9. Etappe: K & K
March 30 in Spain ⋅ ☀️ 17 °C
K & K
Das sind die zwei Teile meines „Trödeltages“.
Kommunikation und Kontemplation
Kommunikation ging morges gleich beim Aufbruch aus meiner Strandbehausung los.
Zwei jung gebliebene Damen .-in meinem Altersbereich- folgten mir, als ich Rucksack schulternd vom Strand in Richtung Berg aufbrach.
Die eine der beiden Damen sprach mich denn auch gleich an „Do you go to Santiago too?“ „If time and tide allows, yes!“, so meine Antwort.
Ab dann waren wir ein Team. Val aus Manchester und Marianne aus Siegen.
Für Val ist es der zweite Camino. 2014 machte sie den Comino Coastal und dieses Jahr -so wie ich- den Camino Central. Für Marianne ist es der erste Camino. Sie startete einen Tag vor mir aus Porto und wählte den Camino Coastal. Wir drei „strandeten“ zusammen im Hostal Antol, umgeben von spanischen Pilgern. Als ich gestern Nachmittag im Hostal ankam, war ich quasi der erste -ich dachte der einzige- Pilger. Also ich abends nochmal runterging war die Bude voll und die spanische Sprache feierte Partys.
Heute morgen nun wir drei auf dem Weg vom Strand in Richtung Camino. Da das Hostal nicht direkt am Camino lag, gab es keine gelben Pfeile. So verließen wir uns auf die Komoot-Navigation. Auf Komoot war leider nicht ersichtlich, dass der Weg zum Camino ein durchaus beschwerlicher war. Von 0 Meter Meereshöhe von 180 m senkrecht zur Höhenlinie steil bergan. Da pumpte mein Herz, welches eigentlich heute auf Maniküre-Pediküre-Lektüre eingestellt war. Auf halber Höhe trafen wir Gustavo. Er kam aus einem Haus, dessen Außenwände über und über mit Gegenständen des katholischen Lebens verziert war. Er erzählte uns stolz, dass das Haus seinem Bruder gehörte und es weit über den Ort hinaus bekannt sei, denn das Haus würde abends leuchten wie eine Disco. Alles würde blinken, glitzern, schillern und leuchten. Leider, leider war es für uns früher Morgen, so dass uns die Devotionalien-Disco vorenthalten blieb.
Val, Marianne und ich erzählten uns über die gemachten Erfahrungen, Erlebnisse und Pläne auf/für dem Camino. Marianne -ungefähr mein Alter- hatte bis dato immer in Gemeinschaftssälen geschlafen. Gestern war das erste Mal, dass sie ein Hostal mit Einzelzimmer gebucht hatte. Sie sagte, dass es nun genug sei mit Stockbetten im Gemeinschaftsräumen. Sie hätte die Schnauze voll (O-Ton). Ab jetzt gibt‘s nur noch Einzelzimmer mit eigenem Bad. Sie erzählte denn auch Geschichten wie z.B. von Weckern, die um 5.30 Uhr runter gingen. Von Bettwäsche, die nur bedingt sauber zu nennen war. Das in-Lauerstellung-sein, um eine der ersten in der Dusche zu sein.
War schon interessant zu hören und für mich die Bestätigung, daß meine Wahl bisher eine ganz gute war.
Was sie hatte -zwangsläufig-, war noch vielfältigere Kontakte zu PilgerInnen als ich. Auch hier hatte sie einige Geschichten zu erzählen von jungen Frauen, die körperlich nicht weiter konnten und Zug und/oder Bus nach Santiago nahmen/nehmen.
Val, die ebenfalls über den Camino Central gekommen war, erzählte, dass sie bei einem privaten Gastgeber übernachtet hatte, der ihr abends Fotos von seiner aktiven Zeit in Santiago zeigte. Dort ist ja dieses Schwingen des Weihrauchkessels eines der Hauptspektakel. Sieben Männer sind anscheinend nötig um den Kessel in Schwung zu bringen bzw. in Schwung zu halten. Und einer dieser Männer war -zu seiner Zeit- ihr Gastgeber. Der wiederum erzählte viele Geschichten aus seiner Weihrauch geschwängerten Zeit.
So war es in lustiges Miteinander, Val, Marianne und ich.
Ich selbst erzählte auch von meinen Begegnungen und Beobachtungen. Selbstverständlich kam ich auch auf das -von mir kaufmännische betrachtete- Geschäftsmodell von „Wunsch-Stein-Kaufen“ zu sprechen. Das gipfelte selbstverständlich in der rhetorischen Frage „Wer in der Welt kauft solche Steine?“ Marianne stoppte und sagte „Ich!“
Tatsache! Marianne hatte sich einen solchen Wunsch-Stein gekauft. Diesen im Stein gespeicherten -und bezahlten- Wunsch trägt sie bis nach Santiago. Dort wird der Stein (mit dem Wunsch) abgelegt (wo weiß ich nicht). Sie jedenfalls findet diese Idee toll und würde immer wieder solche Steine kaufen.
Und ich, ich war in meiner kapitalistischen Sichtweise bestätigt, dass es für jedes Produkt -und sei es noch so abwegig- KäuferInnen gibt.
Am Besten funktioniert dieses System natürlich mit Glauben. Bei Glauben muss man nichts liefern, sondern allenfalls Platzhalter (Steine) anbieten, in den der/die Gläubige ihren Glauben übertragen.
Klingt jetzt natürlich ziemlich kritisch, was ich per se auch in Sachen Religion/Glauben bin, aber wenn es jemand (in dem Fall Marianne) glücklich macht, dann ist es absolut wunderbar. Menschen glücklich zu machen ist das höchste Gut. Und wenn es in Form von Steinen ist, dann sind es eben Steine, die glücklich machen.
Später am Vormittag stieß noch Arielle zu uns. Arielle (ich bin mir nicht sicher ob der Name so geschrieben wird; ich hab‘ nicht nachgefragt) kommt aus Wiesbaden und kennt Marianne von gemeinsamen Nächten in der Gemeinschaftsunterkunft.
Es war denn eine illustre Gesprächsrunde von Redondela nach Ponte Sampaio.
In Ponte Sampaio trennten sich unsere Wege, denn hier war schon meine Herberge für die heutige Nacht.
Dies war Teil 1 meines Tages: Kommunikation.
In Ponte Sampaio ist das dominierende Bauwerk die alte Steinbrücke über den Fluß. Ach war das schön! Der Himmel blau, das Bauwerk beeindrucken, die Leute gut drauf und ich hatte Zeit. Der Camino führt über diese Brücke, so dass alle Pilger diesen Weg einschlagen. Da war ein stetes Kommen-Knipsen-Weitergehen. Da ich Zeit hatte und am Ponte rumlungerte, stellte ich mich gerne zur Verfügung, wenn es darum ging Freunde, Paare, Familien und Solo-Pilger auf „Fotos-für-die-Ewigkeit“ zu bannen.
Ab dem Ponte begann der zweite Teil meines Tages, die Kontemplation .
Später ging ich zu meiner Herberge und bezog mein -im Vergleich zu meinen zwei letzten Schlafräumen- absolut dekandent-luxuriöses Zuhause für heute Nacht.
Wer meine Berichte verfolgt, hat mittlerweile eine guten Überblick über die Betten, in denen ich meinen Body (Body=schönes neudeutsches Wort) lege.
Die Bandbreite -nicht die Bettbreite- ist wirklich erstaunlich. Und zum Überfluss an Luxus kommt heute hinzu, dass ich in zwei Räumen zwei Klimaanlagen habe -die funktionieren- und ich die Temperaturen nach Belieben hochjubeln kann. Was ein Geschenk!!
Der Rest des Tages bestand dann tatsächlich in Maniküre-Pediküre-Lektüre.
Und jetzt, 21.35 Uhr. liege ich im Bett mit vollgeschlagenem Bauch.
Das kostet alles „nix“ hier! Will heißen, im Vergleich zu Deutschland ist es sehr günstig. Meiner Herberge ist ein Restaurant angeschlossen, in welchem es Top 2 meiner Top 100 Lieblingsgerichte gibt: Spagetti Bolognese und Tintenfischer in ihrer eigenen Tinte (hatte ich gestern schon). So gab‘s heute Mittag Bolo und heute Abend Tintenfisch. Beides begleitet von Vino Tinto, Oliven und etwas Brot.
S‘Pilgerleben besteht aus einer Aneinanderreihung von Prüfungen des Entsagens. Kulinarischen Prüfungen des Entsagens! Ich gestehe: Ich erliege diesen Versuchungen des kulinarischen Lebens. Freiwillig! Und gerne! (Seufz)
Morgen ist ein neuer Tag. Ein moderater neuer Tag. Rund 16 Kilometer liegen vor mir. Das ist die 10. Etappe. Es fehlen dann noch Drei. Die haben‘s allerdings in sich. Jede Etappe deutlich über 20 Kilometer. S‘ ist ja Karwoche. Da muss der Bub -vor allem seine Füße- leiden. Das ist katholisch-genetisch so implantiert (jeder der noch Pfarrer Schlegel kennt weiß wovon ich spreche).
Jetzt geb‘ ich mich erstmal den süßen Träumen eines Ü60 hin.
Gute Nacht. Bis denne!Read more




















Traveler…für mich immer jeden Abend eine so schöne „ Gute Nacht „ Geschichte ! Danke
TravelerDa schließe ich mich Udo an, für mich jedoch die Lektüre zum Start in den Tag ☀️
Traveler
da haben ja einige gar kein Gepäck dabei ……. Tagestouristen 😉❓
Ding-Dong-DaHaben uns auch schon gewundert. Wahrscheinlichste Antwort: Die lassen ihr Gepäck von Station zu Station transportieren. S‘ gibt viele Anbieter dafür.