu bereiten. War man dran, nannte man die Farben und Alejandro wählte die entsprechenden Kerzen aus, machte sie mit dem Bunsenbrenner heiß und ließ dann das Kerzenwachs auf den Pilgerpass tropfen. War genügend Wachs auf dem Papier nahm er seinen Stempel und drückte ihn in die Wachsmasse. Zum Abkühlen wurde der Pass beiseite geschoben und ein neuer Wachsstempel begonnen. So hatte er immer einen in Arbeit ein zweiter konnte abkühlen. Ein wohl durchdachter „workflow“.
Während er das alles machte, quasselte er unentwegt. Und wenn seine Zigarette ausging nahm er einfach den Bunsenbrenner von der Kerze weg und zündete damit die Zigarette wieder an.
Als ich an die Reihe kam war ich überfordert. Ich hatte Fotos und Videos gemacht und dabei nicht an die Auswahl meiner Farben gedacht. Dann stand ich vor Alejandro und… …äääähhhh… …was mach, was nehm ich, was mich…. …nix kompliziertes… …was schönes… …was etwas mit mir zu tun hat…
Tja, meine interessierten Leserinnen und Leser, da viel mir tatsächlich nichts besseres ein, als das gelb-tot-gelb der badischen Flagge. Tatsache! Ich bin sicherlich kein Verfechter der Idee des Großherzogtums Baden, aber ein bisschen Lokalpatriot bin ich denn doch. Die Farben des Glottertals‘ waren zu kompliziert. Die Farben von Sachsen und Baden liessen sich nicht mischen. Schwarz-rot-gold wären noch gegangen, aber das mir zu groß gesponnen. Badisch gelb-rot-gelb fand ich dann echt gut. Und so ließ Alejandro gelb, dann rot, dann gelb auf meinen Pilgerpass tropfen. Während er das machte gab er uns (einer Australierin und mir) noch Tips wie wir weiterlaufen sollten. Da wäre eine Weg, ein Camino Contemplation, denn sollten wir unbedingt nehmen. Die Erklärung lieferte er in spanenglisch, einem Mix aus Spanisch und Englisch.
Und was kostet der Spaß? Soviel wie es einem Wert ist!
Alejandro hat keine Preisliste. Nur eine Art Napf steht nebendran, in den die Pilger das reinlegen was sie als angemessen betrachten. Was ist angemessen?
Keine einfache Antwort auf diese Frage. Ein Euro ist sicherlich zu wenige, zehn Euro sicherlich zuviel. Ich gab/warf vier Euro in den Napf. Wieso vier?
Hmmh, das war das einzige Kleingeld was ich noch hatte. Im Geldbeutel waren sonst nur fünfzig Euro Scheine.
Und Kreditkarte nahm Alejandro nicht.
S‘ Finanzamt, versteht ihr?
Alejandro war nur mit Stempel machen beschäftigt. Nebendran hatte er noch andere Dinge im Sortiment. Rechts war ein Bauchladen voller Krims-Krams an Ketten, Ohrringen und Armbändern. Links war ein Korb mit abgepackten Süßigkeiten, Bananen und in zwei Kühlboxen lagen Getränke. ALLES auf Basis, gib was Du für angemessen hälst. Ist das nicht verrückt dieses Geschäftskonzept? Oder ist es nicht viel eher genial?! Genial deshalb, weil redliche Menschen -davon gehe ich aus- wohl eher mehr in den Topf (Napf) schmeißen, als sie müssten, alleine wegen des guten Gewissens. Oder wie sehen die werten Mitlesenden die Sache?
Alejandro war eine echte Attraktion. Diese Attraktion löste jedoch mein Problem mit dem fehlenden Frühstück nicht. Nach ca. 2 Kilometer kam der nächste in der Karte verzeichnete Versorgungsstop. Dieses Mal war‘s ein alter Mercedes, der als Kiosk ausgebaut war. Der Kioskbetreiber war leider kein Frühaufsteher und so war er erst in den Startlöchern als ich vorbei kam.
Der Camino kümmert sich um seine Pilger! Um mich kümmerte er sich in Form eines viereckigen Schildes mit Hinweis auf die Bar Pascacio. Lediglich 200 m vom Camino entfernt soll der Ort sein, an dem mein Dürsten und Hungern ein Leiden fand. So war‘s denn auch. Und wieder mal bestätige der Camino, dass er sich um seine Pilger kümmert.
Der Rest des Weges war super schön entlang eines Flusses. Auf dem Weg kreuzte ich immer wieder mit drei Damen meinen Weg. Mal waren sie voraus, mal ich. Ich glaube es sind Mutter mit ihren zwei Töchtern, bin aber nicht sicher und hab mich nicht gefragt. Jedenfalls war ich für die Damen der Camino-Fotograf. Wenn‘s passte lichtete ich die drei Damen immer ab.
Lustiger weise traf ich die drei heute Abend in der Pilgermesse in Pontevedra. Auf dem Foto mit allen Pilgern sind‘s die, die so in meine Kamera lächeln.
Und ja, liebe Interessierten, ihr habt richtig gelesen, ich war in der Kirche. Genauer in der Pilgerkirche von Pontevedra zu einer Pilgermesse.
Wer hätte das gedacht. Der alte Kirchenkritiker geht in eine Messe.
S‘ kommt noch schlimmer!
Ja, ich gestehe: Ich hab‘ mir heute einen Wunsch-Stein gekauft.
Einen Kauf, von dem ich vor Tagen noch dachte „Wer in der Welt kauft solch einen Stein?“ Nun weiß ich‘s besser: ich bzw. auch ich!
Pontevedra ist eine schöne lebendige Stadt. Tolle alte Innenstadt.
Und wie ich es liebe, dieses spanische Lebensgefühl. Abends sind alle Gassen, Straßen voll. Die Menschen flanieren, plappern sitzen in Bars und auf den Plätzen. Ein tolles, freies, ungezwungenes Leben.
Nur Pulpo, den kann ich jetzt nicht mehr sehen. Hatte heute wieder Pulpo zum Abendessen. Jetzt reichts. Ab morgen gibt‘s wieder so was bodenständiges wie Hühnchen mit Reis. Jawoll!
Heute Abend war ich bei meiner ersten Prozession in der Semana Santa. Ich hab die Videos/Fotos in zwei exktra Beiträgen online gestellt. Das ist schon ganz speziell was die Spanier hier in der Semana Santa so treiben. Während ich hier auf dem Bett sitze und tippe, höre ich die Bläser und Trommler durch die Straßen ziehen.
Langsam komme ich zum Ende. S‘gäbe noch einiges zu berichten, aber s‘reicht. Für interessierte MitleserInnen und für mich.
Morgen beginnen die Hardcore-Karwoche-Tage. Drei anstrengende Etappen bis nach Santiago. Wir werden sehen wie‘s mir ergeht.
Wünsche eine gute Nachte und viele schöne Träume egal of U60 oder Ü60.Read more































Ach wie lustig, heiter und und so schön frech-ehrlich sind doch immer wieder Deine Berichte. Es zaubert mir ein Lachen zum Abend ins Gesicht. Wir dürfen mit Dir reisen. Wie schön !!!! [Viktoria]
Traveler
Mit Wasserdurchlauf ?
Traveler
so jetzt schauen wir mal ob Deine Wünsche ( Wunschstein),und seien sie noch so profan ( S,D+R 😉),in Erfüllung gehen 😁