• Reisen in der Zeit des späten letzten Jahrhunderts

    February 23 in Qatar ⋅ ☀️ 28 °C

    Als wir jünger waren flogen wir ohne Versicherung und Blutverdünner. Unsere Vorfahren auch.
    Heut im aktuellen Alter hat man anderes dabei. Schon mal 2 Brillen… für Lesen und Fernsehen, Kopien der Dokumente, Zweithandy, Ladegerät…… vor 2008 war man mit einem Packen Papier unterwegs…vor der offizieller EU mit noch mehr Papier und Scheinen der entsprechenden Währung oder Schecks und Vouchern.

    Flüge in den 90igern, erinnere ich mich, waren versorgt mit richtigem Besteck und mehr Platz beim Essen als heute in 9000 m. Pappbrötchen waren noch nicht en vogue. Es war wirklich noch besonders. Heut’ ist Fliegen wie Bus fahren. Fliegen ist nicht mehr elitär. Die Überlegenheit schmilzt. Kommt da bei Influenzern u.ä. keine Unzufriedenheit auf? Okay, sie kennen es nicht anders.
    Steigerungen lässt es im "Schnell-effizienten Reisen" kaum noch zu, oder? Dafür haben wir Freiheit im Fliegen und mehr Sicherheit. Und Luxusprobleme. Ist der USB-Stecker im aktuellsten Standard?
    Komfort lässt sich aktuell noch in der 1. Klasse vergrößern, im integrierten Multimediabereich am Platz und mit der Lautstärke im (Langstrecken)Flieger.
    Und leider gibts wieder Reiseziele, die man aus Prinzip und politischem Kalkül ausschließt. Ein Rückschritt.

    Damals waren die Sitznachbarn noch chic. Heute ist's wie im Überlandbus. Gut, keine Hühner auf dem Schoß, aber vom Halbpunk bis zur Influenzerin oder antiautoritär erziehenden Eltern bis zu duftenden Knoblauchfreunden ist alles dabei. Vorgestern hab ich mir die koreanische Hühnergrippe oder so was eingefangen, jedenfalls liege ich gerade flach. Die Asiaten sind, was Husten, Prusten, Räuspern, Schneuzen, Schmatzen betrifft oft etwas rustikaler. Mal sehen, wie das in Japan ist. Ob das die kulturellen und positiveren Außenseiter sind.

    Ist Euch auch schon pasiert oder? Man guckt auch auf transsexuelle Reisende. Und weiß, auch andere gucken. So divers ist’s nicht, dass man drüber schaut. Und ebenso die dicklipppigen handyhaltenden, im Flug Instagram- und Schminktipps guckenden Püppis mit den großen Augen. Mal schauen, was nach den Kardashion-„Bootys“ kommt.

    Für die wurde der Fotoapparat irgendwann durch das Handy ersetzt, welches offensichtlich für das Selfie per Strahlung Serotonin an die auf der digitalen Erinnerung der Anzuhimmelnden sendet, um nach dem Auslösen in Bruchteilen von Sekunden in sich wieder zusammen zu fallen. Selfies aller Orten. Castingschnute, gestanztes Lächeln und schlanker Fuß ist wohl der geilste Moment. Die nächste zu erreichende Stufe müsste sein, das o. g. Gefühl doch eher im Liegen zu präsentieren, oder? Ich finde, daran darf noch gearbeitet werden. Die Römer konnten es auch.
    Doch zurück: Es hat etwas ernüchterndes in dem Moment, denn die Bedeutung dieser Fotos erschöpfen sich im Zeigen von Victoryzeichen, gestreckter Zunge, Piercing, Tattoo und dem Potential des Markenbekleidungskonsums. So sehen Reisepostings und Instagrameinträge oft aus: man sieht immer die gleichen Menschen und der besuchte Ort verschwindet im Hintergrund! Schad’. Die Frauen sehen aus wie vom Escortservice! Männer cool wie Mafiamitglieder im Markenfreizeitlook oder bewusst designter Sozialhilfelook unter der Sonnenbrille!

    Durch diese vermeintlichen Vorbilder sehen die kosmetischen Gesichter der Nachfolgegeneration oft ziemlich ähnlich aus. Die optische Perfektion der äusserlichen Anstrengung mit Quast, Stift und Puder ist oft schon beeindruckend, wird aber aufgrund der Maskenhaftigkeit und quantitativer Masse im Unterbewusstsein als unecht-künstlich abgelegt. Das scheint aber der Schritt zum perfekten Menschen zu sein, was in den USA mithilfe von genetischer Auswahl zum nächsten Geschäftsmodell werden könnte. Die sozialen Netzwerke sind dafür die Werkzeuge zur Selbstbestätigung. Denn Unzufriedenheit schürt Konsum. Und Wachstum ist in den Wohlstandsländern vorrangig durch Optimierung möglich. Mal sehen, was nach dem maximalen Ausreizen der Optimierung kommt.

    1750 bis Louis Daguerre tätig wurde gabs gar keine Urlaubsbilder Bilder. Nur Zeichnungen, Stiche oder Lithografien. Auch für Goethe. So sahen dann auf Depeschen, in Büchern und auf den daraus entstehenden Denkmälern und Brunnen in Europa z.B. auch die Delfine aus. Diese Riesenköpfe (schon mal erwähnt), dicke breite Mäuler mit ebensolchen Lippen. (die Vorlage für Posting-Püppies?) In dieser Zeit des Ruinenbaus für die entsprechende Romantik entstand so was wie Tourismus, weil höhere Einkommen nach 1800 nicht nur auf kirchliche Würdenträger, Söhne anerkannter Persönlichkeiten und feudale Niesnutzer verteilt wurden und Einkommen für weitere Bevölkerungsschichten über die Kosten des täglichen Verbrauchs hinausgingen. Was für eine Errungenschaft.
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